Am Ende ist der Starke der Schwache

Du hast dich wieder nicht gemeldet. Wie kannst du nur? Es kann doch eigentlich nicht so schwer sein, ein Telefon in die Hand zu nehmen und kurz anzurufen. Oder auch nur eine kurze Nachricht zu schreiben, um zu berichten, wie es dir geht. Du weißt doch. Wir sind immer für dich da! Aber melde dich doch!

 Ja, aber wieso soll ich mich ständig melden?

Jeder kennt wohl solch dämliche Diskussionen. Sie sind voller Vorwürfe, was man alles schlecht macht, was man vergisst, verspricht oder doch nicht erledigt bekommt. Die ganzen Defizite, die man mit sich herumschleppt, werden einem in solchen Gesprächen an den Kopf geknallt. Und generell ist es doch so, dass es niemanden interessiert, was man leistet. Wie viele Kleinigkeiten man in einem Tag unterbringen kann. Es geht immer nur darum, aufzuzeigen, was man nicht geleistet hat, was schlecht lief, was man am anderen kritisiert. Der Fokus liegt ganz auf den Defiziten. Und irgendwann knickt auch der stärkste Mensch, an dem all diese Vorwürfe ständig abprallen, ein, steht unter der Dusche und weint bitterlich, weil er nicht mehr weiß, wie er diese ganzen Defizite beheben soll und zu den Leistungen hinzufügen soll. Weiß nicht mehr, was er machen soll, um noch mehr Leistung abzuliefern und all die Defizite auszuräumen. Ist schwach und nimmt sich auf einmal all die Vorwürfe, die wochen- oder monatelang an einem abprallten, zu Herzen.

Mit Leistung ist hier nicht unbedingt die Leistung in der Schule, Uni oder auf der Arbeit gemeint. Nein, gar nicht. Menschen leisten am Tag so vieles. Und wenn ich mir meinen Tagesablauf so anschaue, habe ich das Gefühl, genug Leistung zu erbringen. Ich gehe abends gegen 23 oder 24 Uhr ins Bett, weil es noch einiges zu tun gibt oder ich einfach nur fernsehen möchte. Mein Wecker klingelt mittlerweile spätestens um 7.00 Uhr, damit ich gleich morgens durchstarten kann und möglichst viele Stunden des Tages nutze und all das erledige, was ich erledigen muss. Uni, Arbeit, Haushalt, Grundbedürfnisse.

Obwohl mein Tagesablauf straff ist, sieht es bei mir in der Wohnung selten chaotisch aus. Man kann zwar nicht vom Boden essen, weil Amy und Mia binnen fünf Minuten nach dem Staubsaugen ihr Katzenstreu irgendwie wieder überall verteilt haben, aber es herrscht eine Grundordnung. Und das ist mir wichtig. Dafür stehe ich auch gerne etwas früher auf, denn wenn ich abends nach einem langen Tag nach Hause komme, möchte ich, dass es sauber ist. Nachdem also der alltägliche Krimskrams verräumt wurde gebe ich mir eine halbe Stunde Zeit zum Frühstücken. Und danach richtet sich der Tagesablauf ganz nach dem, was am Nachmittag ansteht und was noch im Haushalt oder für die Uni zu erledigen ist. Während ich in der Zeit von 9.00 Uhr bis 13.30 Uhr drei Mal in den Keller renne, um abwechselnd Waschmaschine und Trockner zu befüllen, sitze ich in meinem Arbeitszimmer am Laptop und suche Aufgaben für meine Nachhilfeschüler. Arbeite mich in Themen ein, die ich selbst vielleicht vor Jahren das letzte Mal behandelt habe. Oder ich sitze stundenlang am Laptop und lese mich in meine Studienordnung ein, um meinen Stundenplan zu erstellen, der sich mittlerweile gefühlt 100 Mal verändert hat. Oder ich suche auf der Bibliotheksseite nach Büchern, welche ich für meine Hausarbeiten verwenden kann. Oder ich sitze bereits an einem Konzept für eine dieser Hausarbeiten. Oder, oder, oder. Meistens habe ich so viel auf dem Schreibtisch liegen, dass ich mir nur 50 Minuten Zeit für’s Duschen und fertig machen gebe – Haare föhnen inklusive, was mittlerweile auch einiges an Zeit raubt.

