Wenn die eigenen Worte beginnen, weh zu tun.

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Ich bin ein Mensch, der wahnsinnig viel aufschreibt und es auch gerne macht. Schon immer. Zwar habe ich nie wirklich ein Tagebuch geführt, weil mir da immer die nötige Konsequenz gefehlt hat, es regelmäßig in die Hand zu nehmen und aufzuschreiben, was mich den Tag über beschäftigt hat, aber ich habe meine Gedanken und Gefühle trotzdem irgendwie niedergeschrieben.

Mit 12 Jahren habe ich mich noch am Tagebuch versucht. Ich scheiterte kläglich, aber ich versuchte immer wieder von neuem, es in die Hand zu nehmen und alles auf’s Papier zu bringen. Mit 14 Jahren habe ich eine kleine Geschichte geschrieben, die ich im Forum eines Chats veröffentlichte, in welchem ich damals aktiv war. Es war eine süße Geschichte, voller kitschiger und kindlicher Ideen, die ich heute wahrscheinlich nur nebenbei lesen würde. Aber in jedem einzelnen Satz erkenne ich meine Wünsche, Träume, Gefühle, Sehnsüchte, Ängste und Enttäuschungen von damals wieder. Bin auf einmal wieder 14 und weiß ganz genau, was ich mit diesen Worten zum Ausdruck bringen wollte.
Als ich mit 15 Jahren umzog, habe ich aufgehört zu schreiben. In dieser Zeit war aber eine Digitalkamera mein bester Freund und wenn ich mich durch die Bilder, die damals entstanden sind, durchklicke, weiß ich immer noch genau, was sich hinter welchem Bild verbirgt. Wie meine Stimmung war, als ich auf den Auslöser drückte. An welchem Tag ich diese Bilder gemacht habe, ob ich alleine oder in Begleitung war. In gewisser Weise sind sie genau solche Erinnerungsstücke wie all die Hefte und Notizbücher, die oben auf dem Bild zu sehen sind. Nur eben in digitaler Form, ganz ohne meine Handschrift, aber irgendwie doch genau dadurch ausgezeichnet.

Mit 17 Jahren habe ich wieder angefangen, meine Gedanken zu Papier zu bringen. In einem ganz anderen Stil, aus ganz anderen Blickwinkeln. Es war nicht mehr das Naiv-Kindliche, was die Worte zu Papier brachte, mein Fokus lag auf ganz anderen Dingen. Ich beherzigte auch immer mehr die Tipps meiner Deutschlehrer, auch wenn ich mich nicht bewusst an den Schreibtisch setzte und mir sagte „Hey, nun schreibst du einen längeren Aufsatz, beachte dies und jenes.“ Überhaupt sind eigentlich keine Worte an meinem Schreibtisch auf dem Papier gelandet. Meistens bin ich während der Zugfahrt nach Hause, als ich noch alleine zur Schule und wieder nach Hause fuhr, vollkommen in einer anderen Welt versunken. Das war auch die Zeit, in der eine Zugfahrt für mich unendlich lang sein konnte und die ich in gewisser IMG_20150324_110748Weise heute vermisse, wenn ich mit dem Auto durch die Gegend fahre und diese Zeit absolut nicht nutzen kann. Aber all diese Worte, die auf dem Papier gelandet sind, haben mir schon damals geholfen, das, was um mich herum geschieht, besser zu verstehen.

Mit 18 Jahren habe ich dann begonnen, einen Blog zu schreiben. Nach knapp einem halben Jahr habe ich wieder aufgegeben. Kurz vor meinem Abitur, im Januar 2012, dann einen Neustart gewagt. Wenn ich heute zurückblicke und meine alten Blogposts durchlese, habe ich damit nicht einmal einen Bruchteil von dem festgehalten, was ich festhalten hätte können. Das haben all die Worte in meinen Heften und meinen Notizbüchern meinem Blog voraus. Natürlich weiß ich, was genau ich damals meinte, als ich einen Beitrag im Februar 2012 verfasste, aber diese Informationen sind in meinem Kopf gespeichert, kein anderer wird sie je zu Gesicht bekommen oder gar verstehen. Im Nachhinein finde ich das sehr schade, weil es doch eine Zeit war, die mich geprägt und verändert hat. Aber ändern kann ich es nicht. Ich kann mir nur jetzt mehr Mühe geben, wieder damit zu beginnen, auch die kleinen Dinge festzuhalten – sei es nun als Blogeintrag oder in einem meiner vielen Notizbücher, die ich wie Schätze aufbewahre.

