Zeitlos.

Es ist Mittwochabend. Osterferien. Früher habe ich die Ferien geliebt, weil es dann immer an der Zeit war, die Seele baumeln zu lassen. Verpflichtungen Verpflichtungen sein zu lassen. Endlich genug Zeit mit all den Leuten verbringen, die während der normalen Schulzeit viel zu kurz kamen. Mit Beginn meines Studiums habe ich die Ferien komplett vergessen und auch nicht mehr großartig in meinen Kalender eingetragen. Wozu auch? Sie stimmten selten mit den Semesterferien überein und in meinem Nebenjob als Kassiererin interessierten sie mich nicht sonderlich. Schließlich bedeuteten Ferien da nicht gleich Urlaub. Erst ab Dezember 2013 habe ich die Ferien wieder zu schätzen gelernt – seit ich Nachhilfe gebe und meine Urlaubszeit sich dementsprechend wieder nach den Ferien richtet.

Und nun sind wieder Ferien. Aber nein. Ich habe keinen Urlaub. Für einige meiner Schüler bedeutet die Ferienzeit auch, dass sie endlich die Zeit haben, liegen gebliebene Sachen mit mir durchzuarbeiten. Bin ich froh, dass ich mir das damals als Schüler nicht antun musste. Dank der Ferienzeit steht mir nun allerdings ein ganz anderes Zeitfenster für meine Arbeitszeit offen und so kam es, dass ich derzeit den wunderbaren Luxus genieße, spätestens um 16 Uhr Feierabend zu haben. Ich schaffe es sogar, mit all meinen Aufgaben immer gegen 19 Uhr fertig zu sein, also könnte ich mich theoretisch auf die Couch werfen und mich von sinnlosen Dingen im Fernseher berieseln lassen. Dieser Satz liest sich gerade schon so, dass jeder sofort weiß, dass ich eben das nicht mache.

Ich gehe meist in mein Arbeitszimmer, mit dem festen Vorsatz, bereits Dinge zu erledigen, die vielleicht erst an anderen Tagen anstehen. Und wie es so ist bleibt man doch bei ganz anderen Sachen hängen. Blogs sind auf einmal viel interessanter als die offene Wordseite, die gestaltet werden will. Und während ich mich durch die Beiträge klicke, fällt mir vor allem das Thema Zeit immer wieder ins Auge. Eine Bloggerin erzählt darüber, dass sie ihre Zeit viel lieber mit anderen Dingen verbringen würde als mit unnötigen Verpflichtungen. Ich nicke zustimmend, während ich zum nächsten Beitrag klicke. Den nächsten Blog habe ich dank eines ehemaligen Dozenten entdeckt – manchmal können Module wie „Personale Kompetenzen“ also doch nützlich sein. Bei diesem Blog weiß ich gar nicht, was ich zuerst lesen soll. „Seine Zeit besser Nutzen. Die optimale ToDo-Liste. Wie man produktiver arbeiten kann.“

Bei all diesen Beitragstiteln jubele ich innerlich und lese mich einmal durch. Durch den ersten. Den zweiten. Den dritten. Es ist kein schlechter Blog, manche Tipps sind tatsächlich hilfreich, andere für mich total sinnfrei. Das Wichtige speichere ich im Kopf ab, die restlichen Sachen ignoriere ich. So lese ich mich durch einige Beiträge durch. Nach dem achten oder neunten bin ich zwar kein Ass, wenn es darum geht, noch produktiver zu arbeiten, aber ich bin zu einer Erkenntnis gelangt, die mich leicht aus der Bahn wirft: Wieso zum Teufel lese ich das eigentlich? Wann habe ich es verlernt, es zu genießen, auch mal einen Moment frei zu haben? Weshalb stopfe ich mir lieber genau diese Zeit mit noch mehr Arbeit voll, anstatt sie auch mal für einen Ausgleich zu nutzen? Sie rennen doch nicht weg und können warten. Oder kurz gesagt: Wann bin ich zu einem Workaholic geworden und will ich das überhaupt?!