Meistens bin ich eine halbe Stunde, bevor ich das Haus verlassen muss, mit dem, was ich zu erledigen habe, durch. Auf meinem Schreibtisch liegen aber mittlerweile fünf ToDo-Listen rum, mit Sachen, die ich eigentlich gerne erledigen würde, aber einfach keine Zeit dazu habe. Haufenweise Blogeinträge, die ich nur mit einer Überschrift versehen habe, um mich nach Wochen doch nicht daran zu erinnern, was mir in diesem Moment durch den Kopf ging. Das kleine Notizbüchlein, in dem ich eigentlich meine Gedanken ausführlicher festhalten möchte, damit ich mich eben doch noch nach Wochen daran erinnern kann. Mein wunderschönes Kochbuch, in welchem gerade mal fünf Rezepte stehen, weil ich es zeitlich nicht hinkriege, die restlichen Rezepte von Schmierzetteln, die sich im Laufe der letzten Jahre angesammelt haben, zu übertragen. Und zwischen all dem Krimskrams liegen abwechselnd auch noch Amy und Mia, die sich mittlerweile einfach zwischen meine Arme legen, während ich am Laptop arbeite, um so ihr tägliches Maß an Nähe abzustauben.

Das alles läuft vormittags ab. Nachmittags bin ich mittlerweile ständig von spätestens 14.00 Uhr bis 19.00 Uhr, manchmal aber auch 20.00 Uhr am Arbeiten. Viermal die Woche, an Freitagen hält sich das noch in Grenzen. Ab und zu auch an Samstagen. Ich komme im Schnitt auf 17 Nachhilfestunden pro Woche und frage mich, wieso ich nicht gleich einen Teilzeitjob übernehme. Gleichzeitig frage ich mich aber auch, warum zum Teufel ich meine Worte von Dezember 2013 so strikt ignoriere. „Ich möchte nie wieder mehr als zwölf Stunden in der Woche arbeiten. Es frisst so viel Zeit. Mir bleibt zu wenig Zeit für mein Studium. Es ist das Geld nicht wert.“

Und in den Momenten, in denen ich von einem Schüler zum nächsten düse und versuche, innerhalb von zehn Minuten ein bisschen für geistigen Ausgleich zu sorgen, merke ich, dass ich mich damals mit dem Satz „Es ist das Geld nicht wert“ vollkommen belogen habe. Es ist das Geld wert. Natürlich könnte ich auf vieles verzichten, wofür das Geld manchmal flöten geht. Ich möchte es aber nicht. Den Luxus, ein eigenes Auto zu haben, genieße ich in vollen Zügen, auch wenn ich monatlich immer mehr Kilometer drauf knalle und zwei bis drei Mal volltanken muss oder zwei bis drei Monate auf mein Kindergeld verzichten muss, damit die Versicherung bezahlt ist. Auch gönne ich mir ab und zu Dinge, die ich früher wieder in Regale zurückgelegt habe, weil ich jeden Cent fünfmal umgedreht habe. Das möchte ich nicht mehr. Es bedeutet aber gleichzeitig auch, dass ich dafür halt doch den ein oder anderen Schüler mehr betreuen muss. Vor allem, weil ich mich nicht mehr auf das BaföG verlasse, weil ich gelernt habe, was es heißt, wenn es auf einmal doch nicht mehr kommt und man sich darauf verließ. Ich arbeite für mein kleines Luxusreich mit Auto, Laptop, Handy, Tablet, Klamotten und kleinen Spielereien, die ich vielleicht gar nicht brauchen würde. Aber das bedeutet halt auch, dass der Großteil meines Tages dafür draufgeht. Oder auch mal der halbe Samstag. Oder Ferien.

