Die Sache mit dem Funktionieren

Wer immer nur funktioniert, entzieht sich dem Abenteuer des Lebens.

Armin-Mueller-Stahl

Die meisten recht offensichtlichen Dinge werden einem in routinierten und gewöhnlichen Alltagssituationen klar. Sei es unter der Dusche, beim Bügeln oder beim Abwasch. Zumindest geht es mir so. Wie oft habe ich unter der Dusche schon die Lösung für ein Problem gefunden oder beim Aufräumen gemerkt, dass das, was ich eigentlich geplant hatte, so nicht funktionieren kann, wie ich es mir eigentlich vorstelle.

Heute war wieder so ein Moment. Und er führte mich genau zu diesem Beitrag, der momentan viel treffender ist als alle anderen, die noch in der Warteschlange stehen.
Im Moment habe ich einen recht routinierten und gleich ablaufenden Alltag, der hauptsächlich aus Haushalt und Nachhilfe geben besteht. Naja, mehr aus der Arbeit als aus dem Vergnügen. Und der häufig von den ganzen Pflichten rund um das Studium unterbrochen wird. Hier muss ein Stundenplan geplant werden, dort sollte man sich um die Anmeldung zu den Seminaren kümmern und eigentlich sollten auch noch irgendwann zwei Hausarbeiten geschrieben werden, für die allerdings noch die Bücher fehlen, weil ein Blockseminar abgesagt wurde und ich mich dementsprechend nicht Anfang Februar in Heidelberg verirrt habe. Und ganz ohne Grund nach Heidelberg zu fahren, nur um ein paar Bücher auszuleihen, ist mir mein hart verdientes Geld einfach nicht wert. Ein Teufelskreis.

Und weil es aus dem öden Alltag kaum einen Ausbruch gibt – geschweige denn die Zeit, etwas anderes zu tun – habe ich momentan das Gefühl, nur noch zu funktionieren, während das Leben an mir vorbei zieht. Jeden Morgen stehe ich mit dem Gefühl auf, dass mir der Tag nur Dinge bringt, die ich von gestern schon kenne. Morgens den Stress, den Haushalt am Laufen zu halten und irgendwie noch ein bisschen Zeit für das Studium und für mich zu finden, nachmittags von Nachhilfetermin zu Nachhilfetermin hetzen und mich nur noch damit zu motivieren, dass jede verdammte Stunde Geld bringt. Fragt mich nicht, wie ich es schaffe, bei meinen Schülern noch mit dem nötigen Elan und der richtigen Energie aufzutreten oder gar dafür zu sorgen, dass ihnen zum ersten Mal das so verhasste Fach Spaß macht – ich weiß es selbst nicht. Ich fühle mich auf dem Weg zu meinen Schülern total demotiviert und auch danach falle ich wieder in ein absolutes Loch. Aber es muss sein. Ohne die Stunden hätte ich kein Geld, und ohne das Geld würde gar nichts mehr laufen. Zu lange habe ich mich auf mein BaföG verlassen und dieses Rauskämpfen aus der finanziellen Miesere führt auch noch dazu, dass ich mehr und mehr Schüler übernehme, obwohl ich mein gesetztes Ziel von maximal zehn Schülern pro Woche schon überschritten habe. Ich funktioniere weiterhin, damit das Leben funktioniert. Solche Phasen gab es bei mir schon öfter, aber noch nie hatte ich das Gefühl, das Lächeln dabei komplett verlernt zu haben und irgendwie pausenlos unterbewusst daran denken zu müssen, wie ich alles unter einen Hut kriege, damit alles funktioniert. Damit ich funktioniere.

Glücklich bin ich damit jedenfalls nicht. Mir fehlt die Herausforderung, die ständige Konfrontation mit etwas Neuem, die freudige Empfindung, wenn man etwas erreicht hat, was mich selbst einen Schritt weiterbringt. Durch das Funktionieren denke ich, die ganze Zeit auf ein und derselben Stelle zu treten, was mich in den Wahnsinn treibt.

Ich möchte wieder leben, und nicht mehr einfach funktionieren.

Bis die Tage,

Jess

2 thoughts on “Die Sache mit dem Funktionieren

  1. Dieses Gefühl kenne ich so gut. Die Tage und Wochen ziehen vorbei und du erinnerst dich plötzlich kaum mehr daran, was du vorgestern gemacht hast oder wann du das letzte Mal wirklich frei von irgendwelchen Pflichten warst. Das ist bei mir auch schon so lange her. Aber die Erkenntnis, dass man nur „funktioniert“ ist schon der erste Schritt! Ich nehme mir mittlerweile bewusst mal den Sonntag frei und mache nur Sachen, die ich mag. Zum Beispiel entspannt frühstücken, in der Sonne spazieren gehen usw. Das muss man auch erst lernen, schätze ich.

    Übrigens – schöner Blog! Ich schaue mich mal um.

  2. Ich glaube, irgendwann kommt jeder an den Punkt, an dem das Leben einfach nur noch vorbeizieht und man nur funktioniert. Und ja, du hast definitiv Recht – Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. :)
    Das mit dem bewusst frei nehmen muss ich mal ausprobieren. Irgendwie ist es so schwierig, wenn man den Arbeitsplatz nicht unbedingt in einem Büro hat und um 17.00 Uhr „Feierabend“ sagen kann. Hmpf.
    Aber ich bin ja lernwillig. :D

    Vielen Dank! Fühl dich herzlich willkommen, liebe Lina. :)

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