Meine kleine Nische

blumen

Ich erzähle euch heute eine Geschichte. Sie handelt von einem kleinen Mädchen.

Das kleine Mädchen hüpfte aufgeweckt und fröhlich den Steinweg zu ihrem zu Hause entlang. Irgendwie wirkte das große, weiße Haus mit Mauer ganz abgeschieden, da es durch einen Weg von der Hauptstraße des Dorfes abgetrennt wurde. Aber idyllisch. Die weiße, hohe Mauer, die selbst Erwachsene überragte, schloss ihre kleine Heimat ein. Das Tor, vor welchem sie hielt, war der einzige Zugang zum Grundstück. Genervt stellte sie fest, dass sie ihren Schlüssel vergessen hatte. Aber sie war mutig und nichts hielt sie ab. Siegessicher kletterte sie an den Sprossen des Tores hinauf, welches wackelte und knirschte, aber stabil war, sie bis jetzt immer getragen hatte. Oben angekommen warf sie ihre Beine über den Rand des Tores und stieß sich schwungvoll ab, um über beide Ohren strahlend im Hof zu landen. Sie ging zu einem Busch mit wunderschönen, rosafarbenen Blüten – ihre Oma hatte ihr einmal gesagt, was für Blumen das waren, aber das hatte sie bereits vergessen. Einzig und allein die Rosen, welche neben dem Busch mit den wundervollen Blüten standen und nur ihre Knospen zeigten, konnte sie namentlich zuordnen. Sie atmete tief ein, sog den Geruch der Blumen in sich auf, bevor sie sich auf den Weg über das Grundstück machte. Der Garten zog sie an, es war Erntezeit. Summend hüpfte sie am Haus vorbei, machte sich auf den Weg zu den Beeten, welche ihre Oma liebevoll angelegt hatte. Ihr erster Gang führte sie zu den Erdbeeren. Sie wusste, dass immer wieder einzelne Früchte nachreiften, obwohl die meisten Pflanzen schon keine Blüten mehr trugen. Etwas Rotes fiel ihr ins Auge und freudestrahlend stellte sie fest, dass sich tatsächlich eine reife Erdbeere unter einem Blatt versteckte. Sie rupfte sie ab und aß sie genüsslich. Nichts konnte an diese Erdbeeren herankommen. Die Him- und Brombeeren, welche rechts neben dem Erdbeerbeet am Zaun des Grundstückes wuchsen, ignorierte sie, ebenso wie die Gurken im Nachbarbeet. Sie mochte keine Gurken, also überließ sie deren Ernte anderen. Es waren die Tomaten, welche sie anzogen. Kleine, reife, süße Cocktailtomaten, die frisch gerupft am besten schmeckten. Leider entdeckte sie keine reife, alle waren noch grün – sie war wohl die letzten Tage zu gierig gewesen und hatte zu viel ihres Lieblingsgemüses gegessen. Sie ließ den Garten Garten sein und begab sich zum Zwergkaninchenkäfig, welcher im Vorraum des Hühnerstalls stand. Ihre Hasen hoppelten eifrig umher. Sie öffnete den Käfig und nahm vorsichtig eines der Jungtiere heraus – ein weises Geschöpf mit roten Augen. Fasziniert beobachtete sie, wie das kleine Häschen eifrig umherschnupperte und versuchte, ihrer Hand zu entwischen. Kaum hatte sie es gesehen, war es um sie geschehen und es hatte den Weg in ihr Herz gefunden. Vorsichtig streichelte sie es, bevor sie es sanft in den Käfig zurücklegte.

