Rückblick September

Wir schreiben bereits den 21. Oktober 2015. Als ich das heute morgen bemerkte, war ich ein bisschen schockiert. Doch nicht nur der Oktober ist an mir vorbei gezogen, hat mir die Luft zum Atmen genommen, Ähnliches habe ich schon im September verspürt. Und weil dieser Monat ebenfalls an mir vorbeizog, habe ich mich bereits in der ersten Oktoberwoche für einen klassischen Monatsrückblick entschieden. Für mich selbst, um neben meinen üblichen „Gedanken im …“ Beiträgen einordnen zu können, was eigentlich passiert ist, weshalb mir 30 Tage wie ein einziger Augenaufschlag vorkommen. Und prompt hatte ich dieses Vorhaben vergessen, als mich der Oktober in den gleichen Sog zog. Deshalb – obwohl jetzt schon fast November ist – mein Monatsrückblick für September.

Der September ist für mich immer ein ganz besonderer Monat. Eigentlich freue ich mich darauf immer am meisten. Seit vielen Jahren beginnt im September irgendwie immer ein neuer Abschnitt: In der Schulzeit war es immer der Beginn des neuen Schuljahres, während meines Studiums immer der Vorbereitungsmonat für das nächste Semester, der letzte Monat, bevor ein weiteres Jahr seit Beginn meines Studiums verstrichen sein wird.

Dieses Jahr war alles ganz anders. Der September bedeutete für mich Stress. Drei Abgabetermine für Hausarbeiten warteten auf mich, die erste Woche war geprägt von der Arbeit für den ersten Termin. Ebenso gestaltete sich die letzte Woche. Und die zwei Wochen dazwischen, sie waren geprägt  von Renovierungsarbeiten im Bad – und Geburtstagen. Unter anderem auch mein eigener.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie aufgeregt ich als kleines Kind war, wenn es darum ging, dass mein Geburtstag ins Haus stand. Und diese kindliche Vorfreude konnte ich mir tatsächlich bis zu meinem 20. Geburtstag bewahren. Vor drei Jahren war alles bestens – ich hatte endlich mein Abitur, ich war vollkommen beschäftigt mit der Vorbereitung meines Latinums, mein Studium sollte in wenigen Wochen beginnen, ich wohnte an einem Ort, an dem ich mich seit langer Zeit wieder heimisch fühlen konnte. Ich dachte, ich sei endlich angekommen, könne auf dem aufbauen, was ich zu diesen Zeitpunkt hatte.

Heute, mit 23, knapp einen Monat nach meinem Geburtstag, weiß ich, dass es ganz anders gekommen ist.
Mein Geburtstag begann dieses Jahr nicht mit kindlicher Vorfreude. Ich stand auf, nachdem ich ausgiebig mit Mia und Amy geschmust hatte, die irgendwie merkten, dass ein besonderer Tag war, und machte mich auf den Weg ins Fitnessstudio. Und nachdem ich fast drei Stunden dort verbracht habe, war jeglicher Ansatz von Euphorie einer nüchternen Erkenntnis gewichen.

Ich stellte an meinem Geburtstag fest, dass meine Vermutungen der vergangenen Monate bestätigt wurden: Man wendete sich von mir ab. Ich war vergessen. Ich habe den halben Tag damit verbracht, mich mit irgendwelchen Dingen, die auf meiner ToDo standen, davon abzulenken, dass es für viele, die mir einst wichtig waren, gar keinen Unterschied mehr macht, ob ich da bin oder nicht. Für mich sind Geburtstage heilig. Nicht unbedingt mein eigener, aber die von all den Menschen, die mir nahe stehen. Und ich selbst, ich wurde vergessen. Und während ich meine letzten zwei Geburtstage deshalb verflucht habe, habe ich dieses Jahr, diesen September, etwas ganz Entscheidendes gemerkt: Es tut nicht mehr weh.

Mit dem vergangenen Monat bin ich nicht nur älter geworden. Ich habe gemerkt, dass ich auch weiser geworden bin. An dieser Stelle möchte ich nicht das Bild des weisen, alten Mannes mit dem langen, weißen Bart in den Raum werfen, denn das bin ich gewiss nicht. Vielleicht werde ich es auch nie sein. Aber ich habe für mich gemerkt, dass ich mit vielen Aspekten, die mich vor Jahren noch aus der Bahn geworfen hätte, ganz anders umgehe. Meine Welt dreht sich nicht mehr um alle anderen. Meine Welt dreht sich mittlerweile nur noch um die Menschen, die mich nicht vergessen. Und vor allem um mich. Ich gehe meinen Weg und ich versuche nicht mehr, jemanden dazu zu bewegen, ihn mit mir zu gehen, sondern konzentriere mich auf die, die mich bereits begleiten, die lange Zeit an meiner Seite sind, die mir aufgeholfen haben, als ich hingefallen bin, statt denen nachzuweinen, die mich einsam am Wegesrand zurückgelassen haben. Und auch wenn ich im ersten Moment daran zu knabbern hatte, dass es mir bestätigt wurde, dass ich in Vergessenheit geraten bin – es tut nicht weh.

Neben all dem Stress, den ich im September hatte, dem universitären, dem Renovierungsstress, dem Arbeiten, war dieser September tatsächlich ein entscheidender Wendepunkt für mich. Ich bin dieses Jahr nicht nur älter geworden, sondern auch weiser. Ich habe einen Schritt nach vorne gemacht. Einen Schritt in Richtung meiner selbst, weg von all dem, was mich so lange Zeit zerfressen hat.
Und das war das beste Geburtstagsgeschenk, was ich mir je selbst machen konnte.

Bis die Tage,

Jess

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