Frei wie ein Vogel

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Ich möchte frei sein. Frei sein wie ein Vogel. Über all die schönen Ortschaften dieser Welt fliegen und alle Zeit der Welt haben, sie in mir aufzusaugen und nie wieder zu vergessen. Zwischen den raschelnden Blättern im Schatten eines schützenden Baumes verweilen, während ich andere beobachte. Über einen Platz marschieren und mich von den Eindrücken, die auf mich einprasseln, inspirieren lassen. Meinen Blick auf die kleinen Details lenken, um ihre Schönheit in Erinnerung zu behalten. Mit Freunden um den letzten Brotkrümel streiten, nur um ihn am Ende doch zu teilen. All diesen Erinnerungen den Platz geben, mir ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, während ich nach neuen Erinnerungen Ausschau halte.

Ob ein Vogel lächeln kann? Ich weiß es nicht. Es ist mir aber auch egal. Mir reicht es, wenn ich wieder lächeln kann, meine Augen mit der Sonne um die Wette strahlen. Ich in den Spiegel schaue, und ein Feuerwerk der Emotionen in meinen Augen sehe. Sie sind erfüllt von Lebensfreude, Wärme und Liebe, freudiger Erwartung, angenehmer Aufregung, einem Hauch von Nervosität. Es gibt nichts, was diesen Blick trüben kann. All diese Gefühle stehen über dem, was auf mich einprasselt. Ich bestimme, bin mit mir im Reinen. Niemand kann mir etwas anhaben, nichts kann mich aus der Bahn werfen. Selbstsicher verfolge ich meinen Weg, fliege weiter und weiter. Erlebe immer mehr, genieße jeden Moment des Tages. Lebe.

Ich möchte meine Flügel ausbreiten, sie bis in die letzte Federspitze fühlen und einfach wegfliegen. Den Wind zwischen meinen Federn spüren und mir vom Freiheitsgefühl den Verstand rauben lassen. All den Ketten entkommen, die ich mir selbst angelegt habe, als ich das Gefühl hatte, nicht mehr fliegen zu dürfen, zu können. Die Mauern überwinden, die ich selbst errichtet habe, um mich vor allem Feindlichen zu schützen. Die Blicke all derjenigen auf mir spüren, die sich nach Freiheit sehnen, statt selbst nur beobachten zu können, wie andere dieses Freiheitsgefühl genießen, und vor Neid und Sehnsucht zu zergehen. Das Plätschern der Regentropfen wieder auf mir spüren, von Regenpfütze zu Regenpfütze hüpfen und die Nässe genießen, statt nur aus weiter Entfernung das Geplätscher zu hören. In der Sonne sitzen und die Wärme von ihr aufsaugen, das Kitzeln jedes einzelnen Sonnenstrahls genießen, während andere all das nur auf Urlaubsbildern anschmachten.

So vieles möchte ich mit dieser Freiheit anfangen. Ungezwungen leben, jeden Moment genießen, als wäre es mein letzter. Ein bisschen mehr „Carpe diem“, ein bisschen mehr „Memento mori“. Es gab eine Zeit, in der diese Gedanken mein Leben bestimmten. Ich habe sie völlig vergessen.

Ich weiß, dass ich frei wie ein Vogel sein kann, denn ich war es einmal. Ein wunderschöner, unbeschwerter, vor sich hinzwitschender Vogel, der selbst an den dunkelsten Tagen einen Ort des Lichtes sah, den grauesten Momenten einen Klecks Farbe entdeckte.

Diesen Vogel habe ich eingesperrt. Hinter hohen Mauern, an Ketten angebunden. Zu seiner eigenen Sicherheit. Keiner kann an diesen Ketten rütteln, niemand die enorme Höhe der Mauern überwinden. Das sollte immer so sein. Es war gewollt. Nichts konnte diesem Vogel etwas anhaben, er hat munter vor sich hingezwitschert. Die tristen Mauerwände mit den Farben der Erinnerung zugepinselt. Aber nun ist ihm die Farbe ausgegangen, und er sitzt nur noch trist am Boden, beobachtet all seine gemalten Bilder und trauert. Das, was ihn einst erfüllte und stärkte, tut nur noch weh. Es sind schmerzende Erinnerungen. Lange Zeit konnte der Vogel von ihnen Leben und alles viel farbenfroher gestalten. Nun verkommen die Farben. Sind nur noch schwarz, weiß und grau. Und die Sehnsucht nach dem Bunten und Fröhlichen wird immer stärker.
Das kleine Vögelchen will sich von seinen Ketten losreißen, das Fliegen wieder lernen, all die Mauern überwinden. Es will nicht mehr eingesperrt mit all diesen Erinnerungen sein, die es nur quälen, sondern Neues erleben, seinem Leben wieder Farbe einhauchen, es in vollen Zügen genießen.

Sprenge die Mauern. Zerstöre die Ketten. Lass das kleine Vögelchen fliegen.
Lass mich frei sein wie ein Vogel.

Bis die Tage,

Jess

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