Überforderung pur. [Sonntagsgedanken »5«]

Woran erkennt man eigentlich, dass man überfordert ist? Andere mögen es einem vielleicht relativ schnell ansehen, aber die Selbsterkenntnis lässt dann doch etwas länger auf sich warten. Aber irgendwann kommt sie – bei mir halt an einem Sonntag um 22.50 Uhr – und das besser zu spät, als nie.

Hinter mir liegt eine verdammt lange und anstrengende Uniwoche. Ich hatte drei Tage Blockseminar, verbrachte insgesamt 26 Stunden an diesen Tagen in der Uni und es war absolut kein Vergnügen, weil es unendlich warm war. Und natürlich hatte ich auch meine normalen Seminare, meine Nachhilfeschüler, ja. Alles Gründe, weshalb ich mich in der gesamten Woche nicht gemeldet habe. Ich hatte nicht einmal die Luft, um mir Gedanken über einen Post zu machen. Und all das sorgte auch dafür, dass ich mir heute eine Auszeit gönnte, länger schlief, später mit dem Unikram anfing und auch mein Sonntagspost sich immer weiter hinauszögerte. Wer weiß, vielleicht hätte ich ihn auch gar nicht mehr verfasst, wenn ich nicht gerade eben ein „Aha“-Erlebnis gehabt hätte.

Worst-Case. Das will man sich gar nicht vorstellen. Ich habe in den vergangenen Wochen immer mal wieder meinen Laptop zur Uni mitgeschleppt, weil ich in einer Vorlesung kaum mit dem Mitschreiben hinterher kam und schon auf dem Tablet das Erlebnis hatte, dass mir auf einmal meine komplette Datei abhanden gekommen war (diese ist mittlerweile aber wieder aufgetaucht. Juhu). Zwar ist die Dozentin klasse und will nur drei Sitzungen abfragen, aber ich wollte eine Alternative zu dem, was ich bereits artig mitgeschrieben hatte. Nachdem ich mich also heute den halben Nachmittag meinen Unterlagen der Deutschvorlesung und der Kaiserzeitvorlesung gewidmet hatte, beschloss ich, noch einen kurzen Blick auf diese Unterlagen zu werfen – und siehe da: Weg. Einfach weg.

Ich hatte irgendwann in den vergangenen zwei Wochen meinen Desktop aufgeräumt. Meinen Papierkorb geleert. Und dabei wohl auch versehentlich die Datei mit den Aufschrieben von zwei Sitzungen gelöscht, die mir eigentlich als Alternative dienen sollten. Tja. Nun. Keine Alternative. Nichts. Es ist auch nichts mehr zu retten.

Und selbst in diesem Moment, während ich diese Worte tippe, kommen mir die Tränen. Sowas ist mir noch nie passiert. Ich kann mir auch gar nicht erklären, wieso das passiert ist. Weshalb ich so unaufmerksam beim Aussortieren war, weshalb ich so leichtfertig meinen Papierkorb leerte, ohne noch einmal drüber zu schauen. Das sind auch keine Tränen der Trauer oder Verzweiflung. Ich habe zwar keine Alternative, aber ich werde die Prüfung trotzdem hinbekommen. Aber es sind Tränen der Wut. Ich bin wütend auf mich selbst und auf den Mist, den ich zur Zeit dauerhaft fabriziere, einfach weil ich nicht mehr weiß, was ich machen soll, wo mir der Kopf steht. Objektiv betrachtet habe ich momentan „viel“ Zeit, um alles auf die Reihe zu bekommen, und doch gelingt mir nichts. Ich bin müde, ausgelaugt, habe keine Lust mehr, lüge mich selbst an, wenn ich mir sage, ich sei hochmotiviert, nun endlich zu lernen oder dass es doch ein schöner Tag werden könne. Und das zwei Wochen vor dem Endspurt. Ich bin begeistert.

Nun sitze ich also hier und tippe diese Zeilen. Damit ich zumindest etwas hinbekomme und mich nicht völlig wie ein Versager fühle. Vielleicht stelle ich zu hohe Ansprüche an mich. Vielleicht war es falsch, mir selbst eine Deadline für mein Studium zu geben, die fast ein ganzes Jahr vor Ende meiner Regelstudienzeit liegt. Vielleicht sollte ich alles anders angehen, weniger mit dem Wunsch, es möglichst schnell hinter mich zu bringen, um so viele nebensächliche Lasten los zu werden, sondern mehr mit dem Wunsch, abends nicht mehr verheult ins Bett zu gehen, weil mich dieser Druck völlig kirre macht. Vielleicht sollte ich nicht nur daran denken, dass manche das Studium irgendwie mit links meistern, sondern auch sehen, das es bestimmt dem ein oder anderen genauso geht wie mir. So viele vielleichts. Und schlauer werde ich dadurch auch nicht. Auch nicht motivierter. Aber ich bin momentan einfach nur so unzufrieden und weiß nicht, ob ich nun nach rechts, nach links, oder doch eher geradeaus gehen soll.

Und ich habe Angst. Angst, dass ich mich völlig verliere, wenn ich von meinem Weg abweiche. Wenn ich mein Ziel aufgebe, was zwar absolut wage, aber ein kleiner Hoffnungsschimmer, ein kleiner Trost ist. Und ich will nicht einen Schritt zurückgehen, sondern lieber drei Schritte nach vorne. Allerdings komme ich mir manchmal dabei vor wie auf einer wackligen Brücke, ohne Halt, ohne die Sicherheit, jemals unbeschadet am anderen Ende anzukommen. Ein kleines bisschen Halt wäre schön. Gewissheit. Nur ein kleines bisschen.

Bis die Tage,

Jess

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