Altbekannte Ecken

altbekannte Ecken

 

Hundertdreizehn Kilometer. Früher war eine derartige Strecken eine Weltreise für mich, heute sind so viele Kilometer fast alltäglich. 113 km trennen mich von vielen, altbekannten Ecken. Ich verlasse die Autobahn und komme mir vor, als wäre ich in der Zeit zurück gereist. Überall Erinnerungen. Zu jeder Straße eine Geschichte.

Ich spüre, wie der Fahrtwind mein Haar zerzaust, während mein Blick über die weitläufigen Felder wandern. Sommergold. Der Sommer hier ist immer etwas ganz besonderes. Kein Vergleich zu anderen Orten. Ich versuche alle Eindrücke in mir aufzusaugen, doch die Zeit ist viel zu kurz. Auf einmal ist da mein Ziel, das Auto hat es in Windeseile erreicht. Ich steige aus und sehe mich um. Alles wie immer. Als wäre ich nie weg gewesen, als würden nicht so viele Jahre zwischen der Vergangenheit und der heutigen Zeit liegen. Ich betrete die Wohnung, die für mich einst ein zweites zu Hause war, verlasse sie wieder, weil es mich nach draußen zieht. Ein Schulhof. Die Bilder von mir als kleiner Zwerg im Kopf, wie ich auf einem pinken Fahrrad stolz meine ersten Runden drehte. Bilder meiner Geschwister, die es ebenfalls auf diese Weise lernten. Ich bin unendlich dankbar für diese Erinnerungen, diese Schätze, die du mir beschert hast. Und bedauere zutiefst, dass diese kleine Idylle, dieser Platz, auf dem wir uns einst als Kinder jagten, für immer Geschichte ist.

Ich bleibe stehen, aber meine Gedanken ziehen weiter. Ziehen mich zurück in die Stadt, die mein halbes Leben birgt.
Hier kenne ich die kleinen Seitenstraßen, die Kerben an der Brücke, den Duft des Flusses, um den ich so oft joggen musste, das Rascheln der Blätter, die Geschäfte in den Seitenstraßen, das heruntergekommene Kino, das früher von Leben erfüllt war. Ich sehe die Bank, auf der ich auf dich wartete und bin insgeheim froh, dass mir dieser Ort nicht nur in Erinnerung erhalten bleibt. Meine Gedanken wandern weiter, sehen nicht nur das Sommergold, den geliebten See zur Abkühlung, sondern auch das triste Grau, hell beleuchtet von wunderbarer Weihnachtsdekoration, versüßt durch den süßen, weihnachtlichen Duft. Am liebsten würde ich durch die Straßen schlendern, über die Brücke gehen, die ich vor langer Zeit fotografiert habe. Aber ich wandere weiter.

Ich sehe die Straßen, die kleinen Gassen, diesen großen Platz, auf dem ich so viele wunderbare Stunden mit euch erlebt habe. Kichere, als mir einfällt, wie wir zur Tankstelle geschlichen sind, um uns mit den neusten Sailor Moon und Pokemon Heften und einem Eis zu versorgen. Bin erstaunt, wie klein die Entfernungen erscheinen, die früher so groß waren. Dieser Ort, dieses Dorf am Stadtrand und doch mitten drin, ist besonders. Glück und Schmerz, Hoffnung und Vernichtung, Freude und Angst, Abenteuerlust und Sicherheit, Kindheitsdramen, große Träume. Alles vereint. Alles Vergangenheit.

Eine bittersüße Melancholie überkommt mich. Ich möchte diese Erinnerungen teilen und mich gleichzeitig an gar nichts mehr erinnern. Möchte plappern wie ein Wasserfall und das Gefühl verdrängen, dass es mich doch nicht weiterbringt. Ich werde nie wieder dieses Gefühl von damals verspüren können. Weder hier noch an einem anderen Ort. Dafür hat sich zu viel verändert. Dafür habe ich mich zu sehr verändert, dafür haben sich alle anderen zu sehr verändert.
Und doch kann ich nicht verdrängen, dass es mich traurig stimmt, wenn ich all diese altbekannten Ecken sehe.

Bis die Tage,

Jess

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