Die leere Hülle

Schon wieder sind so viele Tage ins Land gegangen. Tage, die an mir vorbei geflogen sind. Auf einmal war wieder Montag, auf einmal war wieder Freitag, auf einmal war das Wochenende, an dem ich mich eigentlich etwas ausruhen, mein Leben entschleunigen wollte, wieder vorbei. Mir kommt es vor, als sei es erst gestern gewesen, dass der Oktober sich dem Ende neigte. Aber nein. Nun haben wir schon Ende November, die Adventszeit beginnt am Wochende, ich kaufe die ersten Weihnachtsgeschenke, dekoriere die Wohnung wieder gemütlicher und verkrieche mich abwechselnd unter der Kuschel- und unter der Bettdecke, wenn ich zu Hause bin.

Ja. Wenn.
In den letzten Wochen bin ich immer mehr zur leeren Hülle geworden. Eine leere Hülle, die funktioniert, ihre Aufgaben erledigt, aber den Spaß verloren hat. Erst gestern habe ich nach langer Zeit für einen kurzen Moment das Gefühl gehabt, aus dieser Leere zu erwachen. Gefühle zuzulassen, für die sonst kein Platz war, keine Zeit. Ich weiß, dass dies der falsche Ansatz ist, ich weiß, dass ich etwas ändern muss und ich gebe mein bestes, aus dieser Situation wieder herauszukommen. Allerdings gibt es Dinge, die ich nicht beeinflussen kann. Ich kann auf der Arbeit nicht einfach kürzer treten, wenn es für mich keinen Ersatz gibt, ohne dabei Schüler im Stich zu lassen, die mir ans Herz gewachsen sind. Ich kann mich nicht um mein neues, kleines Projekt Selbstständigkeit kümmern (dazu in einem anderen Post mehr), wenn ich nie zu Hause bin, wenn so vieles anderes ansteht. Ich kann mich nicht an meinen Schreibtisch setzen und Dinge erledigen, die ich so gerne tun würde – wie bloggen, planen, meine Notizbücher füllen, mit Liebe die ersten Weihnachtsgeschenke fertig stellen – solange ich weiß, dass anderes einfach Vorrang hat. Ich kann nicht…

So viele „Ich kann nicht“. Und jedes Mal, wenn mir dieser Satz durch den Kopf geht, wenn ich ihn ausspreche, merke ich, dass das der Grund ist, weshalb ich zur leeren Hülle geworden bin, die sich nur auf das konzentriert, was wichtig ist. Oder wichtig zu sein scheint. Die leere Hülle, die sich dauerhaft im Energiesparmodus befindet und versucht, irgendwie alles auf die Reihe zu bekommen und es auch tatsächlich schafft. Aber glücklich bin ich damit nicht. So gerne würde ich diese Hülle wieder mit Leben füllen, Dinge zulassen, die ein Lächeln nicht nur auf meine Lippen, sondern auch in meine Augen bringen. Einfach wieder strahlen, vor Freude glühen, unbändige Leidenschaft spüren, Feuer und Flamme für das sein, was ich tue.

Doch statt Hilfe und Unterstützung zu erhalten, um all das wieder wecken zu können, werde ich nur mit Vorwürfen und Niedermachen meiner Leistung konfrontiert. Sätze wie „Du bist doch nur Studentin, dein Alltag ist nicht mit dem von normalen Arbeitnehmern zu vergleichen!“ höre ich so oft. Viel zu oft. Vor allem von Menschen, die keine Ahnung haben, wie mein Alltag aussieht. Die nicht wissen, dass ich das Haus – wie viele anderen auch – fünfmal in der Woche um 6.30 Uhr verlasse und erst um 19.00 Uhr wieder betrete. Oder noch später. Die nicht wissen, dass ich trotz Müdigkeit und Aufgaben, die ich noch zu erledigen hätte, abends den Haushalt führe, jeden Tag frisch koche, ein selbstständiges Leben führe. Und auch wenn ich weiß, dass Leute, die solche Aussagen von sich geben, keine Ahnung haben und lieber ihre Klappe halten sollten, dass es ihnen meistens nur darum geht, mich ins schlechtere Licht zu rücken, damit sie selbst besser darstehen, verletzten mich solche Aussagen. Nehmen mir noch mehr Freude. Verstärken die Leere, das Abgestumpfte. Denn manchmal kommen solche Angriffe von Menschen, von denen ich mir, tief im Innersten, eigentlich Unterstützung erhoffe und keine Konfrontation.

