Der Depp vom Dienst

Es ist Donnerstagabend. 20.00 Uhr. Hinter mir liegen sechs Stunden Hauptseminar in einem stickigen Raum, in einem Grüppchen von 14 Leuten, die ich nicht kenne. Der Stoff war trocken und anstrengend, mein Schädel brummt. Eigentlich hätte ich heute schon um 9.15 Uhr meine erste Vorlesung und dementsprechend einen Unitag von elf Stunden gehabt – Fahrtzeit noch gar nicht eingerechnet. Aber ich habe meine regulären Vorlesungen ausfallen lassen, um morgens noch an meinem Referat arbeiten zu können. An meinem vierten in diesem Semester. Dem letzten. Ich habe es hinter mir, bin geschafft, aber glücklich und nehme mir vor, mir seit langer Zeit einfach einen freien Abend zu gönnen. Heimzukommmen, etwas zu essen und anschließend einfach auf der Couch rumliegen, bis es wieder Zeit zum Schlafengehen ist, weil ich morgen wieder um 6.00 Uhr aufstehen sollte. Ich habe nämlich noch zwei Blockseminare vor mir, nochmal jeweils acht Stunden, die ich diese Woche noch in der Uni verbringen muss. Deshalb wollte ich mir einfach einen entspannten Abend gönnen. Was ich auch tat. Bis ich um 22.30 Uhr eine WhatsApp Nachricht bekommen habe, die ich besser nicht gelesen hätte.

Es ist die Nachricht einer Mutter von einem meiner Schüler, die mich völlig in Rage bringt. Ihr Sohn schreibt nächste Woche eine Arbeit. Das ist mir soweit bekannt, weil er es mir, als ich diese Woche bei ihm war, nach einer halben Stunde gesagt hat und ich dementsprechend noch einen 30 minütigen Crashkurs eingeschoben habe, damit er nicht ganz unvorbereitet in die Arbeit geht. Nun soll es noch einen Nachhilfetermin geben. Freitag oder Samstag? Ich antworte noch relativ entspannt, dass ich nicht kann, weil ich Uni habe. Es ist spät, mein Hirn hat nicht so schnell geschalten. Kurz darauf kam „Montag oder Dienstag?“, und erst jetzt fing ich langsam an, zu realisieren, was gerade eigentlich geschieht.

Es ist 22.30 Uhr. Hallo?! Mir würde es nicht im Traum einfallen, jemanden um diese Uhrzeit zu kontaktieren, mit dem ich nur im geschäftlichen Kontakt stehe. Und nichts anderes ist Nachhilfe. Ich bin nicht die beste Freundin meiner Schüler, und falls ich doch kein Problem damit habe, dass man mich später kontaktiert, sage ich das meinen Schülern explizit. Weil sie sich anstrengen. Weil sie mir das Gefühl geben, dass sie es wirklich wollen. Weil sie dankbar für jede Erklärung und Übungsaufgabe sind. Und mir genau das zeigen, auch wenn sie nicht jedes Mal „Danke“ sagen. Weil sie sich – obwohl sie es dürfen – dafür entschuldigen, dass es später geworden ist.

Aber das ist hier nicht der Fall. Im Gegenteil. Der Schüler bockt und spielt Machtspielchen mit mir. Er verliert zwar immer, weil ich die Tricks kenne, aber ich komme mir verarscht vor. Des Weiteren ist es nicht das erste Mal, dass ich so kurzfristig kontaktiert werde. Dass ich gefragt werde, ob ich denn nicht auch am Wochenende könne. Dass man meint, eine Stunde würde jetzt noch etwas retten. Ich kann in einer Stunde nichts retten! Und ich habe auch keine Lust, mir anhören zu müssen, dass man ja ach sooooo gespannt darauf sei, was nun bei der Arbeit rausgekommen ist! Ich weiß, dass ich Schuld bin, wenn die Note schlecht ist, und nicht der Schüler, der seinen Arsch nicht hochkriegt.

Auf einmal merke ich, wie ich mich mit meinen Gedanken vollkommen in Rage denke. Ich bin so wütend, dass mir die Tränen kommen. Das ist einfach nur unfair! Schon lange habe ich das nicht mehr gedacht. Schon gar nicht aufgeschrieben. Oder ausgesprochen. Aber es ist einfach nur noch unfair. Ich bin nicht der Depp vom Dienst, der nur noch fragt „Wie hoch?“ wenn ihm befohlen wird zu springen. Auch ich habe es verdient, dass man mich als Person respektiert. Dass man respektiert, dass auch ich ein Privatleben habe und auch gerne mal Wochenende hätte. Dass ich hauptberuflich eben NICHT Nachhilfelehrerin, sondern Studentin bin, und dass man dafür ein bisschen Verständnis zeigt. Dass man versteht, dass ich nach einem vollen Unitag eben nicht noch „geschwind“ und „ganz nebenbei“ eine Stunde Mathe reinschieben will.

Am liebsten würde ich einfach nur „Ich werde heute nicht mehr antworten, weil ich auch ein Privatleben habe und eigentlich längst schlafen sollte“ schreiben. Und dazu setzen, dass man in Zukunft doch bitte gewisse Zeiten respektiert, in denen es einfach nicht mehr angemessen ist, geschäftliche Dinge zu besprechen. Ich bin keine 24-Stunden-Hotline!
Am liebsten würde ich den Schüler auch einfach wieder abgeben.

Aber leider bringt jede verdammte Stunde bei ihm Geld. Und so kommt es, dass ich unter der Dusche stehe und mich nicht entscheiden kann, ob ich mich weiterhin über die Mutter aufrege, oder über mich, weil ich höchstwahrscheinlich doch eine Zusatzstunde am Montag oder Dienstag geben werde. Einfach weil dieser Mist mein Konto deckt.

Das Gefühl ist auch nicht besser, als ich in den Spiegel schaue und versuche, in meinen Augen auch nur ein bisschen von diesem Glücksgefühl zu erkennen, welches ich drei Stunden zuvor verspürt habe. Ich wische mir die Tränen weg und mache meinen Laptop an, den ich eigentlich nicht anrühren wollte. Mir reicht es. Ich mag diese beschissenen Gedanken nicht mehr verdrängen. Es ist nicht alles wunderschön und super toll. Mein Nebenjob kostet mich gerade sämtliche Nerven, die ich neben dem ganzen Unikram überhaupt noch übrig hab. Das sind verdammt wenige. Und auf einmal sitze ich da wie ein Häufchen Elend und bemitleide mich selbst. Einfach weil ich keine Lust mehr habe, stark zu sein und mir die Welt schön zu reden, obwohl sie mir gerade nur noch auf die Nerven geht.

Bis die Tage,

Jess

Kommentar verfassen