Ich feiere die Stille [Sonntagsgedanken »3«]

Innehalten. Nur für einen kurzen Moment. All den Gedanken Platz einräumen, die ich unter der Woche wegsperre. Mir selbst verbiete, nachzudenken. Diese Woche will ich meinen Sonntagspost zelebrieren. Auf dem Balkon, den ich mit so viel Liebe eingerichtet habe, aber viel zu selten nutze. Mit meinem Laptop auf dem Schoß, meinen zwei Katzenkindern um mich herum. Mit Musik, die ich schon lange hören wollte. Laut in meinen Ohren dröhnend, aber dank Kopfhörern doch nur ganz für mich alleine. Ich will mir ganz bewusst diese Zeit für mich nehmen, denn ich weiß, dass ich viel mehr davon gebrauchen könnte.

Ich sitze hier und genieße mein kleines Reich. Erinnere mich an die großen Worte, die wir in vergangenen Zeiten von uns gegeben haben. Wenn wir nur den Platz hätten. Es wird so viele tolle Abende geben. Wir werden noch mehr lachen, noch mehr unser Zusammensein genießen, viel öfter grillen, alle einen kleinen Teil zu einer wunderbaren Zeit beitragen. Es wird großartig!

Nun habe ich diesen Platz. Habe mein kleines Reich unter anderem mit so viel Liebe eingerichtet, weil ich einen wunderbaren Ort für alle schaffen wollte. Für die genialsten Momente, an die wir uns immer mit einem Lächeln erinnern werden, egal wie alt wir je sein werden. Aber ihr seid nicht da. Es ist meine kleine Oase, nicht unsere. Statt lauten Gelächter erfüllt nur der Klang der Musik meinen Kopf, die ich extra laut aufgedreht habe. Statt gemeinsam die größten Abenteuer zu erleben, sitze ich am Wochenende hauptsächlich zu Hause und gehe meinen Pflichten nach, um nicht wahnsinnig zu werden, meine Gedanken von dem Stechen abzulenken, was ich in meiner Brust spüre. Ich hasse mein Talent, Dinge zu entdecken, die mich davor warnen, mich in etwas zu verrennen. Und gleichzeitig bin ich dankbar. Es ist nur noch ein Stich, kein Schmerz, der unter die Haut geht, mich lähmt, mein Leben ins Wanken bringt. Wie sehr sehne ich mich danach, dass es einmal anders läuft.

Dass ich einmal nicht alleine dastehe. Teilen kann. Das zurückbekomme, was ich selbst investiere. Oder zumindest einen Teil davon. Damit wäre ich schon voll zufrieden. Ich möchte nur nicht mehr irgendjemanden hinterher rennen müssen. Was bringt es mir, noch darauf zu hoffen, dass sich etwas ändert, wenn ich schon selbst das Gefühl habe, dass meine gestreuten Angebote, meine dezenten Hinweise oder auch die offensichtlichsten Sachen sich wie ein Betteln nach ein bisschen Aufmerksamkeit anhören? Ich will das nicht mehr.

Mir ist es in meinem Leben so oft passiert, dass ich mich in Sicherheit gewogen habe, das Gefühl hatte, dass es nun ideal läuft. Freundschaft. Und ich bin so oft auf die Nase gefallen. Mein Selbstwertgefühl hat sich im Keller ein Loch gegraben, sich selbst vergraben, ganz tief unter der Erde. Es hat lange gebraucht, bis ich einsehen konnte, dass ich nicht alleine Schuld daran bin, wenn etwas auseinandergeht. Noch viel länger hat es gedauert, bis ich auch einsehen konnte, dass ich vielleicht gar nichts dafür kann. Umso schneller ging es dann, vielem gar nicht mehr so viel Bedeutung beizumessen.

Ich weiß, dass ich alleine stark bin. Denn ich habe gelernt, mich auf niemanden zu verlassen, keine Schulter zum Anlehnen mehr zu brauchen. Alles formlos anzusehen, keine große Sache mehr aus zwischenmenschlichen Beziehungen zu machen. Und dennoch vermisse ich diese Schulter zum Anlehnen. Ich biete sie selbst oft genug an. Aber ich nehme sie mir nicht mehr, lehne mich lieber an einer Wand an, als an einer Person, mache alles, was mich bedrückt, lieber mit mir selbst aus. Trotzdem sehne mich nach dem Austausch mit anderen, obwohl ich gleichzeitig die Angst habe, mich wieder zu verrennen. Verspüre einen Stich bei Facebookbildern oder anderen Momenten, in denen ich mitbekomme, dass ich eigentlich kaum eine Rolle im Leben anderer spiele.

Ich will stark sein. Über all dem stehen. Aber manchmal fällt es mir schwer, beschäftigt mich bis tief in die Nacht, beschert mir die wildesten Träume, in denen sich die Sehnsucht, die Angst und die Ablehnung zum Schutz vermischen und eine tödliche Kombination aus allem entsteht, die mich schweißgebadet aufwachen lässt. Eigentlich dachte ich, dass ich irgendwann meinen Weg finde, damit umzugehen. Aber ich habe das Gefühl, mich immer weiter von meiner Lösung zu entfernen. Ich bin zwar nicht mehr so naiv und blende es aus, ignoriere sämtliche Warnhinweise. Ich bin auch nicht mehr so gehässig und böse und stoße jeden von mir. Aber ich habe noch keinen Weg gefunden, der zwischen diesen beiden Optionen liegt. Der mir einerseits die Sicherheit bietet, nicht vollkommen zu verzweifeln, wenn ich wieder alleine dastehe, mir andererseits aber die Möglichkeit eröffnet, dieses tiefe Vertrauen einer wahren Freundschaft zu verspüren.

Und ich glaube, dass ich weiterhin alleine auf meinem Balkon sitzen werde und meine Oase genieße. Zumindest solange, bis ich diesen Mittelweg gefunden habe. Oder vielleicht auch für immer. Und sollte das der Fall sein, so muss ich wohl einen Weg finden, die Sehnsucht auszulöschen, nie wieder einen Stich zu verspüren.

Bis die Tage,

Jess

2 thoughts on “Ich feiere die Stille [Sonntagsgedanken »3«]

  1. Sie werden Ihren Weg finden, Sie sind auf einem guten Weg dazu, jedenfalls was ich so lese.
    Und die Freundschaft, die Partnerschaft, wird sich finden. Je gefestigter Sie sind, desto eher.

  2. Vielen Dank für den Zuspruch! Mittlerweile denke ich auch, dass es einfach ein bisschen Zeit braucht, bis ich in meinem Sein gefestigt bin, und sich der Rest irgendwann ganz von alleine ergibt.

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