Prüfungsphase, die Sechste

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Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich es mal wieder an meinen Schreibtisch geschafft. Nach meinem letzten Referat vor zwei Wochen bin ich in ein Loch gefallen. Ich wollte nichts mehr für die Uni machen, war halbherzig in meinen Seminaren anwesend, las in Vorlesungen, wenn nichts weiter als meine körperliche Anwesenheit erforderlich war. Wenn man ständig unter Druck steht und weiß, dass man noch vieles zu leisten hat, funktioniert meistens alles automatisch. Aber sobald dieser Druck nachlässt, ist es vorbei. Motivationsloch, hallo! Ich habe dich vermisst.

Da ich nach meinem letzten Referat noch zwei Tage ein Blockseminar hatte, setzte der Druckabfall völlig verzögert ein. Aber nach der Prüfung ist vor der Prüfung, wie es immer so schön heißt. Wie ich es selbst erst vor kurzem der Mutter einer meiner Abschlussschüler geschrieben habe, deren Kind weiterhin den Weg des Lernens verfolgt. Ich komme mir vor wie die größte Heuchlerin des Tages. So viele Termine, die ich im Blick habe, irgendwie meistere. Mir ständig einrede, alles im Griff zu haben, nie die Übersicht zu verlieren. Und nun stelle ich heute Abend, nachdem ich über eine Stunde damit verbracht habe, meine ToDos vollzukritzeln, um bloß nichts zu vergessen, wichtige Dinge in meinem Kalender anzustreichen und mich kreativ vollkommen auszutoben, entsetzt fest, dass ich genau vier Wochen bis zu meiner ersten Prüfung habe. Vier Wochen. Das ist nichts. Vor allem, weil ich an drei Wochenenden nicht mal zu Hause bin, um zu lernen. Weil meine Schüler irgendwie noch alle hochmotiviert sind und ich an den Tagen, an denen ich nicht in der Uni bin, Stunden damit verbringe, Nachhilfe zu geben. Stunden, in denen ich mir lieber selbst Nachhilfe geben sollte.

Die ganze Zeit war ich felsenfest davon überzeugt, die Prüfungsphase locker zu meistern. Ich hatte schon viel mehr Prüfungen als dieses Semester, meine Höchstleistung liegt bei neun Prüfungen. Dieses Semester sind es nur drei. Und diese sind bei weitem nicht so anspruchsvoll wie die, die ich in den vergangenen Semestern abgelegt habe. Dennoch beschleicht mich gerade ein leichtes Panikgefühl. Ich habe das Motivationsloch noch nicht überwunden, würde mich am liebsten im Dunkeln unter der Bettdecke verkriechen und alles ignorieren. Bäh. Ich mag nicht.

In manchen Lebensabschnitten beginnt die Zeit einfach, ungeheuer schnell zu vergehen. Während ich an einem Tag das Gefühl habe, der Uhr beim Rückwärtsticken zuzusehen, weil die Zeit nicht vergehen will, rast in den darauffolgenden Wochen alles so schnell an mir vorbei, dass ich mich frage, wo ich eigentlich gewesen bin, während das alles passiert ist. Und genau so fühle ich mich heute. Ich sitze müde an meinem Schreibtisch, tippe diese Zeilen, weil ich zumindest etwas fertig bringen möchte, was ich mir für heute vorgenommen habe. Blicke ausgelaugt auf meine ToDo und verfluche sie. Egal wie schön, bunt, liebevoll gestaltet sie aussieht. Meine Aufgaben nerven mich.

Andererseits will ich etwas machen. Etwas leisten. Zeigen, dass ich dazu gelernt habe, nicht mehr das naive Etwas aus dem ersten Semester bin. Natürlich bin ich nicht perfekt. Natürlich könnte ich mehr für die Uni leisten. Und natürlich beneide ich all die, die überall Bildchen davon posten, wie fleißig sie sich auf die Prüfungsphase vorbereiten. Aber ich darf nicht vergessen, meine Leistung in Relation zu allem zu sehen. Ich bin keine Vollzeitstudentin, sondern arbeite in der Woche mindestens genauso viele Stunden, wie ich auch in der Uni verbringe. Viel zu oft vergesse ich, dass ich mich nicht einfach mit anderen vergleichen kann. Ich kann nicht für vier Wochen untertauchen, mich an meinem Schreibtisch verkriechen und alles andere ignorieren, auch wenn das mein tiefster Wunsch ist. Mich einmal im Leben nur auf eine Sache konzentrieren zu können.

