Und was verfolgen Sie?

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Wenn man durch die Straßen geht, sieht man viele unterschiedliche Menschen. Gerade bei einem Wetter wie diesem, wenn mittags die Sonne frohlockt und abends ein Regenschauer über uns hereinbricht, könnte der Unterschied zwischen diesen Menschen nicht größer sein. Da haben wir die Wagemutigen, die sich mit Pumps oder Ballerinas auf die Straße trauen und auf ihre ganz eigene Weise gegen die Tristes des verrückten Maiwetters ankämpfen. Andererseits gibt es da aber auch diejenigen, die immer auf Nummer Sicher gehen und noch mit einer dicken Jacke und Stiefeletten durch die Gegend laufen. Nicht zu vergessen sind natürlich auch die, die sich irgendwie in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen befinden.

An einer Kreuzung begegnen sich all diese Typen.

Sie schauen aneinander vorbei oder beäugen sich kritisch. Und ich sitze währenddessen in meinem Auto und beobachte diese Situation, beobachte all diese Menschen. Ich war schon immer eine derjenigen, die sich eher zurücklehnten und beobachteten, bevor sie sich in Situationen einmischten oder einen Kommentar dazu abgaben. Schon immer habe ich es zu schätzen gewusst, wie viel wir über Menschen lernen können, wenn wir sie einfach nur beobachten. Ihr Verhalten. Ihre Gestik. Ihre Mimik. Die Gesichtsausdrücke zwischen denen, die sie bewusst aufsetzen. Man kann so viel mehr als Freude oder Traurigkeit alleine durch das Beobachten erkennen und dementsprechend auch auf diese Menschen eingehen. Du freust dich? Erzähl mir, was dir Freude bereitet! Du bist traurig? Was hast du auf dem Herzen? Du bist gehetzt? Kann ich dir helfen, diesen Umstand zu ändern? Dir tut etwas weh? Kann ich dir etwas abnehmen oder dir eine Schmerztablette anbieten?

Selten liegt man mit diesen Einschätzungen falsch. Denn wir geben mit unserem Verhalten und unserem Auftreten so vieles über uns preis, oft mehr, als uns eigentlich lieb ist. Aber das gibt anderen auch die Möglichkeit, mehr über uns zu erfahren, herauszufinden, wer hinter der Fassade steckt, die wir so oft im Alltag aufzusetzen versuchen. Wenn man in der Hektik des Tages nur einen kleinen, genaueren Blick auf andere Personen wirft, kann man so viel erfahren. Die Schönheit an ihnen erkennen, wenn wir nicht dauernd die negativen Aspekte auf uns wirken lassen. Wenn wir statt „Oh, was trägt denn die für komische Schuhe!“ einfach mal „Wow, was für ein wunderschönes Lächeln!“ denken. Unser Blick auf die Menschen würde sich verändern. Wir würden viel intensiver wahrnehmen, wie es unserem Gesprächspartner geht, oder ob wir es riskieren können, die unbekannte Person anzusprechen, die uns gegenüber im Bus oder Zug sitzt. Aber all das wird wohl nie so sein. Wir sind viel zu negativ geprägt, sehen selten das Schöne.

Wieso das so ist? Weil wohl zu viele Menschen die Suche nach dem Negativen brauchen, um sich selbst besser zu fühlen. Auch wenn keiner dies so zugibt, aber insgeheim wissen wir, dass das auf die meisten zutrifft, die sich negativ gegenüber anderen äußern oder dies gar hinter ihrem Rücken machen. Natürlich gibt es auch die Fraktion, die das Negative aus Langeweile suchen, Lästerreien als Hobby betrachten. Aber viele sehen darin nur die perfekte Möglichkeit, von ihren eigenen Fehlern, ihrem Frust, ihren Verletzungen abzulenken und sich durch diese Flucht etwas besser zu fühlen. Natürlich geschieht das Schlechtreden auch oft aufgrund von Neid, weil jemand etwas hat, was man am liebsten selbst gerne hätte.

Meiner Meinung nach ist kein einziger dieser Gründe eine Rechtfertigung dafür, nur das Schlechte an seinem Gegenüber zu sehen, es deshalb niederzumachen oder gar zu verurteilen. Dieses Recht steht keinem von uns zu, nichts darf verurteilt werden, wenn man es doch gar nicht kennt. Aber das geschieht viel zu oft.

Wir sollten viel öfter ganz ohne Vorbehalte auf andere zugehen. Ihre positiven Aspekte erkennen. Und sie einfach nur fragen, welchen Weg sie in ihrem Leben verfolgen. Meistens werden wir mit unseren Vermutungen richtig liegen, wenn wir das positive Einschätzen anderer Menschen zulassen und uns weniger auf das Negative konzentrieren.

Probiert es doch einfach mal aus. Es eröffnet einem einen ganz anderen Blick auf unsere Welt, auf unsere Mitmenschen.

Bis die Tage,

Jess

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