Manchmal möchte ich einfach aufgeben

Ich laufe den Weg zu unserem Haus entlang. Es ist 16.15 Uhr, hinter mir liegen vier Stunden Nachhilfe. An einem Samstag. Eine kalte Brise weht mir entgegen und lässt meine offene Jacke flattern, die ich vor dem Haus eines Schülers aus meinem Kofferraum gekramt habe, weil es einfach zu kalt war. Erleichtert dem kalten Wind zu entkommen, schließe ich die Haustür auf und genieße die Wärme, die mir entgegenströmt. Vor der Wohnungstür angekommen stopfe ich meinen Schlüssel in meine rechte Jackentasche, streife sie ab, ziehe mir die Schuhe aus und werfe sie achtlos in die Ecke. Normalerweise ist das nicht meine Art, aber in diesem Moment ist es mir egal. Vorsichtig öffne ich die Tür, weil ich weiß, dass Mietz und Mautz, also Mia und Amy, hinter ihr lauern und oft diesen Moment ausnutzen, um auszubüchsen un das Haus zu erkunden. Ich begrüße sie und darf mir erst einmal ein Mautzkonzert anhören, weil ich so lange weg war und sie mir das vorwerfen müssen. Müde gehe ich mein Arbeitszimmer, das ungewöhnlich dunkel ist. Mein Schreibtisch ist in ein tristes Grau getaucht, durch das Fenster scheint kein Sonnenstrahl, keine Frühlingsstimmung. Ich drücke auf den kleinen Knopf an meinem Laptop, in der Hoffnung, gleich wirklich daran etwas arbeiten zu können, und begebe mich in die Küche, nur um kurz darauf mit einer großen Tasse Tee in der Hand an meinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Im ersten Moment weiß ich gar nicht, was ich mit mir anfangen soll. Drei Stunden habe ich nun „frei“, bis die Arbeit wieder auf mich wartet, und am liebsten hätte ich jetzt schon Feierabend. Es ist schließlich Samstag. Und eigentlich dachte ich, nie wieder an einem Samstag bis 20 Uhr arbeiten zu müssen.

Diese Zeilen konnte ich gestern Nachmittag in mein Büchlein schreiben, in dem ich alles notiere, was mir durch den Kopf geht, was früher oder später ein Blogeintrag werden könnte. Zu mehr bin ich eigentlich auch gar nicht gekommen, obwohl drei Stunden für mich eigentlich immer ein recht langes Zeitfenster sind.
Solche „Hohlstunden“ habe ich noch nie gemocht. Weder in der Schule, noch in der Uni, noch jetzt beim Arbeiten. Ich bewundere Menschen dafür, die in einer oder in zwei freien Stunden kleine Meisterwerke zaubern können oder es tatsächlich schaffen, in diesem Moment für eine Klassenarbeit oder eine Klausur zu lernen – ich kann sowas nicht. Konnte ich auch noch nie. Natürlich nutze ich die Zeit, die mir zwischen zwei Nachhilfestunden bleibt, und erledige irgendwelche Dinge. Meistens handelt es sich dabei aber um kleinere Angelegenheiten, die Spülmaschine ausräumen, das Katzenklo machen oder die Wäsche in die Waschmaschine werfen. Es sind nie Dinge, bei denen der Kopf auf Hochtouren laufen muss – denn dafür brauche ich Zeit. Kreative Schaffensphase oder wie auch immer man das nennen mag.

