Der kleine Bücherwurm

bbbb02

So gehört das Lesen von Literatur für viele Menschen überwiegend zur Gestaltung arbeitsfreier Zeit. Dazu zählen nicht nur der freie Nachmittag, der Feierabend oder die Ferien. Man kann mit dem Lesen auch sehr angenehm Zwischenzeiten überbrücken, in denen die Aktivitätsmöglichkeiten eng begrenzt sind, z.B. während einer Zugfahrt. Lesen bringt kognitivere, soziale und emotionale Entlastung, indem man für eine begrenzte Zeit dem Alltag entflieht (Eskapismus), in eine scheibar grenzenlose Welt abtaucht (Floating-Erlebnis), Probleme und Wünsche auf mediale Figuren projiziert, in ein schon überwundenes Stadium der Entwicklung zurückfallen darf (Regression) oder durch die Anteilnahme am Schicksal anderer (Empathie) Entlastund von den eigenen schwierigen Lebensumständen erfährt (Katharsis).

Abraham, Ulf, Kepser, Matthis:

Literaturdidaktik Deutsch.  Eine Einführung

Nach sehr, sehr langer Zeit hat sich mal wieder eines meiner Unibücher auf meinem Nachttisch verirrt. Seit ich denken kann habe ich immer die Sachen, die ich noch lesen oder lernen musste, mit ins Bett genommen, in der Hoffnung, das vor dem Einschlafen noch erledigen zu können. Geklappt hat das nie. Die Fernsehsendung war am Ende doch interessanter oder ich war einfach zu müde und bin mit dem Vorsatz eingeschlafen, mich gleich am nächsten Morgen der Dinge anzunehmen.

Seit das Bett separat in einem Zimmer steht, ganz ohne Fernseher oder anderen Schnickschnack, der mich ablenken könnte, habe ich allerdings auch nicht mehr meine Bücher mit ins Schlafzimmer genommen. Statt auf dem Nachttisch stapeln sie sich auf meinem Schreibtisch. Ich wache morgens nicht mehr auf mit einem drohenden Stapel vor mir und habe das auch konsequent eingehalten. Bis Sonntagabend. Da habe ich eine Ausnahme gemacht. Aber das Unibuch wanderte nicht zum Lesen oder Lernen mit ins Schlafzimmer, sondern aus einem ganz anderen Grund. Gefolgt von Schreibzeug und Blognotizbuch. Aber wieso?

Als ich an meiner Hausarbeit saß und dafür in einem der Bücher las, ist mir eben jener Abschnitt ins Auge gefallen, den ich oben zitiert habe. Zwar war er nur in kleinen Ansätzen für meine Arbeit zu gebrauchen, aber umso wertvoller für mich selbst. Denn er erinnerte mich an etwas, was im ganzen Alltagstrubel vollkommen in Vergessenheit geraten ist. Nämlich an die Lust am Lesen und all das, was damit verbunden ist.

Da ich allerdings konzentriert an meiner Hausarbeit weiterschreiben wollte, habe ich all diese Gedanken erst einmal verdrängt. Und erst als ich mich auf dem Weg ins Bett machte, fiel mir wieder ein, dass ich unbedingt aufschreiben wollte, was dieses Zitat binnen weniger Sekunden durch meinen Kopf gejagt hat. Es beschreibt nämlich wunderbar, weshalb ich so gerne lese. Sei es nun ein Roman, ein Drama oder einfach nur der Blog eines anderen Menschen.

Ich habe das Lesen schon immer dazu genutzt, in eine andere Welt einzutauchen. Nicht mehr ich selbst zu sein. Einfach für ein paar Minuten (oder auch Stunden) die Welt vergessen, andere Dinge sehen, fühlen, begreifen. Dabei war ich noch nie jemand, der Texte mit großer Distanz lesen konnte, und wenn es ein Text schafft, mich in eine andere Welt zu entführen, dann ist er für mich gut. Es spielt auch keine Rolle, wo ich diese Texte lese. Im Auto vor dem Haus eines Schülers. Im Zug auf dem Weg zur Uni. Auf der Couch, wenn im Fernseher gerade Werbung läuft. Oder im Bett, obwohl mir schon seit Stunden die Augen zufallen wollen. Ein Buch oder auch nur ein Text kann für mich wie ein guter Freund sein, der mir Trost spendet, wenn ich mich alleine fühle, der mich ablenkt, zum Lachen oder zum Weinen bringt und mich in eine andere Welt entführt. All das Schöne, was man sich auch von einem richtigen Freund wünscht.

Nur ich. Ich bin ein miserabler Freund. Denn ich habe meinem guten Freund, dem Lesen, all die Zeit genommen, für mich da sein zu dürfen. Meine Bücher verstauben in meinen Regalen, sofern es nicht gerade Unibücher sind. Mein Tablet habe ich heute nach über einer Woche das erste Mal wieder aufgeladen, aber nicht unbedingt mit der Absicht, heute noch etwas zu lesen. Und statt freie Abende zu nutzen fange ich meistens wieder an zu arbeiten. Immer denke ich mir, dass ich vielleicht mehr Zeit haben werde, wenn ich einiges meiner ToDo-Liste abgearbeitet habe. Heute habe ich Gegenteiliges gelesen. Am Freitag wurde mir mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen gesagt, dass es meistens nur schlimmer und immer mehr wird.
Na super. Was also tun?

Es heißt immer, keine Zeit zu haben sei eine Illusion. Eine faule Ausrede. Und für wichtige Dinge soll man sich bekanntlich ja bewusst Zeit nehmen, also nehme ich mir genau das nun vor: Mir mehr Zeit für dich zu nehmen, wunderbarer Freund des geschriebenen Wortes.

Bis die Tage,

Jess

PS: Habt ihr irgendwelche Buchempfehlungen für mich? Ich muss meine Bibliothek unbedingt aufstocken! :)

Kommentar verfassen