Auf einmal musst du erwachsen sein

alt werden

Jeder von uns macht irgendwann die leidige Zeit des Erwachsenwerdens durch. Manche früher, manche später. Wir altern von alleine, verändern jedes Jahr an einem bestimmten Tag unser Alter in sozialen Netzwerken oder berichten stolz, dass wir ein Jahr älter geworden sind. Pusten eine Kerze mehr aus und feiern unseren großen Tag irgendwann nicht mehr mit Kindersekt und Topfschlagen, sondern mit einem Bierchen, Pizza und alten Bildern oder Geschichten, über die man lachen kann, die Menschen verbinden. Doch diese Zahl, die wir immer feierlich zelebrieren, sagt eigentlich nie etwas über das Entscheidende aus: Wie viele Jahre sind wir in diesem Jahr eigentlich geistig gealtert? Sind wir überhaupt gealtert? Oder vielleicht auch einfach nur Kind geblieben?

Niemand nimmt uns die Zeit ab, in der wir erwachsen werden müssen. Manche werden es auch nie, laufen mit naiven Wertvorstellungen durch die Weltgeschichte und umgeben sich mit Menschen, die ihnen eigentlich nicht gut tun. Andere müssen in einer Zeit lernen, erwachsen zu sein, in der andere noch mit Liebeskummer und pubertären Zickereien beschäftigt sind. Wiederum andere merken erst mit 25 bis 30 Jahren, dass dieses Erwachsen werden gar nicht so einfach ist, wenn sie sich auf einmal mit Gefühlen auseinandersetzen müssen, die ihnen zuvor gänzlich unbekannt waren oder sich prima verdrängen ließen.

Doch was bedeutet es eigentlich, dieses „Erwachsen werden“?

Für mich war es das Ablegen der supertollen und wunderschönen rosa-roten-naive-Weltansicht-Brille. Diese Brille sorgt meistens dafür, dass man in einer Scheinwelt lebt, die so eigentlich gar nicht existiert. Und auf einmal waren die Mädels, die man für supertolle und zuverlässige Freunde hielt, nur noch blöde Schnepfen, die sich nicht für einen interessieren, denen man nur mit hoffnungsloser Zuversicht hinterher rannte, nur um dazuzugehören. Auf einmal war die Familie nicht mehr das, wofür man sie hielt: Weder perfekt noch funktionierend. Nach Außen hin ein schöner Schein, innerlich total zerrüttet und zerstört. Der wundervolle Gesprächspartner, der zwar am anderen Ende Deutschlands sitzt, mit dem man sich aber wunderbar über Gott und die Welt unterhalten konnte, nur noch jemand, der eigentlich von deiner Anwesenheit genervt ist.

Das Ablegen der rosa-roten-Brille sorgt meistens dafür, dass man die Welt viel realistischer sieht und einem vor Augen geführt wird, mit welchen Problemen man sich auseinandersetzen sollte. Und auch muss. Wenn man erwachsen sein möchte, dann gibt es keinen Platz für Verdrängung und Ignoranz, denn das sorgt nur dafür, dass man all das in sich hineinfrisst oder zu einem absoluten Eisklotz wird, der keine Gefühle zulässt. Es kann aber auch dazu führen, dass sich Menschen von einem abwenden, wenn man nicht mehr die verständnisvolle Person ist, die immer mit lieb gemeinten Tipps und Worten um die Ecke kommt, sondern auf den Tisch haut und Klartext spricht, kritisiert und sagt, was einem nicht passt. Meiner Meinung nach gehört es einfach dazu, zu artikulieren, was einem nicht in den Kram passt, sofern man erwachsen sein möchte – in einem gesunden Rahmen natürlich und auf sachlicher Ebene, aber Schweigen und Hinunterschlucken passt einfach nicht dazu. Erwachsen sein bedeutet, sich mit dem, was einen bedrückt, auseinanderzusetzen. Auch wenn das bedeutet, dass sich der ein oder andere Mensch von einem abwendet, weil viele nicht gemeinsam an Problemen arbeiten wollen, in diesem Bereich einfach noch nicht erwachsen sind und lieber mit Verdrängung und Ignoranz arbeiten. Oder Flucht. Ist doch alles viel einfacher.

Und auch wenn viele „Hallo Pubertät! Komm her und verändere mich, dann bin ich endlich erwachsen!“ denken – nein, so ist es ganz und gar nicht. Man hört nicht mit Anfang 20 auf, erwachsen zu werden. Auch wenn ich selbst relativ früh die rosa-rote-Brille ablegen musste, erwische ich mich heute noch dabei, wie ich dazu lerne, dass es auch noch andere Ansätze gibt, mit Problemen umzugehen, die vielleicht besser sind als die eigenen. Es ist ein ständiger Wandel, man meint zwar immer, endlich seinen Weg gefunden zu haben, aber schon steht eine neue Situation an, die einen ganz anders fordert. Und eigentlich lässt sich das ganze in einem einfachen Zitat zusammenfassen:

„Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.“

Sokrates

Wer also glaubt, erwachsen zu sein und seinen Einsatz diesbezüglich einstellt, hat aufgehört, erwachsen zu werden.

Bis die Tage,

Jess

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