Und auf einmal bist du alleine.

Ich kann mich noch ziemlich gut an einen bestimmten Abschnitt meines Lebens erinnern. Es war in der 9. Klasse im Jahr 2007. Wie jeden Morgen ging ich die unendlichen Stufen zu meinem Klassenzimmer entlang. Das Schönste am ganzen Schultag war immer die Zeit, in der die Lehrer noch nicht da waren und wir im Gang vor unserem Klassenzimmer auf dem Boden saßen und quatschten, uns austauschten. Es waren typische Mädchengespräche, ganz hoch im Kurs natürlich die neuesten Geschichten rund um die Kerle, die unsere Herzen eroberten. Unser kleines Grüppchen war wunderbar ausgeglichen – keiner von uns stand im Mittelpunkt, niemand ging unter oder wurde gar vernachlässigt, zurückgelassen. Ich dachte, es würde immer so weitergehen, wir würden gemeinsam unser Abitur machen, irgendwann vielleicht gemeinsam auf einer Universität landen. Von dieser Idee war ich felsenfest überzeugt.

Bis zu meinem Umzug.

Nachdem ich Mitten im Schuljahr die Schule wechseln musste und dann auch noch auf einer Schule landete, die 45 Minuten Zug- und Busfahrt von meinem Wohnort entfernt war, ging irgendwie langsam alles rund um dieses Thema bergab. Ich wollte, konnte mir das eine lange Zeit nicht eingestehen, aber ich bin nun an einem Punkt angelangt, an dem ich sagen kann, dass ich auf einmal alleine war. Ohne Freunde. Ohne jemanden in greifbarer Nähe, der ein offenes Ohr für mich haben könnte. Ich fand in meiner neuen Klasse einfach keinen wirklichen Anschluss, weil es bereits feste Gruppen gab, ich irgendwie zu keiner dazu passte. Meine alte Clique befand sich 100 Kilometer von mir entfernt, entfremdete sich, zerbrach. Heute habe ich zu keinen von ihnen Kontakt. Auch meine beste Freundin war auf einmal unendlich weit weg und ist es auch heute noch. Spontane Treffen? Unmöglich. Für einander da sein? Sehr schwierig.

Ich habe damals begonnen, mich immer mehr in eine Onlinewelt zurückzuziehen. Und damit war ich einigermaßen zufrieden, lernte viele Menschen kennen, die sich irgendwie wie Freunde anfühlten. Alle über Deutschland verstreut, für einen Teenager ohne Geld, ohne Auto und mit einer recht konservativen Familie nicht zu erreichen. Es waren reine Onlinefreundschaften. Und auch sie zerbrachen aus den unterschiedlichsten Gründen. Manchmal hatte man sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Das war in Ordnung, schließlich waren wir alle erst dabei, erwachsen zu werden. Manchmal ging man auseinander, weil für den einen das reale Leben wieder wichtiger geworden war, und auch das ist im Nachhinein ok. Oft trennte man sich ohne ein Wort, wusste nicht, warum der andere auf einmal begonnen hatte, sich zurückzuziehen. Das schmerzte. In manchen Fällen war es auch so, dass ich nach einiger Zeit feststellen konnte, dass auf einmal jede andere Person wichtig war, nur ich nicht. Abgeschrieben, ganz ohne Grund. Ok, vielleicht auch nicht, aber mir wurde nie einer genannt. In vielen dieser Situationen begann die Entfremdung allerdings immer dann, wenn ich die Person in irgendeiner Weise kritisiert habe. Und das, obwohl ich zuvor ständig zu hören bekam, dass ich es ruhig sagen solle, wenn mich etwas stört.

Dieser ganze Prozess in der Onlinewelt hat sich neun Jahre lang hingezogen. Natürlich hat es seine Zeit gebraucht, bis sich diese Freundschaften entwickelt haben, bis sie wieder auseinandergebrochen sind. Aber irgendwann hat sich das Schema nur noch wiederholt. Ich lernte jemanden kennen, ließ nach langem Ringen mit mir das Gefühl zu, mich auf diese Person verlassen zu können, und wurde dann doch bitter enttäuscht. Anfangs hat mich das zerfressen. Ich habe mir daran die Schuld gegeben. Mit jedem Mal wurde ich vorsichtiger, abgestumpfter. Und irgendwann hatte ich nur noch die Nase voll von dieser Heuchelei, dass ich einen Schlussstrich gezogen und mich komplett von all dem abgewandt habe.

