Irgendwie tickt da jeder ein bisschen anders

Wenn ich durch mein Archiv scrolle und meine Beiträge von damals durchlese, fällt mir wieder ein, weshalb ich meinen Blog erstellt habe. Ich wollte eigentlich gar nicht bestimmte Themen anschneiden, die mir auf dem Herzen liegen, sondern vielmehr festhalten, was mir alles bis zum Abitur passiert – und darüber hinaus. Auch wenn ich 2012 eine ganz andere Intention hatte, als es heute der Fall ist und auch die Qualität meiner Beiträge nicht so berauschend war, bin ich froh, dass ich irgendwann angefangen habe festzuhalten, was meine Gedanken und Gefühle bei dem ganzen Lernstress waren, wie ich mit dem Prüfungsdruck klar kam und erst ganz langsam feststellte, wie es nach dem Abi überhaupt weitergehen soll. Denn umso leichter fällt es mir mich daran zu erinnern, wie es mir zu diesem Zeitpunkt ging und wie meine Nachhilfeschüler, die nun fast die gleiche Situation durchleben, sich fühlen müssen.

Generell finde ich es immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich Menschen mit solchen Situationen umgehen. Allerdings waren es nicht meine Nachhilfeschüler, die nun teilweise vor ihrem Realschulabschluss oder der Wahl der Fächer für die Kursstufe auf dem Gymnasium stehen, sondern mein kleiner (mittlerweile fünf Zentimeter größerer) Bruder, der mich zu diesem Blogeintrag inspiriert hat. Neben meinen Schülern steht er nämlich auch genau an diesem entscheidenden Punkt von „Es ist egal, was in der Schule passiert, solange man versetzt wird“ zu „Jede verdammte Klausur zählt in deinen Abschluss hinein“.

Die Zeit rennt einfach extrem. Mir kommt es vor, als sei es erst gestern gewesen, dass ich zusammen mit ihm, der noch in der siebten Klasse war, und meiner Schwester, die frisch auf der Schule war und zu den nervigen kleinen Fünftklässlern zählte, morgens mit dem Bus zur Schule gefahren bin und völlig vertieft in Lernstoff war, der mich eigentlich kaum interessierte. Mal ehrlich – wer braucht schon Biologie, Mathematik oder Französisch und wieso müssen wir in Religion immer über Dinge diskutieren, die doch eh auf der Hand liegen? So dachte ich damals. Mittlerweile machen gerade Mathematik und Französisch aber einen Großteil meines nachmittags und meiner Arbeit aus. Man kann sich also auch irren.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Als ich Montag unterwegs war und einen Schüler nach dem anderen abklapperte, bekam ich irgendwann vier Nachrichten von meinem Bruder, in denen er mir mitteilte, seine Kurswahl stünde nun an und ich solle mich bitte melden, sobald ich Zeit hätte. Das hat er dabei so dringend formuliert, dass ich dachte, es ginge um Leben und Tod und ich müsse mich noch unbedingt am gleichen Abend mit diesem Thema auseinandersetzen, also rief ich ihn um 20 Uhr nach sechs Stunden Nachhilfe an und gab mir mit rauchendem Kopf auch noch das Thema (nicht, dass es einen falschen Eindruck vermittelt – sowas würde ich auch noch um 12 Uhr nachts machen, wenn es um meine Geschwister geht. Das haben sie auch schon ein paar Mal ausgenutzt.. *gg*).

Irgendwie hatte das Gespräch etwas davon, meinen kleinen Bruder an die Hand zu nehmen und ihm einen Teil des großen, anstrengenden und ernsten Lebens zu erklären, denn er möchte sein Abitur genauso wie ich damals nicht nur bestehen, sondern auch einen guten Schnitt rausholen. Also wägten wir zusammen ab, welche Fächer für ihn sinnvoll seien, wo er am besten seine mündliche Prüfung machen könne und was es noch so alles bei der Wahl zu beachten gebe. Ich hab das ganze Drama ja schon hinter mir und konnte mich auch recht gut an den Tag erinnern, als ich diesen blöden Wahlzettel das erste Mal in der Hand hatte und nur Bahnhof verstanden habe (Informationspolitik wird an der Schule glaube ich nicht ganz so groß geschrieben.. aber das ist ein Thema, mit welchem ich mich zum Glück nicht mehr allzu oft auseinandersetzen muss).

