Gleichzeitig auf drei Stühlen sitzen

Ostern steht vor der Tür. Heutzutage gedenken wir einem Menschen, der einst ans Kreuz genagelt wurde und zwei Tage später wieder auferstanden ist. Alle machen einen auf mega religiös und essen am Freitag kein Fleisch, gehen mal wieder in die Kirche. Für mich war Karfreitag als Kind immer der Tag, den es einfach zu überstehen galt, weil ich Fisch hasste und mir das ungeliebte Mittagessen oft den Tag verhagelte. Dafür war danach die Vorfreude auf Ostersonntag umso größer. Noch wenige Stunden, dann durfte ich nach bunten Eiern und Schokohasen suchen und mit der gesamten Familie ein wunderbares Frühstück genießen. Lachen. Diskutieren. Informationen austauschen. Über all das reden, was vielleicht in den letzten Wochen oder Monaten zu kurz kam. Ostersonntage waren immer schöne, harmonische Tage und ich war stets leicht geknickt, wenn sich die große Runde auflöste, weil ich ein absoluter Familienmensch bin und es in vollen Zügen genossen habe, alle um mich herum zu haben.

Aber naja. Das war einmal.

Heutzutage mach ich an Feiertagen – egal ob nun Ostern oder Weihnachten – nur noch die Vorfreude. Das Wohnung dekorieren, Geschenke verpacken und dieses Feiertagsstimmung heraufbeschwören, auch wenn es wohl in den meisten Fällen viel zu kurz kommt. Aber es gehört für mich dazu, mich selbst auf diese Tage vorzubereiten und darauf einzustimmen.
Die Feiertage an sich sind für mich allerdings jedes Jahr aufs Neue eine Art Horrortrip oder Spießrutenlauf. Warum? Weil ich Jahr für Jahr das Gefühl habe, auf drei Stühlen gleichzeitig Platz nehmen zu müssen.

Meine Eltern leben schon seit einigen Jahren getrennt und sind mittlerweile auch geschieden. Generell ist das etwas, was mich absolut nicht stört, weil ich der Meinung bin, dass man nicht an einer Beziehung festhalten sollte, wenn sie nicht mehr funktioniert.
Im Allgemeinen stellt das alles auch gar kein Problem für mich dar. Ich sehe meinen Vater immer dann, wenn ich auch meine Geschwister sehe und meine Mutter an Geburtstagen ihrer Familienseite. Klare Verhältnisse und klare Vorgaben also.

Nur an Feiertagen, da gibt es keine klare Regelung.
In aller erster Linie möchte ich die Feiertage immer mit meinen Geschwister verbringen, und da sie bei meinem Vater wohnen ist es meistens so, dass ich den ersten Feiertag bei ihm verbringe. Eigentlich eine logische Schlussfolgerung, über die man nicht diskutieren muss. Und dennoch entbrennt jedes Jahr aufs Neue eine Meinungsverschiedenheit darüber, ob man das nicht ändern könnte. Wird an meinen Geschwistern rumgezerrt, ihnen befohlen, auf welchen Stuhl sie sich zu setzen haben. Und damit betrifft mich das auch wieder.
Ich könnte mich ja eigentlich ganz entspannt zurücklehnen und „Ich fahre einfach zu keinem, wenn es jedes Mal so ein Drama ist“ sagen. Aber ich weiß, wie es ist, in so einer Situation zu stecken, in der nur noch an einem herumgezerrt wird. Und ich hasse es, wenn ich mitbekomme, dass meine Geschwister genau diese Erfahrung auch machen müssen. Wo bleibt da eigentlich der gesunde Menschenverstand und die Möglichkeit, auch mal nachzugeben, einen Ostersonntag auch mal Ostermontag sein zu lassen oder sich erst am ersten oder zweiten Weihnachtsfeiertag zu sehen?

Noch nie hat jemand da etwas klar festgelegt. Meistens einigen sich alle erst zwei Tage vor den eigentlichen Feiertagen, wer jetzt wo wann ist, und ich passe mich dementsprechend an, auch wenn es mich nervt, weil ich absolut nicht im Voraus planen kann – und wenn ich es doch mache, dann ist es wieder nicht recht.

Bei dem ganzen Hin und Her ist es nicht nur meine Familie, die ich berücksichtigen muss, sondern auch die meines Partners. Und ich will es ja allen Recht machen, selbst wenn eine Partei „Hey, es ist nicht so schlimm, wenn du nicht da bist oder später kommst“ sagt. Schließlich ist es Familie.
Aber meistens läuft es darauf hinaus, dass irgendeine Partei mit der Lösung doch nicht einverstanden ist. Die schlechte Stimmung, die dabei entsteht, ist fast greifbar. Meistens hört man versteckte Vorwürfe. Manchmal auch direkte. Hat auf einmal das Gefühl, von allen Stühlen herunterzufallen und alleine auf dem kalten, tristen und trostlosen Boden zu landen.

Und da spielt es keine Rolle, ob es jetzt nur eine Seite war, die Vorwürfe macht. Diese Vorwürfe sind da. stehen im Raum, hängen über meinen Gedanken wie eine schwarze Gewitterwolke am Himmel an einem eigentlich wunderschönen, sonnigen Tag. Für alle anderen geht der Tag nach der Äußerung dieser Vorwürfe ganz normal weiter, als wäre nichts gewesen. Aber ich sitze dann da, verspannt, enttäuscht und im Abwehrmodus, nur auf den nächsten Vorwurf wartend. Der dann nicht kommt, weil man weiß, dass ich zurückschlagen würde. Und dabei weiteraushole.
Diese Vorwürfe begleiten mich dann meistens auch über den Tag hinaus, sind wie kleine Päckchen, die ich mit mir herumschleppe und meistens dann wieder geöffnet werden, wenn der nächste Feiertagsmarathon ansteht.

Und genau aus all diesen Gründen mag ich Feiertage nicht mehr. Denn alles, was ich mir wünsche, ist die Familie an einem Tisch, ganz ohne Drama und zig tausend Diskussionen mit noch mehr Vorwürfen. Einfach nur normal diskutierend. Lachend. Informationen austauschend. So wie früher, ganz ohne jegliche Vorwürfe und Streitereien.

Jedes Jahr nehme ich mir zu den Feiertagen vor, einfach zu verreisen. Am besten in eine einsame Berghütte, in der ich für keinen zu erreichen bin. Ganz nach dem Motto „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“
Aber Weglaufen ist keine Lösung. Es würde das Problem höchstwahrscheinlich nur vertagen.
Aber ich könnte mir dadurch immerhin mal meine Feiertage zurückholen und damit auch all das Positive, was ich einst mit ihnen verband.
Vielleicht probiere ich es mal aus. Irgendwann.

Bis die Tage,

Jess

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