Meine drei Welten

Es ist Donnerstagmorgen, 9.25 Uhr. Mein Dozent erzählt mir etwas über die Epochen der deutschen Literaturgeschichte. Goethe, Büchner. Trockener Stoff. Noch trockener, weil ich die Vorlesung bereits vor einem Jahr belegt habe, mich allerdings kurz vor Semesterende entschieden habe, die Prüfung darin doch nicht abzulegen, aus Angst, mit meiner Leistung zu versagen. Nur zu gut kann ich mich daran erinnern, wie ich vor einem Jahr in dieser Vorlesung saß. Meistens müde und total verschlafen. Absolut uninteressiert. Ich belegte sie, weil sie noch einigermaßen interessant erschien und ich ja irgendeine Vorlesung belegen musste.
Heute ist das allerdings ganz anders. Zwar bin ich immer noch die unartige Studentin, die nicht an den Lippen ihres Dozenten hängt und stattdessen lieber einen Blogeintrag tippt. Aber ich tauche nicht mehr komplett in eine andere Welt ab. Bekomme einigermaßen mit, was er mir erzählen möchte und mache mir an den wichtigen Stellen Notizen.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mich brav auf alle Vorlesungen und Sitzungen zu konzentrieren, um möglichst viel mitzunehmen. Aber manchmal muss man Vorsätze einfach über Bord werfen. Nämlich dann, wenn manche Dinge einfach darunter leiden.

Ich habe meinen letzten Blogeintrag vor einer Woche veröffentlicht. Mit Ach und Krach. Es war am Mittwoch und irgendwie hatte es gegen Ende gar nichts mehr mit entspanntem Schreiben zu tun, denn die Zeit saß mir im Nacken. Ich hatte es schon fünf Tage vor mir hergeschoben, diesen Eintrag zu schreiben, weil er Zeit erforderte und ich mir diese irgendwie nicht nehmen konnte. Es kam ständig etwas dazwischen und auch am Mittwoch hatte ich wieder das Gefühl, dass es doch nichts werden würde. Nachdem ich Mia und Amy zum Tierarzt gefahren hatte (Kastration, yippie!), hatte ich noch ganze anderthalb Stunden, um irgendetwas zu erledigen, bevor mein erster Nachhilfetermin anstand. Irgendwie habe ich es geschafft, den Blogeintrag in dieser Zeit zu tippen, aber zu mehr kam ich nicht mehr. Die Zeit und ich, wir liefern uns im Moment ein Wettrennen und ich habe immer das Gefühl, etwas hinterherzurennen.

Meine zweite Uniwoche ist nun fast vorbei und von der Vorfreude und dem Tatendrang, welche ich noch vorletzten Sonntag verspürte, ist nicht mehr viel geblieben. Nicht, weil mich die Realität des Studienalltags eingeholt hat, nein. Ich gehe momentan wahnsinnig gerne in die Uni und sauge das Wissen auf, welches mir vermittelt wird. Meinem Kopf hat es gefehlt, neue Dinge zu erfahren, sie mit alten Dingen zu verknüpfen. Aber mein Hochgefühl ist vollkommen verflogen, weil ich mich nicht nur durch den Unialltag kämpfen muss, sondern meistens im Anschluss von einem Nachhilfetermin zum nächsten hetze, weil bei einigen meiner Schüler Prüfungen anstehen. Morgens Uni, nachmittags Nachhilfe. Letzte und diese Woche jeweils eine sechs Tage Woche mit 40 Wochenstunden – ganz ohne Vor- oder Nachbereitung meiner Seminare. Meistens ist es nicht vor 19.30 Uhr, wenn ich nach Hause komme. Und nachdem ich soweit alles zu Hause erledigt habe, ist meistens schon 22.00 Uhr, und es bleibt einfach keine Zeit mehr. Vor allem auch keine Zeit mehr für meinen Blog. Und das ärgert mich so dermaßen, dass ich nun meine Vorsätze Vorsätze sein lasse.

Meistens fängt mit dem Zeitmangel auch die vollkommene Unkreativität an. Vor zwei Wochen noch habe ich mein Notizbuch fleißig befüllt, mich selbst über all das gewundert, was mir durch den Sinn kam. Es tat so unendlich gut, all das einfach niederzuschreiben. Es war auf dem Papier, und damit aus dem Kopf, aber nicht vergessen. Wenn ich in den letzten zwei Wochen überhaupt eine Idee hatte, habe ich sie mittlerweile wieder vergessen oder sie hat mich in den Schlaf verfolgt und mir komische Träume beschert. Wenn ich abends im Bett liege, dann ist es nicht die nächste Idee, die ich noch kurz notiere, bevor ich einschlafe, die mir durch den Kopf geistert, sondern Gesprächsfetzen und Situationen des Tages, über die ich einfach noch nicht nachdenken konnte. Am liebsten würde ich einfach für einen Moment inne halten und all das, was in diesen zwei Wochen passiert ist, reflektieren. Aber das geht nicht. Noch nicht, wie ich hoffe.

