Sport ist nur ein kleines bisschen Mord

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Vielleicht erinnert sich ja noch der ein oder andere von euch daran, dass ich mich zu Beginn des Jahres an das Thema „Sport“ herangetraut habe (falls nicht, könnt ihr das hier nochmals nachlesen). So motiviert ich mich in diesem Post auch angehört habe, so sehr ich mein Durchhaltevermögen auch angepriesen habe, so ehrlich muss ich an dieser Stelle sagen: Ich bin gescheitert. Als im April die Uni wieder angefangen hat, die Arbeit anzog und ich zudem auch noch eine ziemlich hartnäckige Erkältung angeschleppt habe, war es für mich vorbei. Ich habe ein Workout nach dem anderen verpasst und irgendwann auch meine Mitgliedschaft bei Gymondo wieder gekündigt.

Erst gegen Ende des Semesters, Anfang Juli etwa, habe ich gemerkt, dass mir etwas fehlt.

Und so schnell ich Gymondo kündigen konnte, genauso schnell konnte ich meine Mitgliedschaft wieder aufnehmen. Also habe ich wieder trainiert, meine Workouts dreimal die Woche gemacht. Aber glücklich war ich damit nicht, weil ich das Gefühl hatte, dass mich das nicht wirklich auspowert. Eine wirkliche Alternative sah ich nicht – bis zu einem Abend, an dem mir eine Freundin erzählte, dass sie seit kurzer Zeit ins Fitnessstudio im nächsten Ort geht.

Ich hatte ja bereits in meinem ersten Post zu diesem Thema erwähnt, dass ich mit einem Fitnessstudio eine Horrorvorstellung verknüpfte, die sich über viele Jahre hat einbrennen können. Im Sportunterricht habe ich nur dann glänzen können, wenn es um Ballsportarten oder Kraftübungen ging – nie mit grazilen Bewegungen oder einem wahnsinnig tollen Handstand. Irgendwie hatte ich ständig das Gefühl, dass mich meine Mitschüler nur müde belächelten, was wahnsinnig unangenehm war. Egal wie sehr ich mir gesagt habe, dass ich keinen Wert auf ihre Meinung legen muss, dass ich mich wohlfühlen muss und sonst keiner, es hat mich belastet und mir über diese Zeitspanne den Spaß am Sport genommen. Ich bin kein gertenschlankes Mädchen, welches anmutig vom Crosstrainer zum Fahrrad hüpft und dabei die knappsten und knalligsten Klamotten trägt, was wohl laut diversen Werbe- und Blogbeiträgen das Idealbild einer Fitnessstudiobesucherin zu sein scheint. Und das bereitete mir immer Kopfzerbrechen, wenn ich über den Besuch eines Fitnessstudios nachdachte, hielt mich davon ab.

Aber ich war unzufrieden mit dem, was ich hatte. Gleichzeitig offen für Neues. Und ich habe Zuspruch erhalten, dass es diese Blicke nicht gibt, zumindest nicht in diesem Ausmaße.  Also habe ich mich tatsächlich in diesem Fitnessstudio verirrt. Und wurde positiv überrascht.

Nicht nur, dass sämtliche Mitarbeiter sehr freundlich waren und mich nicht verurteilten, dass ich nicht so sportlich bin wie sie, auch das Gefühl während meines Trainings und danach war berauschend. Ich fühlte mich frei. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich wieder nachvollziehen können, wie andere beim Sport den Kopf ausschalten können. Bei mir war das das letzte Mal der Fall, als ich in einer gut funktionierenden Mannschaft Volleyball gespielt habe und in dem einst so geliebten Sport aufgehen konnte. Auch sind selbst die zehn Minuten auf dem Crosstrainer, die ich zu Beginn mache, viel effektiver als all das, was ich zu Hause machen konnte. Mittlerweile ist die zweite Woche fast vorbei und ich fühle mich gut, hatte noch nie das Gefühl, dass mich jemand müde belächelt. Eher verlasse ich immer lächelnd den Laden, weil ich etwas für mich getan habe, etwas, was mir sehr lange gefehlt hat.

Ich weiß, dass es vielleicht noch nicht angebracht ist, darüber zu berichten, weil ich mich in der Anfangsphase befinde. Die hört doch eh nach spätestens einem Monat wieder auf. Es mag sein, dass das vielleicht nun der ein oder andere denkt. Aber wer mich kennt, weiß, dass ich ein absoluter Geizkragen bin, und der ganze Spaß kostet mich jetzt ein Jahr Geld, und ich verschwende so ungerne Geld, weshalb ich davon überzeugt bin, dass ich nicht das Handtuch werfen werde. Zumindest nicht so einfach wie zuvor.

Was mir aber eigentlich am wichtigsten mit diesem Post ist: Ich will dieses blöde Klischeebild zerstören, welches mich selbst gehemmt hat, diesen Schritt schon früher zu gehen. Auch wenn sämtliche Medien immer nur so von in neonfarbenen Sport-BH und Shorts gekleideten jungen Dame und dem durchtrainierten jungen Herren ohne Oberteil strotzen, das ist NICHT das, was man tatsächlich in der Realität in solchen Studios antrifft. Dort sind Menschen wie du und ich, die in der erstbesten Jogginghose und einem unauffälligen Shirt ins Studio gehen und sich dann genauso abmühen wie du. Sie bestreiten nicht lächelnd und ohne eine Schweißperle auf der Stirn die zehn Minuten auf dem Crosstrainer, sondern tupfen sich danach genauso die Stirn wie du. Sie kämpfen mit ihrem inneren Schweinehund, während sie die untrainierten Muskeln fordern, machen auch mal eine Pause, mühen sich genauso ab wie du. Du bist nicht alleine, wenn du in einem untrainierten Zustand in ein Studio gehst, und wirst dafür auch nicht blöd angeschaut oder verurteilt, sondern da sind viele andere, die ebenfalls den gleichen Weg bestreiten und absolut nicht diesem Klischee entsprechen.

Sport ist nicht dieses „Ich grinse doof in die Kamera und versuche so, Sportmuffel von der Freude am Sport zu überzeugen“. Sport ist Arbeit, auch wenn das die wenigsten Medien so kommunizieren. Es geht darum, den inneren Schweinehund zu überwinden, bei jedem Besuch im Studio von vorne zu „kämpfen“. Und das ist anstrengend. Aber auch Dinge, die anstrengend sind, lohnen sich irgendwann und sei es nur, wenn du das nächste Mal die zwei Sixpacks Wasser in den dritten Stock hochschleppen musst und nicht mehr ganz so außer Atem ankommst.

Bis die Tage,

Jess

PS: Wer mich auf meinem Weg begleiten möchte: Auf Twitter schreibe ich regelmäßig zu dem Thema ein paar Tweets, meistens mit dem Hashtag #SportistnureinkleinesbisschenMord versehen. Warum? Weil das in meinen Augen einfach wahnsinnig zutreffend ist.

PPS: Ja, das Beitragsbild entspricht voll diesem Klischee, das ich eigentlich zerstören möchte. Aber da sieht man mal, dass das, was ich denke, nicht an den Haaren herbei gezogen ist. Das ist ein Flyer meines Fitnessstudios und auch der greift dieses weit verbreitete Bild voll auf.

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