Wie? Da war etwas?

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Immer schneller. Immer besser. Immer früher. Immer effektiver. Immer produktiver. Immer intelligenter. Immer herausragender. Immer hervorstechender. Immer und immer mehr.

Es ist kaum zu glauben, wie schnell sich Menschen ändern können. Wie schnell sich die Gesellschaft ändert. Wir alle leben in einer Welt, in der es immer darum geht, besser zu werden. In sämtlichen Lebensbereichen. Man muss hervorstechen, um etwas zu sein. Am besten schon im Kindesalter, indem man mit fünf Jahren drei Sprachen spricht und das kleine 1×1 beherrscht. Vom Schreiben oder Lesen möchte ich nun gar nicht anfangen.
Und irgendwann zieht dieser Rausch jeden mit. Man beginnt, sich in etliche Tipps und Tricks zu einer besseren Produktivität einzulesen. Andere zu beneiden, weil sie alles so perfekt auf die Reihe bekommen, wofür man selbst wohl einen 48 Stunden Tag bräuchte. Alle reden von der bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten ToDo-Liste, die sie locker an einem Tag bewältigen. Von Zeitmanagement, was sie ja so gut beherrschen. Der eigenen Produktivität, die sie ständig steigern. Immer mehr, immer schneller, immer besser. Wer diese Kunst nicht beherrscht, muss an sich arbeiten. Dringend.

Aber keiner redet davon, auch mal einen Moment inne zu halten. Auf das zu blicken, was man hat. Zu genießen, was man erreicht. Sich auch eine kleine Pause gönnen.

Ich weiß, dass ich selbst nicht besser bin, was das angeht. Ohne meine letzten Beiträge nun auf diese Tatsache überprüft zu haben, habe ich das Gefühl, ständig nur die Themen Produktivität, Zeitmanagement, ToDo-Listen und Terminkalender im Kopf zu haben. Alles soll immer durchgeplant sein, damit ich auch ja nichts vergesse, damit ich alles meistere. Immer mehr, immer schneller, immer besser. Und ja, das mag ja auch funktionieren, gar keine Frage. ToDo-Listen und Terminkalender mögen wunderbar sein und erinnern einen an jeden kleinsten Scheiß. Nur nicht daran, auch mal einen Moment inne zu halten.

Meine letzten zwei Wochen waren noch vollgepackter als sonst. Im Mai und Juni sind ungewöhnlich viele Feiertage in Baden-Württemberg. Eine wunderbare Tatsache, wenn es darum geht, dass bei mir die Uni ausfällt, sonst würde ich vermutlich heute gar nicht hier sitzen und diesen Post tippen. Eine dramatische Angelegenheit, wenn es darum geht, dass meine Schüler liebend gern ein verlängertes Wochenende haben wollen und dementsprechend das große Nachhilfestunden-Würfeln beginnt. Ich hatte in der vergangenen Zeit vielleicht den ein oder anderen freien Tag, dafür an allen anderen das große Drama. Hier fällt mal eine Stunde aus. Da geht es nicht. Und trotz allem war ich immer erst um 19 Uhr zu Hause. In diese Zeit fielen auch zwei meiner vier Referate des aktuellen Semester und dazu wurde ich auch noch krank. Einen Tag vor meinen Referaten hatte ich keine Stimme mehr. Meistens ist es so, dass der Körper die ersten Warnsignale gibt, dir sagt „Bis hier hin und nicht weiter“, wenn es zu viel ist, man sich keine Pause gönnt, im Sog der Produktivität und Leistung ist.
Und es war wohl etwas zu viel des Guten.

Ich habe gerade in der vergangenen Woche gemerkt, dass es wichtig ist, auch einmal aus dem Zug auszusteigen, in den sich alle mit Gewalt hineinquetschen wollen. Auch wenn das bedeutet, dass manche Dinge nicht so laufen, wie ich es gerne hätte. Von meinen drei Blogposts, die vorletzte Woche in meinem Kalender standen, habe ich keinen einzigen veröffentlicht. Anfangs hat mich das noch geärgert. Heute denke ich, dass es vielleicht auch ganz gut so war – für Dinge, die einem wichtig sind, soll man sich Zeit nehmen, und sie nicht halbherzig erledigen.

Nach außen hin habe ich wohl in diesen zwei Wochen ein absolut grausiges Bild des unorganisiertesten Menschen abgegeben: die ToDo-Liste war nicht einmal ansatzweise abgearbeitet, auf meinem Schreibtisch stapelten sich die Unterlagen, ich habe mich in kaum einem sozialen Netzwerk regelmäßig gemeldet, die Wohnung war für meine Verhältnisse relativ chaotisch und die Bügelwäsche stapelte sich im Schrank. Aber im Inneren hatte ich endlich wieder ein bisschen Zeit für mich, konnte wieder mehr zu mir selbst finden, zur Ruhe kommen. In all der Hektik, die uns das gesellschaftliche Leben vermittelt, war das wie eine kleine Auszeit. Wie Urlaub. Als ob man auf einmal im Auto nicht mehr am Steuer sitzt, sondern auf dem Beifahrersitz oder hinten auf der Rückbank und sich Zeit nimmt, die Landschaft und Dinge etwas genauer zu beobachten, die sonst nur an einem vorbei ziehen. Wie? Da war etwas? Nein, das ist vorbei. Man nimmt auf einmal genau war, was eigentlich da war. Und stellt dabei fest, dass all das, was um einen herum passiert, wunderschön ist. Dass man viel mehr darauf achten sollte, statt ständig an den nächsten Tag, die nächste Woche oder den nächsten Monat zu denken. Das heißt nicht, dass man dabei nur noch in den Tag hineinlebt, nein. Aber ein gesundes Mittelmaß zwischen dem Genuss des Gegenwärtigen und der Planung des Zukünftigen sollte doch gegeben sein. Oder etwa nicht?

Haltet einen Moment inne. Sonst verpasst ihr etwas. Und sei es nur das Gezwitscher der Vögel, das Summen der Bienen, das Platschen der Regentropfen.

Bis die Tage,

Jess

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