Und in so einer Welt leben wir?!

 

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Kaum sind wir auf der Welt, wird schon damit begonnen, uns mit anderen zu vergleichen. Die wichtigsten Eckpunkte sind wohl Fragen wie „Und? Krabbelt er/sie schon? Hat er/sie schon sein erstes Wort gesagt?“ Bei solchen Vergleichen geht es immer wieder darum, wer der Erste war. Der Schnellste. Der Geschickteste. Der Beste. Der Perfekteste. Und auch wenn viele Eltern solche Dinge wohl eher unbewusst machen, dahinter absolut kein Leistungsdruck steht und man zu diesem Zeitpunkt noch verstehen kann, dass das ein oder andere Kind etwas länger braucht oder andere Voraussetzungen hat, um Dinge zu erlernen, zeigen diese Vergleiche doch genau das, was offensichtlich ist: Wir leben in einer Welt, in der es nur noch um Leistung geht. Wer zurückbleibt, verliert. Und das, das ist einfach nur unendlich traurig.

Für mich selbst spielte der Leistungsdruck im Großen und Ganzen erst mit zunehmendem Alter eine Rolle. In der Grundschule fiel mir Vieles in den Schoss, ich musste wenig lernen und als ich auf das Gymnasium wechselte, erging es mir ähnlich. Erst mit dem Einsetzen der Pubertät hatte ich ein kleines Tief, mein Notendurchschnitt rutschte auf 2,5 runter und zum ersten Mal in meinem Leben musste ich tatsächlich etwas dafür machen, dass ich mich wieder besserte. Der Leistungsdruck bei mir nahm zu, nicht nur, weil ich erfolgsverwöhnt und es nicht gewohnt war, zu „versagen“, sondern auch weil mich meine Umwelt unter Druck setzte. Man gab mir deutlich zu spüren, dass es nicht in Ordnung war, sich nur im Mittelfeld zu bewegen, also wurde ich immer verbissener, wenn es darum ging, Leistung zu zeigen. Ein absolutes Hoch des Leistungsdrucks erfuhr ich wohl während meines Schulwechsels in der 9. Klasse: Jeder, ausnahmslos jeder, prophezeite mir, dass ich durch diesen Schulwechsel wohl in allen Fächern gut ein bis zwei Noten abrutschen könnte – und wohl auch würde. Das ließ ich allerdings nicht auf mir sitzen, setzte mich durch diese Aussage selbst so unter Druck, dass ich viele Nebensächlichkeiten einschränkte, begann, für die Leistung zu leben und so das vollbrachte, womit wohl keiner gerechnet hätte: Ich verbesserte meinen Notendurchschnitt innerhalb eines Halbjahres um 0,6 und erhielt ein Lob. Ein Lob, mit dem niemand gerechnet hätte, mein Schnitt schoss nur um 0,1 an einem Preis vorbei.

Seit dieser Zeit ist es nicht mehr die Außenwelt, die mir diesen Leistungsdruck aufzwingt, sondern ich selbst. Ich habe durch das völlige Zweifeln an meinem Können durch andere den Ehrgeiz wiedergefunden, an der Spitze mitzuschwimmen und bis heute gelingt mir das ganz gut. Natürlich vergleiche ich mich weiterhin mit anderen, habe viel Einfluss von Außen, aber generell ist all das, was ich mir selbst auferlege, in gewisser Weise gewollt. Nicht andere sind daran schuld, dass meine Tage so voll sind, sondern ich, weil ich diese Leistung zeigen möchte, weil ich mein Studium schnellstmöglich (und dabei auch nicht „gerade so“) abschließen möchte, dass ich so viel zu tun habe ist meine freie Entscheidung und wenn ich daran verzweifle, dann kann ich mir selbst die schuld geben – aber auch selbst etwas ändern, indem ich mir vielleicht doch ein Semester mehr gönne oder weniger arbeite. Es gibt einen Ausweg.