Untitled 1 copyUnd seither bin ich alleine.

Natürlich habe ich ein paar Menschen um mich herum, mit denen ich den ein oder anderen lustigen und netten Abend verbringe. Ich kann sie an einer Hand abzählen und genieße die Zeit mit ihnen. Aber es ist nicht diese Art Freundschaft, in der man über all seine Gefühle, Ängste, Zweifel, Hoffnungen redet. All das halte ich unter Verschluss. Möchte nicht noch einmal enttäuscht werden und weiß, dass ich wohl mehr Energie in die Beziehung stecken würde als meine Gegenseite.

Als Kind habe ich immer von dieser bedingungslosen Freundschaft geträumt, in der man sich auch nachts um drei Uhr anrufen kann, um gemeinsam ein Bier zu trinken und zu quatschen, wenn die Welt über einen hereinbricht. In der man sich öfter in der Woche sieht, sich austauscht, gemeinsam lacht. In der man den Lebensweg gemeinsam bestreitet, auch wenn er in unterschiedliche Richtungen verläuft.

Vielleicht wird dieser Traum irgendwann wahr. Und bis dahin verdränge ich dieses Gefühl nicht mehr, sondern akzeptiere es und mache das Beste daraus, alleine zu sein, alleine zu kämpfen.

Bis die Tage,

Jess

3 thoughts on “Und auf einmal bist du alleine.

  1. „Und auch sie zerbrauchen aus den unterschiedlichsten Gründen.“ Da meinste wohl eher „zerbrachen“. Liebe Grüße aus Hessen =)

  2. Sorry, dass ich hier eins auf Oberlehrer mache, ich kann nicht anders =)

    –> auseinanandergebrochen
    –> abgeschrumpfter (?)

    Übrigens, ich habe Ähnliches erlebt, allerdings hatte ich damals (ab dem Gymnasium) sowieso die Außenseiter-Rolle inne, weil ich mich in keine Schulade hab einteilen lassen von den anderen oder nach deren Pfeife tanzte =)

    Generell meine ich auch, dass es in der heutigen hoch gestörten kapitalistischen und volldigitalisierten Zeit das soziale Endprodukt darstellt. Bei uns herrscht die paradoxe Situation, dass Informationen und Kontaktmöglichkeiten beinahe unbegrenzt sind und sie wohl von den meisten als nichts mehr Besonderes empfunden werden und somit wird keine Prioritäten mehr gesetzt. Der Kontakt X in Facebook oder über’s Handy ist nichts „Besonderes“ mehr für denjenigen / diejenige, er ist sowieso jederzeit digital erreichbar. Alle sind sie die ganze Woche am Rennen und Moneten für den Lebensuterhalt beischleppen, sodass echte Freunschaften total auf der Strecke bleiben und nichts mehr richtig wurzeln kann. Ich konnte mich früher ganz spontan mit Leuten treffen, ohne groß vorher Termine absprechen zu müssen.

  3. Hey,

    kein Problem, manche Fehler sieht man einfach nicht, obwohl ich meine Beiträge mindestens zwei Mal lese, um das auszuschließen. Vielen Dank für die Hinweise, ich habe meine Fehler verbessert. :)

    Ich habe auch gemerkt, dass man relativ schnell zum Außenseiter wird, wenn man nicht dem entspricht, was andere von einem verlangen. Aber ich sehe es auch nicht ein, mich für andere zu verbiegen und mich selbst dabei zu vergessen.

    Ich finde es schade, dass dieses „Alleine sein“ das soziale Endprodukt sein soll. Diese Entwicklung gerade im Bereich der Kontaktmöglichkeiten ist zwar toll, aber was bringt sie uns, wenn dabei sämtliche Beziehungen vollkommen auf der Strecke bleiben?
    Freunde sind meiner Meinung nach immer noch etwas Besonderes und sollten an einer der ersten Stelle auf der Prioritätenliste stehen. Ich finde das echt schade, dass es so ist, wie es nunmal ist.

    Liebe Grüße,
    Jess

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