Natürlich sind nicht andere dafür verantwortlich, dass ich mich derzeit so ausgelaugt und leer fühle. Natürlich sind auch nicht sie dafür zuständig, dass sich an meiner Situation etwas ändert. Ich bin selbst dafür verantwortlich und würde niemanden diese Last aufzwingen wollen. Aber wir Menschen sind eigentlich nicht dazu gemacht, alleine gegen den Rest der Welt ankämpfen zu müssen, und solche Dolchstöße nehmen mir oft die Kraft für Dinge, mit denen ich mich eigentlich auseinandersetzen müsste. Und das Gefühl der Leere steigt.

Unter dieser Leere leidet so vieles. Ich war hier einen Monat lang still, nicht, weil es nichts zu sagen gab, sondern weil ich zu müde war, etwas zu sagen, meine Gedanken niederzuschreiben, überhaupt an etwas anderes als an meine Pflichten zu denken. Als hätte ich mir selbst ein Pflaster auf den Mund geklebt, um mir nicht ständig von mir selbst anhören zu dürfen, dass es so nicht weitergeht. Dass so vieles fehlt. Und jetzt, da ich dieses Pflaster entfernt habe, weiß  ich nicht, ob es tatsächlich richtig war. Sage ich mit meinen Worten hier überhaupt etwas aus? Können andere mich dadurch besser verstehen? Kann ICH mich besser verstehen?
Vielleicht werde ich es irgendwann wissen, wenn ich diese entsetzliche leere Hülle wieder mit Leben füllen kann.

Bis die Tage,

Jess

3 thoughts on “Die leere Hülle

  1. Ich kann dir wirklich gut nachfühlen, mir geht es derzeit sehr oft sehr ähnlich. :/
    Aber es werden auch wieder bessere und etwas stressfreiere Zeiten kommen, daran müssen wir uns einfach klammern. Die Anerkennung der Gesellschaft werden wir wohl trotzdem nicht bekommen; als Studenten nicht und als Lehrer schon gleich 10 Mal nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich jemals damit zurechtkommen werde, aber so ist es leider.

  2. Hey,

    dieses Gefühl ist so erdrückend. Ich hoffe, es geht bald bei dir vorbei! Ich klammere mich auch immer an die Hoffnung, dass irgendwann eine bessere Zeit kommt.
    Dass es viele Menschen gibt, die meine Arbeit nicht zu schätzen wissen, merke ich jedes Mal, wenn ich bei gewissen Schülern bin. Mittlerweile ist das für mich der Normalzustand und ich freue mich jedes Mal darüber, wenn ich Anerkennung erfahre. Man kann sich also daran gewöhnen und von den wenigen Momenten leben, in denen man beispielsweise durch Schüler für seine Arbeit Anerkennung erfährt. Was ich aber so schlimm finde ist die fehlende Anerkennung durch Menschen aus dem Umfeld, die keine Akademiker sind. Da hört man immer nur „Ach, du bist Student, du hast sowieso ein halbes Jahr Semesterferien“, obwohl das ja nicht zutrifft..

    Liebe Grüße,

    Jess

  3. Ja, das meine ich auch, das ist eben das Hauptproblem. Und als Lehramtsstudent ist es eben besonders schwierig. Wenn man was Prestigereiches wie Medizin oder Jura studiert, ist das ja wieder anders. Aber bei Lehrern wissen ja schließlich alle, dass die vormittags Recht und nachmittags frei haben. Und spätestens nach 2-3 Jahren ihrer Vorbereitung nur noch ihre Materialien recyclen und sonst nichts mehr schaffen. ;)

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