Wenn ich mich durch meinen Alltag schlage, komme ich mir manchmal vor, als würde ich in drei unterschiedlichen Welten leben. Meine Welt der Studentin – 80 Kilometer von meinem zu Hause entfernt, in einer Stadt, die mir riesig erscheint. Mit so vielen Dingen zu beachten, so vielen Sachen zum lernen. Ich habe gar nicht so viel Zeit, diese Welt zu genießen. In meinen ersten beiden Semestern hatte ich teilweise zwei bis vier Stunden Pause zwischen zwei Seminaren, also kam ich vollends in den Genuss des Studentenlebens zwischen all dem Lernstoff. Konnte im Wintersemester über den Weihnachtsmarkt schlendern und im Sommersemester draußen das Grün genießen, die Sonne, das Zwitschern der Vögel, während ich lernte. Nun sehe ich das Grün nur noch vom Fenster aus, wenn ich in einer Vorlesung am Fenster sitze. Ich bin Stammgast in der Bibliothek, allerdings nicht, um dort etwas zu arbeiten, sondern nur um die nächsten fünfzehn bis zwanzig Bücher nach Hause zu schleppen. Das gemütliche Studieren hat sich zu einem hektischen Treiben entwickelt. Und dennoch habe ich das Gefühl, hinterherzuhinken, auch wenn ich von vielen höre, dass sie beispielsweise in Geschichte niemals in den vorgegebenen zehn Semestern fertig geworden wären. In solchen Momenten regt sich leise mein Verstand und sagt mir, dass mein Gefühl mich täuscht, dass ich vor allem in Geschichte das Ziel recht gut erreichen kann. Nichtsdestotrotz bleibt das Gefühl, irgendwie nur halbherzig Studentin zu sein, weil ich eben nicht meine ganze Zeit dieser Aufgabe widme.

Die zweite Welt ist dann die der Nachhilfelehrerin. Irgendwie habe in dieser Zeit dann auch gar nicht mehr das Gefühl, ich selbst zu sein. Woran das liegt, hm. Schwierig. Wahrscheinlich daran, dass ich Fächer unterrichte, von denen ich eigentlich mit dem Ende meines Abiturs Abstand nehmen wollte. Vielleicht auch daran, dass es immer so ein unablässiges Hin- und Her zwischen fleißigen und total unmotivierten Leuten ist. Ich habe das Gefühl, eine Mischung aus Elternteil, Freund und Lehrer sein zu müssen – Schüler ermahnen, dies und jenes zu tun. Sie bekräftigen, wenn ihre Gefühle ihnen gerade einreden wollen, dass sie nichts können. Und zwischen all dem auch noch Stoff in die Köpfe von ihnen bekommen, dabei aber meistens nicht auf etwas aufbauen können, sondern mit ihnen gemeinsam die Basis für ein Fach zu legen. An manchen Tagen habe ich kein Problem damit. Manchmal sitze ich aber auf dem Weg zu einem Schüler in meinem Auto, klopfe auf das Lenkrad und sage laut fünfmal hintereinander „Ich habe keine Lust mehr“.

Wenn ich abends dann endlich in meinem kleinen Heimatdörfchen ankomme (bin ich froh, dass ich in diesem Ort keinen Schüler habe. So erscheint mir das Dorf wirklich wie eine andere Welt), dann betrete ich die dritte Welt. Meine Welt. Es ist so ein befreiendes Gefühl, abends durch die Wohnungstür zu kommen, Mia und Amy zu begrüßen, die sich vor mir auf den Boden werfen und freudig mauzen. Leider verbringe ich viel zu wenig Zeit im wachen Zustand in dieser Welt und ich habe das Gefühl, diesen Teil zu vernachlässigen. Mich zu vernachlässigen. Oder zumindest den Teil von mir, der ich am liebsten bin: Ich selbst.

Habt ihr irgendwelche Tipps, wie ich dieses Gefühl der drei Welten abschaffen kann, oder einfach ein bisschen was von meiner Welt in die anderen zwei mitnehmen kann?

Bis die Tage,

Jess

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