Auch nachdem ich diese Erkenntnis habe sacken lassen können, bin ich noch zu keinem endgültigen Ergebnis gekommen. Zumindest was die erste Frage anbelangt. Es gibt nämlich glaube ich gar keinen wirklichen Zeitpunkt, an dem ich angefangen habe, mich so dermaßen in die Themen Zeit und Arbeitsplanung hineinzusteigern. Ich denke zwar, dass es schon eine große Rolle spielte, dass mir das Hinterherhinken in der Uni auf die Nerven ging und ich auch einmal zu denjenigen gehören wollte, die mit frühzeitigem Lernen und wundervollen Karteikarten angeben konnten, aber mir war damals definitiv nicht bewusst, worin das irgendwann endet. Ich habe auch nicht gemerkt, dass mich dieses Thema so sehr beschäftigt, obwohl ich mir nun innerhalb von drei Monaten drei neue Kalender zulegte, weil der alte einfach nicht genug Platz für all die Dinge und Planungen bot, die ich mittlerweile notiere. Viele dieser Dinge habe ich mir früher auch gar nicht aufgeschrieben, weil es mir schlicht und ergreifend egal war, ob ich sie vergesse oder nicht. Mittlerweile ist es so, dass jeder Tag seine feste Struktur hat und bereits eine Woche im Voraus geplant ist, mit genug Freiraum für ungeplante Dinge oder andere Angelegenheiten, die sich spontan ergeben. Und all das habe ich mir selbst angeeignet, ja. Aber ich denke, dass ich unbewusst auch von all den wunderbaren Berichten anderer Blogger beeinflusst wurde, die ja so viel erledigen und dann auch noch die Zeit finden, spontan einen Wochenendtripp zu buchen oder in den Urlaub zu fahren. Wenn andere das können, dann kann ich das ja wohl auch.

Was auch schon dazu überleitet, ob ich das alles so will, wie es derzeit ist. Im Groben und Ganzen würde ich wohl ja sagen. Natürlich ist es nervig, so vieles zu beachten und einen vollgeknallten Kalender zu haben, abends um 22.30 Uhr noch am Laptop zu sitzen und zu werkeln – sei es nun an einer Hausarbeit oder an einem Blogeintrag. Aber es nimmt mir auch unheimlich viel von diesen Gedanken, die mich sonst ins Bett begleitet und um den Schlaf gebracht haben. Die Struktur, die mir diese Planung schenkt, macht mich glücklich und treibt mich an, wenn ich in manchen Momenten unmotiviert und überfordert bin und am liebsten alles hinwerfen und für einen Monat Urlaub machen würde. Jeder Termin, den ich durchstreichen kann, motiviert mich. Jeder Haken an der ToDo hilft, noch etwas zu erledigen, was sich sonst gestapelt hat. Ich bekomme mittlerweile mehr auf die Reihe als in Zeiten, in denen ich weder Arbeit noch andere Verpflichtungen hatte und nur so in den Tag hineinlebte, in denen ich absolut gefrustet war und meine Motivation sich stets weinend im Keller befand. In denen ich eine unausstehliche und launische Zicke war, die sich selbst auf den Keks ging. Solche Gefühle kenne ich gar nicht mehr und ich bin dankbar dafür.

Das Einzige, was mir bei all der Planerei aufgefallen ist, dass ich mir viel zu wenig Zeit für Ausgleich gebe. Aber es ist ja bekannt, dass Einsicht der erste Schritt zur Besserung ist. Trotz allem finde ich es leicht gruselig, wie der Faktor Zeit das Leben von Menschen bestimmen kann, sie von einem Termin zum nächsten hetzen lässt. Aber ich denke jeder, der einmal in diesem „Flow“ drin ist, weiß, dass alles gar nicht mehr so schlimm ist, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat. Dass man es gar nicht merkt, sofern man nicht darauf hingewiesen wird, so wie es bei mir der Fall war. Nur sollte man dabei aufpassen, dass man nicht nur für das Abarbeiten einer ToDo-Liste, sondern für das Leben lebt.

Bis die Tage,

Jess

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