Fazit des Telefonats war, dass mein Bruder meinen Weg einschlägt, sich gewissenhaft mit dem Thema auseinandersetzt und auch jetzt – zwei Jahre, bevor seine eigene Abiturprüfung ansteht – weiß, dass es so langsam um etwas Wichtiges geht und jede Entscheidung dafür eine Rolle spielt. An dieser Stelle möchte ich mal kurz einwerfen, dass ich deshalb wahnsinnig stolz auf ihn bin. Das ist nicht selbstverständlich.

Denn dass es auch anders geht und Menschen total unterschiedlich ticken, wenn es um ihren Abschluss (und damit auch um ihre Zukunft!) geht, merke ich an dreien von fünf Arbeitstagen.

Mittlerweile habe ich die unterschiedlichsten Schüler und viele von ihnen befinden sich schon in höheren Klassen. Und gerade bei denjenigen, bei denen es wie bei meinem Bruder so langsam um’s Ganze geht, merke ich gravierende Unterschiede. An sich gibt es drei Typen, würde ich grob sagen:

Typ 1 – Ich möchte viel, bin fleißig und arbeite hart dafür

Dieser Typ weiß immer ganz genau, wann welcher Termin ansteht und bereitet sich auf dem bestmöglichsten Weg darauf vor. Ab und zu kann es passieren, dass er durch die Fülle der Termine den Überblick verliert und eine wichtige Angelegenheit etwas verschwitzt – aber dennoch liefert er ununterbrochen gute Leistung. Ausrutscher sind selten und wenn einer vorkommt, so wird alles daran gesetzt, ihn wieder auszubügeln.
Klassenarbeitstermine werden nie verpennt und solche stupiden Dinge, wie beispielsweise das Auswendiglernen von Vokabeln, Formeln oder Definitionen, für einfache Tests fallen diesem Typen extrem leicht und werden meist in zwei bis drei Stunden erledigt.
Die Abwandlung dieses Typs ist der, der sich stets aufrichtig bemüht, aber dennoch im Mittelfeld spielt. An sich ist es ja auch nicht schlimm, „nur“ Mittelfeld zu sein, wenn gezeigt wird, dass ein gewisser Grundwille und -ehrgeiz vorhanden ist. Denn auch dies wird oftmals schon honoriert und fällt im Gegensatz zu Nichtleistung positiv auf.

Typ 2 – Hat in der Vergangenheit viel verpennt und merkt spät, was Sache ist

Typ 2 ist eine ganz komische Sorte. Das sind meistens Menschen, die jahrelang nichts oder nur kaum etwas getan haben und dann zwei Monate vor einer Prüfung merken, dass es doch ein bisschen arg viel ist. Hier beginnt dann meistens die Verzweiflung. „Schaffe ich das noch? Und das ist so viel! Gerade geht irgendwie alles den Bach runter! Ich weiß gar nicht, wie ich das schaffen soll!“.
Diese Gedanken kennt natürlich auch Typ 1, nur sind sie nicht überraschend. Der Gegensatz zwischen Typ 1 und Typ 2? Typ 1 setzt sich meistens genau in solchen brenzligen Situationen auf den Hintern und paukt. Stopft Lücken, falls vorhanden. Beißt die Zähne zusammen und kämpft sich durch den Aufgabenberg – es gibt ja auch Aussicht auf bessere Zeiten (wenn die Prüfungen erst einmal rum sind, hat man verdammt viel Freizeit, die man dazu nutzen kann, Verpasstes nachzuholen). Typ 2 hingegen jammert und redet viel, es ändere sich nun etwas und nun werde richtig gelernt und bla, bla, bla. Meistens ist das aber nur heiße Luft. Selten gibt es Ausnahmen, die dann tatsächlich die Erleuchtung haben und binnen kürzester Zeit vom Typ 2 zu Typ 1 mutieren.

