Stress gibt es nicht

Stress

Es ist Samstagmorgen, kurz vor 10.00 Uhr. Bald bin ich zwei Stunden wach und merke, dass es eine lange Woche war, denn irgendwie fühle ich mich träge und leicht schläfrig, obwohl ich heute schon einiges gemacht habe.
Ich war gestern und vorgestern nach langer Zeit (sieben Monaten!) in Heidelberg und hatte mein letztes Blockseminar, um das Modul der personalen Kompetenz abzuschließen. Ich habe es auch bestanden und bin wohl nun total kompetent, um Lehrer zu werden. Haha.

Mittwochabend hatte ich mich noch gefragt, was mir dieses Seminar bringen wird. Es sollte mein Schulpraxissemester reflektieren, aber hey, das liegt doch schon wieder drei Monate zurück. Was war denn überhaupt vor drei Monaten? Und wieso muss ich jetzt zu diesem Seminar? Es nervt mich. Eigentlich hätte ich es schon vor einem Monat abhaken können. Aber nein, es musste ja ausfallen. So eine Scheiße! Gott, wieso muss mir so etwas nur passieren! Wenn alles besser gelaufen wäre, hätte ich mir die letzten zwei Tage nicht diesen Stress geben müssen!

Erschreckend, wie schnell einem diese Worte über die Lippen oder über die Finger kommen. Und ich glaube jeder, absolut jeder, kennt diese endlosen Sätze, die sich in das Hirn schleichen, wenn man gerade gestresst ist. Im Seminar haben wir dazu eine Übung gemacht und waren uns einig, dass sowas immer wieder passiert, sich eine solche Situation wiederholt. Dass Ausrufe wie „Oh Gott!“ und „Warum habe ich nicht nur früher angefangen?!“ oder „Ich mag nicht mehr!“ einen in „Stresssituationen“ nur noch mehr stressen und man irgendwann am liebsten aufhören würde. Man setzt sich dadurch nur noch mehr unter Druck. Und doch sind es eher diese negativ besetzen Aussagen, die einem durch den Kopf gehen, wenn man abends vor einem wichtigen Termin, einer Klassenarbeit oder einer Klausur ins Bett geht und nicht abschalten kann. Selten heißt es dann „Du schaffst das!“, „Du hast genug getan!“, „Das wird schon“ oder „Sonst hat es doch auch immer geklappt, also mach dich nicht verrückt“.
Dabei könnten wir eigentlich selbst bestimmen, was uns in solchen Momenten durch den Kopf geht. Wie sehr unser Denken uns selbst stresst. Oder?

Die Dozentin hat an dieser Stelle das Modell von Friedmann Schulz von Thun, „das innere Team“, angeführt. In dem Moment habe nicht nur ich laut aufgestöhnt. Schulz von Thun kommt relativ häufig vor, wenn man sich mit sich selbst und der Kommunikation mit anderen auseinandersetzt und auch dieses Modell war mir schon bekannt. Es besagt, dass in uns mehrere Stimmen sprechen. Der Optimist. Der Realist. Der Zweifler. Der Enthusiastische. Der Terminplaner. Der Pessimist. Die Liste ist endlos und für jeden individuell erstellbar. Und es ist immer ein Unterschied, welche Stimme man mehr sprechen lässt, welche das Meiste zu sagen hat. Man selbst ist natürlich Teamchef und sollte entscheiden können, wann wer die Klappe zu halten hat und nicht am Teammeeting teilnehmen darf. Die Dozentin hat es dann auch noch ein bisschen weitergesponnen und wir mussten wirklich schmunzeln, weil sie ja Recht damit hat.

Aber auf die entscheidende Frage, WIE man es denn hinbekommt, nur die Stimmen sprechen zu lassen, die einen tatsächlich weiterbringen und nicht noch mehr unter Druck setzen, konnte auch sie keine wirkliche Antwort geben. Und das ist für mich eigentlich der entscheidende Aspekt, wie man besser mit Stress umgehen kann.
Dass es Stress eigentlich nicht gibt, er nicht in der Luft schwebt und die Farbe lilablassblau hat, war mir bewusst. Dass man in den meisten Fällen für den Stressgrad selbst verantwortlich ist auch. Nur fehlt mir noch die Antwort darauf, wie man es noch besser vermeiden kann, Stress zu empfinden. Mit den Jahren habe ich gemerkt, dass es definitiv hilft, einfach diesen ganzen negativen Stimmen, dem Zweifler, dem Terminplaner, dem Pessimisten irgendwie vorzubeugen. Nicht mehr auf den letzten Drücker zu arbeiten, um so auch von dem, was man geleistet hat, überzeugt zu sein. Sich wirklich einen Termin- bzw. Zeitplan anzulegen und auch die banalsten Dinge reinzuschreiben, damit es einfach auf einem Papier steht, man es abarbeiten kann und nicht ständig der Terminplaner mit „Ach guck mal da! Noch etwas, was du erledigen musst! Noch ein wichtiger Termin!“ um’s Eck kommen kann. Alles etwas optimistischer zu sehen, nicht so auf die negativen Aspekte fixiert sein. Klar habe ich nächstes Semester einen vollen Stundenplan und in Verbindung mit den ganzen Nachhilfeschüler wird das alles ein recht straffer Zeitplan, aber hey – wenn ich das so durchziehe, muss ich gar nicht mehr so lange zur Uni. Muss ich nicht mehr so lange als Nachhilfelehrerin arbeiten, sondern kann meine Brötchen mit meinem eigentlichen Traumjob verdienen.

Ich weiß, dass es Stress eigentlich nicht gibt, sondern dass man ihn sich verdammt gerne selbst macht. Dass manch andere in gewissen Situationen viel gelassener reagieren würden, als ich es ständig mache. Dass wiederum andere völlig durchdrehen würden, wenn sie meinen Tagesablauf hätten, weil „zu viel“ und „Oh Gott!“ und überhaupt.
Aber wann denkt man schon an diesen ganzen, theoretischen Kram, den man eigentlich schon kennt? Nur dann, wenn „der Weise“ in einem spricht. Und ich glaube, der kommt bei mir viel zu selten zu Wort. Er sollte wohl die Teammeetings leiten, an seiner Seite sollte „der Entspannte“ sitzen, während ich den Zweifler, den Pessimisten, den Terminplaner und den mit anderen Vergleicher des Raumes verweise. Klar sind sie wichtig, um nicht völlig den Fokus auf das Wesentliche zu verlieren, weil auch sie ihren Platz im Team berechtigterweise haben.

Nur sollten sie nicht ständig Demos einberufen, auf denen zig „Du hast Stress“-Schilder hochgehalten werden.

Denn diesen Stress, den gibt es ja eigentlich gar nicht.
Manchmal hilft es auch, es gesagt zu bekommen. Da sieht man gewisse Dinge schon wieder viel entspannter.

Ein entspanntes, stressfreies Wochenende euch! :)

Jess

PS: Mittlerweile sehe ich auch den Strafzettel, den ich Donnerstag bekommen habe, weil ich ZEHN Minuten über meiner Parkzeit war, weil die Dozentin überzogen hat, ganz entspannt. Wieso soll ich mich damit stressen? Ändern kann ich es doch eh nicht. Hihi.

Gut. An der Glaubwürdigkeit arbeite ich noch.

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