Verdrängungsmechanismen

Wenige Menschen, die verdrängen, bemerken die Warnlampen, die aufblinken, bevor sich der Druck gefährlich aufstaut. Wenn wir nicht in unsere eigene Dunkelheit blicken können, wird das, was wir am meisten hassen und fürchten, sehr wahrscheinlich eines Tages plötzlich vor unserer Tür stehen. Glücklicherweise taucht es auch im «schwarzen Licht» auf, wenn die richtige Umgebung zur Heilung gegeben ist. Wenn man sich dieser Art von Bestandsaufnahme stellt, lassen sich potentiell zerstörerische Energien der dunklen Seite umwandeln.

Djohariah Toor

Es gibt Dinge in unserem Leben, die wir liebend gern verdrängen. Mit den unterschiedlichsten Methoden. Manch einer schreibt ungeliebte Gedanken auf ein Blatt nieder und verbrennt es. Ein anderer hat in seinem Kopf ein imaginäres Kistensystem, welches in solchen Situationen Anwendung findet. Der Gedanke an etwas wird einfach in die Kiste mit der Aufschrift „Nie wieder öffnen“ gesteckt und dann im hintersten Eck des Kopfes versteckt. Ein anderer legt einfach einen Schalter um, um aus einer unangenehmen Situation eine Situation zu machen, die für das eigene Dasein nicht mehr relevant ist. Wiederrum andere verkriechen sich für eine Woche im Bett, mit Chips und unmöglichen Schnulzen und beweinen sich selbst bitterlich. Andere wahren den schönen Schein und lassen sich nicht anmerken, dass es Dinge gibt, die sie beschäftigen.

Ich glaube, dass ich in den letzten Jahren all diese Verdrängungsmechanismen ausprobiert habe. Aber wenn ich ehrlich bin, hat nur ein einziger Mechanismus funktioniert: In meinen Kopf schleicht sich ein unangenehmer Gedanke, der mir die Stimmung verhageln könnte? OH! ACHTUNG!
Und hallo liebe Arbeit, ich habe dich vermisst.

Im ersten Moment mag es vielleicht schwachsinnig klingen, sich mit Arbeit von allen unangenehmen Gedanken ablenken oder sie gar verdrängen zu können. Und ich glaube auch, dass das sicherlich nicht bei jedem funktioniert. Aber in einer Zeit, in der mich negative Aspekte zu zerfressen drohten, hat es wunderbar funktioniert, mich mit Arbeit abzulenken. Sei es die Arbeit für die Uni, mein Nebenjob, die Arbeit am Blog oder ganz klassisch der Haushalt.
Wenn ich etwas zu tun habe und dabei idealerweise auch noch der Kopf beschäftigt ist, dann funktioniert das mit dem Verdrängen wunderbar und da ich selten Freizeit habe, beschleichen mich diese unangenehmen Gedanken kaum. Das klingt doch herrlich.

Ist es auch. Solange es funktioniert. Wenn ich aber wenig zu erledigen habe oder mir einfach nur eine Pause gönne, lauern diese Gedanken hinter dem nächstbesten Eck und brechen einfach über mich herein. Meistens fange ich spätestens in diesem Moment wieder an, meinen Kopf zu beschäftigen, ihn davon abzulenken, sich mit unangenehmen Dingen aufzuhalten. Manchmal klappt das aber einfach nicht mehr.

Im Laufe dieser Woche saß ich in einer überfüllten Vorlesung und hatte nicht die Möglichkeit, mich so zu beschäftigen, wie ich es sonst immer mache, wenn ich nicht aktiv mitschreibe. Ich weiß nicht, wie es anderen Studenten da geht, aber ich bin immer ganz froh, wenn ich rechts und links neben mir einen Platz frei habe und auch niemand hinter mir sitzt, der neugierig auf meinen Bildschirm glotzt und liest, was ich so mache. Leider war genau diese Situation gegeben, rechts von mir ein älterer Herr, der mir durch ständiges Aufschnauben und Schniefen das Gefühl vermittelte, dass er mich für völlig unproduktiv und Fehl am Platz hielt, weil ich immer wieder auf meinem Tablet oder meinem Handy Sachen machte, die gar nicht mit der Vorlesung zu tun hatten. Links neben mir eine junge Studentin, die sich nicht zwischen Musik hören, zuhören, lesen und schauen, was ich so treibe, entscheiden konnte. Ich beschloss also, nicht mehr großartig etwas zu machen, was Aufmerksamkeit erregen konnte und wollte an einem Blogeintrag arbeiten. Allerdings fühlte ich mich müde und leer, wusste nicht, worüber ich schreiben sollte. Ich ließ also ratlos meinen Blick durch den Vorlesungssaal streifen, bis mir eine Art Geistesblitz kam: Ein Thema, welches ich schon so oft indirekt auf diesem Blog angeschnitten, aber nur bei ein bis zwei kleinen Ausnahmen deutlicher angesprochen habe. Ein Thema, welches ich in den letzten drei Monaten mit aller Macht verdrängt hatte, welches mich aber schon zuvor immer wieder zurückgeworfen hat. Bei diesem Thema habe ich gemerkt, wie super dieses Prinzip der Verdrängung von unangenehmen Gedanken durch Arbeit funktioniert. Aber ich weiß, dass ich nicht dauerhaft davon laufen kann und mich irgendwann diesem Thema stellen muss. Und das möchte ich auch.
In meinem nächsten Blogpost. Denn das würde jetzt den Rahmen sprengen.

Was mich aber an dieser Stelle interessieren würde: Wie geht ihr mit Themen um, die ihr am liebsten vergessen und aus eurem Leben streichen würdet? Seid ihr eher dieser Aufarbeiten- oder doch eher der Verdrängungstyp wie ich?
Gibt es irgendwelche Tipps?

Bis die Tage,

Jess

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