Und obwohl ich viel um die Ohren habe, bin ich gut. Schlicht und einfach gut. Dieses Wort zu tippen ist komisch und ich gehe immer mit Bedacht mit solchen Äußerungen um, weil ich nicht überheblich oder arrogant wirken will. Denn das ist nicht meine Intention dahinter. Wenn ich diese Worte von anderen lese, dass ich gut sei, dass ich alles wunderbar meistere, dann muss ich mit Gewalt den Zweifler in mir niederkämpfen, der sich mit Hand und Fuß dagegen wehrt. Ich bin nicht gut. Ich bekomme gar nichts hin. Du weißt gar nicht, wie oft ich tränenüberströmt in mein Bett falle, weil mich alles ankotzt. Weil ich die Schnauze voll von dem habe, was ich mache. Weil ich mich nur noch von Termin zu Termin schleppe. Das kann nicht gut sein. Ich bekomme kaum etwas hin, und wenn, dann kostet mich das Überwindung. Und du nennst das gut? Du hast keine Ahnung!
Das Eingeständnis, dass ich gut bin, soll einfach meinen inneren Zweifler zum Schweigen bringen. Ich will endlich etwas mehr an mich selbst glauben und nicht ständig einen inneren Kampf ausstehen, wenn mir jemand die Anerkennung entgegenbringt, die ich selbst mir zu geben nicht bereit bin.

Ich versuche, mit der sechsten Prüfungsphase, meiner ersten im Hauptstudium, nicht nur gegen den Stoffberg anzukämpfen, den ich zu bewältigen habe, sondern auch gegen diesen verdammten Zweifler, der mich mehr hindert als motiviert.

Das Motivationsloch ist überwunden. Her mit der Nervennahrung. Ich bin bereit.

Bis die Tage,

Jess

6 thoughts on “Prüfungsphase, die Sechste

  1. Hallo Jess,
    ich kann wirklich mit dir fühlen. Es ist schwer immer alles auf einmal zu wollen und irgendwann zu merken, dass sonst keine Zeit für andere Dinge mehr bleibt. Klausuren über Klausuren. Bei mir ist das Ende fast in Sicht und doch bin ich ein bisschen enttäuscht von mir. Ich hatte viel um die Ohren ja und habe alles, naja fast alles geschafft. Ich kann nicht behaupten gut zu sein und vielleicht liegt es ja daran, dass ich nicht das leiste, was ich eigentlich könnte. Nach der 3 oder 4 Klausur geht es einfach nicht mehr. Genug gelernt, genug am Schreibtisch gesessen. Das Motivationsloch hat mich schon in der Klausurenphase eingeholt und dabei habe ich so gar keine Zeit dafür motivationslos zu sein. Ich wünsche dir ganz, ganz viel Glück für die Klausurenphase. Bald hast du es geschafft :)

    Lg Vera
    von http://www.lifeof-ablondie.blogspot.com

  2. Hey Vera,

    alles auf einmal und am besten sofort! Genau das ist das Motto… leider. Dieses Motivationsloch während der Prüfungsphase kann ich voll und ganz verstehen, irgendwann hat man einfach auch keine Lust mehr, am Schreibtisch zu sitzen und zu pauken – gerade bei diesem Wetter.
    „Und dabei habe ich so gar keine Zeit dafür motivationslos zu sein.“ Ohja! Genau diesen Satz habe ich erst vor zwei Tagen gesagt!

    Vielen Dank für den Beistand. Ich zähle die Tage, bis es vorbei ist, und bis dahin heißt es halt: Durchhalten!

    Liebe Grüße,

    Jess

  3. „Das Eingeständnis, dass ich gut bin, soll einfach meinen inneren Zweifler zum Schweigen bringen. Ich will endlich etwas mehr an mich selbst glauben und nicht ständig einen inneren Kampf ausstehen, wenn mir jemand die Anerkennung entgegenbringt, die ich selbst mir zu geben nicht bereit bin.“

    Das kann ich sehr gut nachvollziehen! Zumal es mir ähnlich geht, ich habe neben dem Studium auch immer viel gearbeitet.

    Jetzt hast du die Prüfungsphase ja inzwischen überstanden und kannst wieder aufatmen. Kraft sammeln und dich dann mit frischer Energie ins nächste Semester stürzen. :)

  4. Hey,

    ich hab die Prüfungsphase leider noch nicht hinter mir – die dauert bei mir noch bis zum 30.07.15 an. Aber mittlerweile sehe ich alles schon ein bisschen entspannter und mit mehr Energie. Aber ich hoffe, dass ich in den Semesterferien etwas Kraft tanken kann, leider warten da einige Hausarbeiten auf mich.

    Aber es freut mich, dass ich mit meiner Ansicht nicht alleine bin. Manchmal wirkt es so, als würden sich andere gar nicht solche Gedanken machen und total unbekümmert studieren…

    Liebe Grüße,

    Jess

  5. Achso, ich dachte, die wäre schon vorbei, sorry. Aber naja, die zwei Wochen bekommst du jetzt auch noch rum. :) Hausarbeiten sind immer nervig, das stimmt…

    Oh nein, du bist damit ganz und gar nicht alleine. Es gibt schon noch ein paar reflektierte Studenten, auch wenn es manchmal nicht den Anschein macht. ;)

    Liebe Grüße zurück,
    Tina

  6. Kein Thema. Die zwei Wochen gehen irgendwie auch vorbei.. und ich kann mich nun auch voll und ganz auf die Prüfungen konzentrieren. Mittlerweile ist alles halb so schlimm..

    Ich bin da wirklich beruhigt. Danke für die aufmunternden Worte!

    Liebe Grüße,

    Jess

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