Wo das Herz zu Hause ist

2015-05-30 12.21.25Alle zwei Wochen packe ich wehmütig meine Sachen. Schlafzeug, Jogginghose, T-Shirt, Pulli, frische Unterwäsche, Socken, mein Kosmetiktäschchen, das Handyladekabel, mein Laptop und das dazugehörige Ladekabel und natürlich mein geliebtes Schlafkissen, was mich seit Jahren begleitet. All das wandert mittlerweile ziemlich routiniert in meine Reisetasche, die dabei ständig von Amy und Mia belagert wird. Ganz nach dem Motto „Liebe Katzenmama, nimm uns doch mit!“. Am liebsten würde ich das auch. Einfach all das mitnehmen, was mir mein zu Hause schenkt. Die Liebe, die Wärme, die Sicherheit, das Gefühl, angekommen zu sein. Leider geht das nicht.

Wenn ich die Wohnungstür hinter mir schließe, freue ich mich schon wieder auf den Moment, in dem ich sie öffne und wieder da bin. Von meinem Ziel trennen mich 130 Kilometer und etwas mehr als eine Stunde Autofahrt. Während dieser hänge ich meinen Gedanken nach, genieße es, ungestört und laut Musik zu hören, in der Masse der Autos unterzugehen.

Mein Ziel? Ein kleines, bescheidenes Dörfchen in der Nähe von Rottweil. Mein ehemaliges zu Hause. Der Ort, an dem meine Geschwister wohnen. An dem ich selbst einst wohnte. Allerdings bin ich mit meinem Herzen nie dort angekommen und ich glaube, das ist einer der Gründe, weshalb es mir so schwer fällt, mit einer Selbstverständlichkeit aufzubrechen, die eigentlich nach drei Jahren gegeben sein sollte.

Ich genieße die Zeit, die ich alle zwei Wochen bei meiner Familie verbringe, ungemein. Es ist wie früher, als ich noch gemeinsam mit meinen Geschwistern unter einem Dach gewohnt habe. Wir lachen. Diskutieren. Streiten. Reden über ernstere Themen. Töten uns mit Blicken, wenn wir gemeinsam Mario Kart spielen. Ich fühle mich wieder wie ein Teenager, kann all die Sorgen und Gedanken, die mich sonst unter der Woche beschäftigen, für einen Moment vergessen. Der Lärm, der mich auf einmal umgibt, ist ein willkommener Trost in der Stille, die sonst herrscht.

Allerdings ist das Wochenende oder die Zeit, die ich mich meiner Verantwortung entziehen kann, schneller vorbei, als mir lieb ist. Auf einmal muss ich wieder gehen und verspüre das gleiche Gefühl wie in dem Moment, in dem ich meine eigene Wohnungstür schließe: Am liebsten würde ich einfach all das mitnehmen. Meine Geschwister in der Nähe wissen, ab und zu einfach auf ein, zwei Stunden vorbei kommen und die Zeit mit ihnen genießen.

Wenn ich die Straße entlang fahre und im Rückspiegel mein altes zu Hause immer kleiner werden sehe, beschleicht mich ein ganz komisches Gefühl. Es ist nicht der Wunsch, wieder bei meinen Geschwistern einzuziehen und mein selbstständiges Leben aufzugeben, nein. Spätestens wenn ich wieder auf der Autobahn bin, freue ich mich, bald wieder zu Hause zu sein. Aber es ist der starke Wunsch, einfach das Gefühl der Sorglosigkeit und des familiären Beisammenseins mitzunehmen. Wenn meine Geschwister bei mir zu Hause zu Besuch sind, bin ich unendlich glücklich und wünsche mir immer, dass diese Zeit möglichst langsam vorbei geht. Und ich denke, genau dieses Gefühl ist es, nachdem ich mich sehne, wenn ich sie verlasse. Wenn ich ein Stück meines Herzens an einem Ort zurücklasse, den ich selbst nie lieben gelernt habe.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das erst werden soll, wenn meine Geschwister älter werden. Erwachsen werden. Das Haus verlassen und ihr eigenes Leben leben, so wie ich es bereits mache. Ich gönne ihnen nichts mehr als das, es ist mein größter Wunsch für sie und ich werde sie dabei so gut es geht unterstützen. Aber ich will gar nicht daran denken, wie es wohl irgendwann einmal sein wird, wenn auch sie über Baden-Württemberg verstreut sind, falls das ihr Weg sein sollte.