Deshalb ist dieser Blog auch seit April 2012, losgelöst von sämtlichen Bloghostern oder Ähnlichem, wie ein kleines Baby für mich. Eine Schatztruhe, die es mit jedem Tag zu füllen gilt. Mittlerweile befinden sich schon viele kleine Schätze in dieser Truhe, aber es kommt noch nicht einmal annähernd an den Wert meiner Hefte und Notizbücher, die ich in einer meiner Schubladen aufbewahre und wohl nie in meinem Leben wegwerfen werde. Auch wenn es an manchen Tagen weh tun kann, seine eigenen Worte von damals zu lesen, sich wieder in alte Situationen hineinzuversetzen. Aber es kann einen auch aufheitern, ein Lächeln auf die Lippen zaubern, zum Schmunzeln bringen. Und es ist wichtig, dass man Dinge hat, die das bewirken, denn es ist nicht immer jemand da, der einen aufmuntert.

Heute ist es mir wichtiger den je, aufzuschreiben, was mir durch den Kopf geht, um eben meine kleine Schatztruhe weiter zu füllen. Mir noch mehr zu schenken, was mich vielleicht in zwei, drei, fünf oder zehn Jahren zum Schmunzeln, Nachdenken oder Weinen bringen kann. Denn all das zeigt mir, dass ich mich weiterentwickle, nicht stillstehe, und in manchen Momenten ist diese Erkenntnis so unendlich kostbar. Über all die Jahre hinweg hat sich vielleicht mein Stil geändert und ich verpacke Dinge nicht mehr in der klassischen „Ich-Form“, sondern mache mir mehr Gedanken darüber, wie ich etwas aufschreibe, sodass es in ein paar Jahren nicht weh tut, wenn ich diese Worte durchlese. Aber nie hat es sich geändert, dass ich am liebsten alles zuerst auf Papier festhalte. Wie diesen Blogeintrag auch, der fast eins zu eins in meinem kleinen Büchlein steht und jetzt nur noch an passenden Stellen ergänzt und überarbeitet wurde.

Weshalb ich genau jetzt auf diesen Post un dieses Thema gekommen bin? Naja. Wir schreiben mittlerweile fast Ende März. Bald ist es ein Jahr her, seit ich die Möglichkeit habe, all meine Schreib- und Organisationsarbeiten in meinem Arbeitszimmer zu verrichten. Ein Luxus, den ich zu Beginn gar nicht so zu schätzen wusste und mein Arbeitszimmer eher gemieden habe. Ebenfalls habe ich auch den Inhalt meiner Regale gemieden, bis vor kurzem, als ich auf der Suche nach weiteren leeren Notizbüchern auf meine alten gestoßen bin. Auf all die Notizen, Gedanken, Anmerkungen, Ideen, Zweifel, Ängste, die ich vor langer Zeit festgehalten habe. Die teilweise vier Umzüge überlebt haben und doch sehr ramponiert aussehen. Jedes Mal, wenn ich über diese Bücher stolpere, beginne ich zu lesen. Und zu vergleichen. Meistens endet dieses Lesen darin, dass ich das Buch resolut zuschlage und mit gemischten Gefühlen zu dem zurückkehre, was ich eigentlich machen wollte. Dieses Mal war das Eigentliche ein neuer Blogpost. Und so führte eines zum anderen.

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All diese Texte, die in meiner Schublade schlummern, würde ich heute wohl ganz anders schreiben. Ich würde auch viele meiner Blogposts überarbeiten, wenn ich in der Zeit zurückreisen könnte. Stattdessen lasse ich sie so, wie sie sind, verschließe sie und krame sie sehr selten hervor. Viele der Texte sind nicht mehr das, was ich heute bin, und dennoch sind sie ein Teil von mir, den ich nicht einfach auslöschen und überarbeiten kann.
Und das ist auch gut so.

Bis die Tage,

Jess

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