Ich kann nicht am Laptop sitzen und einen Blogpost tippen, wenn ich weiß, dass ich in einer halben Stunde los muss. Meistens langt mir nämlich diese halbe Stunde absolut nicht, ich habe so viel zu schreiben, muss aber zwischendrin aufhören, weil ich weg muss. Klar speichere ich dann das, was ich bis zu diesem Zeitpunkt getippt habe, ab. Aber wenn ich dann nach drei, vier, fünf oder gar sechs Stunden wieder am Laptop sitze und den Beitrag fertig stellen möchte, dann geht das nicht mehr. Zwar habe ich mittlerweile immer ein kleines Konzept, wie ein Beitrag aussehen soll, was ich in ihm erwähnen möchte und um welches Thema es sich drehen muss, aber irgendwie gehört zu allem eine gewisse Stimmung. Eine innerliche Einstellung. Und meist ist diese wieder verflogen, bis ich mich wieder an den Blogeintrag setze und ich beginne, mich darüber zu ärgern. So in etwa war es auch bei diesem Beitrag hier. Gestern wurde ich unterbrochen, weil ich dann doch irgendwann wieder los musste und in den drei Stunden nichts Gescheites auf die Reihe bekommen habe, weil mich die Müdigkeit plagte. Heute habe ich versucht, den Beitrag genauso fertig zu stellen, wie er mir gestern durch den Kopf ging, aber es passte hinten und vorne nicht mehr. Und selbst für diese Zeilen habe ich nun etwas gebraucht, weil ich natürlich genau in dem Moment richtig im Text drin war, als der Herd piepte und meinte, dass Essen sei fertig. Und so wie mit meinen Posts geht es mir auch mit vielen anderen Dingen. Vor Tagen habe ich endlich meine Gliederung für eine meiner Hausarbeiten fertig gestellt. Ich habe sogar sämtliche Bücher bereits durchgeschaut und mir mit Post-Its markiert, was ich lesen muss. Nur das Lesen kann ich völlig vergessen, weil mir dazu im Moment absolut die Ruhe fehlt.

Als Nachhilfelehrerin zu arbeiten bedeutet auch, sich seine Zeit in einem gewissen Maß selbst einteilen zu können. Juhu rufen da die einen, yippie die anderen. Mittlerweile bin ich der Ansicht, dass dies absolut nicht so toll ist, wie es anfangs scheint. Wenn ich mir meine Wochen so anschaue, komme ich im Schnitt auf mehr Stunden, als ich zuvor je bei meiner alten Stelle als Kassiererin arbeiten musste. Mir meine Zeit frei einteilen zu können heißt auch, dass ich frei entscheiden kann, wie viele Schüler ich annehme und wie viele Stunden ich ihnen in einer Woche anbiete. Und leider entscheide das nicht nur ich selbst, sondern in gewisser Weise auch mein Geldbeutel. Da unterrichte ich dann halt doch nochmal eine Stunde zusätzlich. Biete auf einmal auch den Samstag an, sofern ich nicht zu meiner Familie fahre. Biete am Samstag nicht nur einem Schüler eine Stunde an, sondern gleich dreien, von denen zwei gleich eine Doppeltstunde in Anspruch nehmen. Und fange tatsächlich am Freitagabend an, abzuwägen, ob ich einem Schüler, dessen Mutter sich erst am Freitagabend meldete, weil sie zuvor nichts von einer Englischarbeit wusste und auch erst meine Telefonnummer so spät erhalten hatte, noch eine Stunde Englischunterricht geben soll. An einem Samstag, von 19.00 bis 20.00 Uhr. Andere schlafen samstags bis um 12 Uhr. Gehen abends um 18.00 Uhr mit Freunden etwas trinken. Ich arbeite von 9.30 Uhr bis 20.00 Uhr, mit drei Stunden Pause, und falle um 22.00 Uhr totmüde ins Bett, weil nicht nur dieser eine Tag, sondern die ganze Woche so gelaufen ist.

Und wenn ich dann am nächsten Tag nach etwas mehr Schlaf an meinem Schreibtisch sitze und einen Blick auf meinen Tischkalender werfe, die Stunden nachzähle und irgendwie im Gesamten auf zwei Stunden mehr als letzte Woche komme, fange ich an zu zweifeln. Möchte am liebsten einfach alles hinwerfen und aufgeben. Mal einen freien Tag genießen. In Ruhe meine Hausarbeit schreiben. Einfach nur den ganzen Tag verschlafen.
Aber es bringt alles nichts. Außer ein bisschen jammern. Sich den ganzen Frust mal von der Seele schreiben zu können macht es doch ein bisschen leichter. Und hey – ich habe immerhin vom 02. April bis zum 07. April frei. Osterfeiertage. Und da die Schüler zwei Wochen Ferien haben, werde ich einen Teufel tun und mir die Tage auch noch nehmen. Es sind immerhin fünf Tage und an einem habe ich tatsächlich frei und bin nicht dank der Feiertage, Geburtstage oder Besuch verplant.
Ach. Mich selbst belügen konnte ich auch schon mal besser. Dreck da.
Manchmal hilft halt einfach nur „Friss oder stirb.“ Und damit starte ich in die neue Woche.

Bis die Tage,

Jess

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