Erwachsen werden bedeutet nicht nur, selbst erwachsen zu werden. Es bedeutet auch, dass ich meine Geschwistern beim Erwachsen werden beobachten kann. Immer mehr Dinge an ihnen entdecke, in denen sie mir wahnsinnig stark ähneln. In jedem von ihnen steckt ein kleines Stück von mir, und ich fühle mich nur dann vollkommen, wenn all diese Stücke vereint sind. An dem Ort, an dem mein Herz wohnt, wo es zu Hause ist.

Ich hoffe, dass ich dieses Gefühl noch lange genießen kann. Vielleicht lerne ich irgendwann auch mit diesem ganz komischen Gefühl umgehen zu können, wenn ich freitags oder samstags meine Wohnung verlasse oder samstags beziehungsweise sonntags wieder heimfahre.

Vielleicht verschlägt es meine Geschwister ja auch irgendwann in meine Nähe. Wer weiß, was die Zukunft bringt, und an wie vielen unterschiedlichen Orten mein Herz irgendwann zu Hause sein wird.

Wie empfindet ihr das, nicht mehr mit euren Geschwistern unter einem Dach zu leben? Sie nur noch an wenigen Tagen zu sehen, obwohl man früher Tag und Nacht aufeinander hing?

Bis die Tage,

Jess

 

3 thoughts on “Wo das Herz zu Hause ist

  1. Liebe Jess, ich kann nachvollziehen wie du dich fühlst. Ich bin zwar noch nicht ausgezoge, aber meine große Schwester lebt seit einem Jahr nicht mehr bei uns. Plötzlich war sie einfach weg, aus meinem Leben verschwunden, nur alle zwei, drei Wochen bei uns und fast so, als hätte es die Abende vorm Fernseher oder die langen Shoppingtage nie gegeben. Es mach mir Angst zu wissen, dass das Ende der Schulzeit immer Näher rückt und damit auch dieses Gefühl von Geborgenheit. Immer jemand da um gemeinsam zu Essen oder einfach zu reden. Ich habe zwei Schwestern. Eine kleine eine große und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie leer unser Haus sein muss, wenn ich schließlich auch gehe. Nicht dass ich mich nicht freue. Ich will weg, weit weg, die Welt sehen, erleben…aber das Gefühl nicht mehr kindisch und vorlaut zu sein, nicht mehr einfach so in das Zimmer meiner Schwester zu platzen und mich auf ihr Bett zu pflanzen…nein darauf kann und will ich nicht verzichten…

    Lg Vera / http://www.lifeof-ablondie.blogspot.com

  2. Liebe Vera,

    genau diese Gedanken sind mir auch durch den Kopf gegangen, als ich fertig mit meinem Post war. Ich habe meine Geschwister angeschaut, die gerade auf der Couch saßen und Blödsinn gemacht haben, und habe mich gefragt, wie es wohl für sie ist.
    Es ist ein so ambivalentes Gefühl. Diese Freude, „erwachsen“ zu sein. Diese Sehnsucht nach dem, was man hatte.
    Danke, dass du mir noch einen kleinen Einblick in die andere Seite gewährt hast. Ich glaube, wenn ich das nächste Mal wieder bei meinen Geschwistern bin, frage ich sie, ob es ihnen ähnlich geht.

    Liebe Grüße,

    Jess

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