Sie hüpfte wieder aus dem Stahl heraus, blieb kurz stehen und reckte ihre Nase dem Sonnenlicht entgegen. Genüsslich ließ sie die Wärme durch ihren Körper fließen, bevor sie sich auf dem Weg zum Haus machte. Ihre Oma hatte immer gesagt, sie solle den Weg nutzen, welcher um den Garten und einen Sauerkirschbaum angelegt war, aber sie ignorierte ihre Worte und kletterte freudig auf den Baum. Kirschen wollte sie keine naschen, sie mochte viel lieber die süßen, aber sie hatte ein Vogelnest im Baum entdeckt. Immer wieder hatte sie versucht, höher im Baum zu klettern, aber sie kam immer nur bis zur Hälfte, da die Äste zu schmal wurden und ihr das Gefühl gaben, sie nicht halten zu können. Die kleinen Vögelchen zwitscherten und waren ganz aufgeregt, als ihre Eltern mit Futter zum Nest kamen. Sie kletterte vorsichtig wieder herunter, möglichst leise, um die Vögel nicht zu stören, und sprang schwungvoll vom letzten Teil des Baumstammes. An der großen, braunen Metalltür mit goldenem Glaseinsatz angekommen, versuchte sie, ob die Tür entriegelt war und sie ohne Schlüssel ins Haus gelangen konnte. Es klappte. Nach kurzem Drücken gab die Tür nach und ließ sie ein. Zwei Stufen auf einmal nehmend überwand sie den kurzen Absatz zum ersten Teil ihrer Wohnung, öffnete die Wohnungstür und schaute sich um. Ihre Geschwister spielten im Spielzimmer mit Legosteinen, ihre Oma und Mama diskutierten in der Küche. Langsam und leise schloss sie die Tür wieder und stieg die Treppen hinauf zum zweiten Teil ihrer Wohnung. Ihr Zimmer war das größte und schönste, stolze 20 Quadratmeter konnte sie ihr Eigen nennen. Sie mochte alles an ihrem Zimmer – ihr großes Bett, ihren verstellbaren Schreibtisch, ihren Schrank mit den vielen Fächern. Aber am meisten liebte sie ihre kleine Nische, welche sich an der Westseite des Hauses befand und einen Vorsprung zu ihrem Fenster darstellte. Sie nahm ihr Tagebuch aus dem Nachttisch, kletterte die Nische hinauf und machte es sich im Schneidersitz gemütlich. Die Sonne stand schon etwas tiefer, warmes, orange-gelbes Licht hüllte sie ein. Sie lächelte und begann zu schreiben:

Liebes Tagebuch,

heute habe ich keine Nische mehr. Dieses Haus, in dem ich einst aufgewachsen bin und welches mir immer wieder ein Idealbild von einem Ort, an dem meine Kinder aufwachsen sollten, vor Augen führt, gibt es nur noch in meiner Erinnerung, verbunden mit wunderschönen, gleichzeitig aber extrem grässlichen Zeiten. Und doch wandern Momente wie diese, die ich auf dem blauen Tor, in dem großen Garten, dem verwinkelten Kirschbaum, im Spielzimmer mit meinen Geschwistern oder in meiner kleinen, süßen Nische, die mich immer wieder an den wundervollsten Sonnenuntergängen hat teilhaben lassen, verbracht habe, in meinen Schrein mit wunderbaren Glücksmomenten, die mir keiner nehmen kann. Dieses Gefühl, wenn dir warm ums Herz wird und die Welt perfekt ist. Kein Ort kommt an den Ort ran, an welchem du aufgewachsen bist, dich sicher und geborgen gefühlt hast. Dieses Gefühl erneut irgendwo zu finden ist so verdammt schwierig, man wohnt zwar irgendwo, man ist aber nicht zu Hause. Ich habe damals Bohlsbach und dieses tolle, weiße Haus in mein Herz geschlossen und nie hat es ein Wohnort auch nur ansatzweise zustande gebracht, mir solche Momente zu vermitteln.

Bis jetzt.

Das Bild, welches oben zu Beginn des Beitrages zu sehen ist, habe ich ganz bewusst für diesen Beitrag ausgewählt. Es ist ein Beitrag, über den man nicht lange nachdenkt. Er schlummert in dir, die Worte sprudeln aus dir heraus. Ich habe das Bild bei uns im Garten gemacht. Es zeigt genau die Pflanze, welche ich als Kind neben Rosen am meisten geliebt habe. Und jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse oder es betrete, sehe ich, wie sie immer mehr blüht, spüre, wie sie mir immer mehr das Gefühl vermittelt, angekommen zu sein. Als wir uns für dieses Haus entschieden haben, wusste ich nicht, dass dieser kleine Busch vorne am Eingang steht, da er verdeckt und zugewuchert war. Aber jetzt, jetzt ist das wie ein Zeichen. Die Pflanze steht für Heimat. Sie vermittelt das Gefühl, angekommen zu sein. Endlich. Nach beinah 10 Jahren, die vergangen sind, als ich das letzte Mal an dieser Blume riechen konnte, kann ich es wieder machen. Und dabei spüren, dass das der richtige Ort ist. Dass es endlich ansatzweise so läuft, wie es sich mein zwölfjähriges Ich einst wünschte.
Und das ist Gold wert.

Bis die Tage,

Jess

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