Typ 3 – Abschluss? Pffff.. mir doch egal!

Den dritten Typen kann ich persönlich kaum ausstehen. Meistens ist diesem Typ natürlich auch bewusst, dass die Prüfungen anstehen und man endlich etwas tun sollte, um hauptsache zu bestehen – mit welcher Note ist dabei egal, hauptsache bestanden. ABER – und jetzt kommt das ganz große aber, was mich persönlich immer zur Weißglut treibt – bitte mit möglichst geringem Aufwand. „Kann man sich nicht auf Themen konzentrieren, die man einigermaßen beherrscht und den Rest komplett ausklammern?“ Nein, kann man nicht. Abschlussprüfungen fragen ja in der Regel nicht nur ein Thema ab, obwohl das Typ 3 gerade Recht wäre, sofern es denn das Thema ist, was einem einigermaßen liegt. Alles andere wäre unakzeptabel. Und während Typ 2 und Typ 1 dabei sind, möglichst viel zu pauken und Lücken zu füllen oder zu akzeptieren, dass es vielleicht doch nicht so prickelnd laufen wird, ist es Typ 3 schlicht und ergreifend egal. „Ich soll mir einen Lernplan erstellen? Wie? Ich sollte jeden Tag etwas lernen, vor allem in dem Fach, in dem es klemmt? WIE BITTE? Ich hab doch sooooo wenig Zeit!“ und solche Aussagen, obwohl Typ 3 meist die wenigste Zeit in der Schule verbringt und kaum Nachmittagsschule hat. Ihr glaubt, dass es das nicht gibt? Sorry Leute, ich muss euch enttäuschen. Anfangs dachte ich das auch. Aber auch dieser Typ ist mir mittlerweile über den Weg gelaufen.

Wieso ich das hier überhaupt zur Sprache bringe? Naja – es ist auch nicht schlecht, mal für sich selbst festzustellen, zu welchem Typen man gehört. Früher – also gaaaaaaaaaaaaaaaaaaanz, gaaaaaanz, gaaaanz früher, als ich noch süße 12 Jahre alt war und Harry Potter mein absolutes Lieblingsbuch – wäre ich selbst am liebsten so wie Hermine Granger gewesen. Fleißig, strebsam, ehrgeizig und immer im oberen Leistungsbereich. Mittlerweile weiß ich, dass ich nie Wochen vor einer Prüfung oder Sonstigem anfangen werde, zu lernen. Zumindest nicht in einem zeitlichen Abstand, wie eine Hermine Granger es machen würde. Aber ich habe mittlerweile gelernt, dass man ein viel entspannteres Leben führt, wenn man sich wie Typ 1 verhält und rechtzeitig mit allem anfängt und sämtliche Termine auf dem Schirm hat. Davor war ich Typ 2, nur nie mit schlechten Leistungen, sondern eher die Sparte, die im Schnellschuss irgendwie die geforderte Leistung erbringen kann. Lerneffekt ist dabei zwar gleich Null, aber ich habe abgeliefert, als ich abliefern musste. Das ist aber definitiv ein riesen Stress und seit ich das System von Typ 1 ausprobiert habe, war es weitaus weniger anstrengend (auch wenn ich mich noch in der Lernphase befinde – das mit Typ 1 klappt erst seit zwei Semestern und man möchte ab und zu doch in das alte Schema verfallen).

Puuuh. Ein langer Beitrag über ein Thema, was wohl eh die meisten Menschen nervt. Aber man lernt im Leben ja nie aus und irgendwie kamen die Worte nur so aus mir heraus, weil ich mich momentan tagtäglich mit allen drei Typen rumschlagen muss. Falls ich also zu viel über Lernen und solchen Kram philosophiert haben sollte – verzeiht mir! Aber es musste raus. :-)

Bis die Tage,

Jess

PS: Liebster Dani, vielen Dank für diese Inspiration. Irgendwie fühle ich mich nun viel leichter, weil so viele Dinge rund um das Thema Lernen und Lerntypen einfach abgelegt werden konnten. Du bist heute mein Held! :D

Kommentar verfassen