Und ich habe auch nicht Feierabend, wenn ich gegen 20.00 Uhr nach Hause komme. Das Essen kocht sich schließlich nicht von alleine. Und schon ist es wieder 21.00 Uhr. In meinem Terminkalender stand dick und fett, wen ich eigentlich anrufen wollte, aber es ist nunmal schon 21.00 Uhr. Dann wird es wohl doch der nächste Tag. Meistens erledige ich nach dem Abendessen noch Kleinigkeiten, manchmal ist der Kopf nach vier bis fünf Stunden Nachhilfe am Stück aber auch so leer, dass nichts mehr geht.

Ich arbeite. Ich halte eine 100m² Wohnung sauber, sodass man jederzeit vorbeikommen kann. Ich studiere an einer recht anspruchsvollen Uni und bin in beiden Fächern im absoluten Vorgaberahmen, habe teilweise schon mehr geleistet, als ich es bis zu diesem Zeitpunkt gemusst hätte. Ich kümmere mich um meine sozialen Beziehungen, auch wenn es vielleicht wenige sind. Ich sorge dafür, dass zwei kleine Findlinge ein schönes Katzenleben führen können und Schmuseeinheiten ja nicht zu kurz kommen. Ich fahre alle zwei Wochen zu meiner Familie, um Zeit mit meinen Geschwistern verbringen zu können, die mir im Alltag fehlen. Ich finanziere selbstständig mein Auto und mein Leben.
Wenn es darum geht, mit mir zu prahlen, ist das alles supertoll. „Schau mal, die Jessi. Sie ist 22 und macht dies und jenes und so. Ist das nicht toll?“
Das bekomme ich nur zu hören, wenn zufällig mitbekomme, wie andere über mich sprechen.
Mir selbst wird immer nur das gesagt, was ich NICHT leiste.

Du meldest dich nie. Du hast nie Zeit. Es hört sich für mich nach einer Ausrede an, wenn du das als Begründung anführst. Du bist in der Uni nur noch im Zweierbereich, wieso? Ich zweifle daran, dass du das alles so schaffst. Hast du endlich mal die und die Person kontaktiert? Nein? Warum? Du hast doch immer so viel Zeit und kaum was zu tun. Stell dich nicht so an, das kann man doch alles locker kombinieren. Du hast mir versprochen, dich öfter blicken zu lassen, und nun war es doch nichts. Ich bin dir doch völlig egal.
Diese Liste wäre endlos.

Anfangs wehrt man sich noch gegen all die Vorwürfe. Menschen haben aber einen riesen Spaß daran, dir ständig nur an den Kopf zu werfen, was du falsch machst. Lob für das, was man schafft? Fehlanzeige. Es ist SELBSTVERSTÄNDLICH, dass du es so machst, wie du es machst, obwohl es gar nicht selbstverständlich ist. Es ist aber selbstverständlich, dass ICH das so mache. Dass ich gut in der Uni bin. Dass ich mein Studium in der Regelstudienzeit abschließe. Dass es bei mir zu Hause sauber ist, der Wäschekorb immer leer ist, sich keine Bügelwäsche stapelt. Dass ich immer locker 200€ zur Verfügung habe, um mal eine größere Ausgabe zu bewältigen. Dass dahinter ein Haufen Arbeit steckt interessiert keinen. Nein. Dahinter muss noch enorm viel Zeit stehen, um all die Defizite, die einem an den Kopf geworfen werden, zu beseitigen. Nur noch Leistung zu zeigen.

Und in solchen Momenten bricht selbst die stärkste Person zusammen.
Auch starke Personen dürfen Defizite haben. Sich mal eine Woche lang nicht melden, weil sie keine Zeit haben, ohne dass ein Drama daraus gemacht wird. Auch mal erwarten, dass andere etwas gegen diese Defizite tun, und nicht ständig alleine an allem arbeiten zu müssen. Aber nein. Wenn man so vieles alleine meistert, meistert man es auch alleine, Defizite aus dem Weg zu räumen. Denn das ist ja schließlich selbstverständlich.
Genauso wie es selbstverständlich ist, sich als starke Person nach fünf Minuten Krokodilstränchen vergießen die Tränchen wegzuwischen, ein Lächeln aufzusetzen und weiterzumachen. Die Schutzwand wieder aufzustellen und die nächste Runde Vorwürfe zu ertragen. Die Person ist ja schließlich stark. Sie kann es ab.

Bis die Tage,

Jess

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