Viel trauriger macht mich allerdings die Tatsache, dass immer mehr Menschen diesem Leistungsdruck nicht entfliehen können, daran verzweifeln, sich selbst in Frage stellen. Und das oft in so jungen Jahren, dass ich mich oft nur fragen kann: „Und in so einer Welt leben wir?!“

Durch meine Arbeit als Nachhilfelehrerin bin ich sehr oft mit Ängsten von Schülern konfrontiert. Schülern, die sich immer noch in einer Zeit befinden, in der sie noch nicht wissen, wohin es irgendwann mit ihnen geht, wie sie sich selbst zwischen Arbeit, Freizeit, Freunden und Familie am besten aufteilen. Doch nicht nur da merke ich, wie sehr dieser enorme Leistungsdruck unserer Gesellschaft, dieser ständige Vergleich mit anderen, Schüler an den Rand eines Nervenzusammenbruchs treiben kann. Auch bei meinen Geschwistern konnte ich Ähnliches beobachten. Egal bei wem ich sehe, wie negativ sich unsere Welt auswirken kann, mir bleiben immer die gleichen Gefühle: Betroffenheit. Mitgefühl. Verständnis, weil ich diese Situation selbst kenne, wenn auch nicht im gleichen Ausmaß. Ärger, weil mir die Hände gebunden sind, weil ich nur bis zu einem gewissen Punkt helfen kann. Trostlosigkeit.

Als mein jüngster Bruder vor zwei Jahren in die Schule kam, war der kleine Zwerg wohl dem Leistungsdruck der Familie, aber auch der Gesellschaft, am höchsten ausgesetzt: Er hat drei Geschwister, die jeweils eine sehr gute Grundschulzeit hinter sich gebracht haben, die älteste Schwester studiert, der große Bruder glänzt mittlerweile mit wunderbaren Notendurchschnitten und das andere Schwesterchen profitiert von der gleichen Leichtigkeit im Bezug auf Lernen, wie es auch seine älteste Schwester schon tat – und immer noch tut. Der kleine Knirps – ich möchte anmerken, hier 7 Jahre alt – wollte also ebenfalls in dieser Liga mitspielen, zu den Besten gehören. Und verzweifelte in der zweiten Schulwoche daran, dass er es einfach nicht hinkriegen konnte, eine akkurate 2 zu schreiben. Der Bogen dieser Zahl wollte ihm nicht gelingen, er übte und übte.. und verzweifelte. Nicht nur, dass die Situation Schule für ihn völlig neu war, ihm drohte die Erkenntnis, dass er wohl doch nicht in die Fußstapfen seiner Geschwister treten konnte, dass er vielleicht doch nur mittelmäßig war. Ich habe diese Verzweiflung mitbekommen, weil ich zufällig bei meiner Familie war, und konnte ihn zum Glück damit beruhigen, dass es jedem von uns mal so ging: Ich bin mit meinem Perfektionismus an der 5 verzweifelt, mein Bruder an der 6, meine Schwester hat eine ganze Weile total krumme 1er geschrieben. Nach zwei Stunden war diese Verzweiflung vorbei, mein Bruder hatte endlich eine perfekte 2 hinbekommen und akzeptiert, dass Fehlschläge dazu gehören, dass es aber auch dazu gehört, ab und zu nicht auf Anhieb der Beste zu sein. Mittlerweile zeichnet sich ab, dass er doch in unsere Fußstapfen treten wird, weil es ihm genauso ergeht wie uns drei Großen. Aber die Verzweiflung, die ich damals in seinem Gesicht sah und in seiner Stimme hörte, sie ließ mich wahnsinnig schlucken, und auch heute habe ich sie noch genau im Kopf. Der Leistungsdruck der Gesellschaft hatte innerhalb von zwei Wochen zugeschlagen.

Ich werde so oft mit solchen Situationen konfrontiert. Wie oft ich es erleben muss, dass sich einer meiner Schüler wahnsinnig bemüht, stundenlang Aufgaben rechnet, Texte schreibt, bis zur Erschöpfung so viel durchgeht, dass er sich optimal vorbereitet fühlt, ich kann es gar nicht an meinen Fingern abzählen. Immer mit dem Gedanken, zu den Besten dazugehören zu wollen, oft auch ganz ohne Druck der Eltern. Natürlich gibt es auch die Situationen, in denen zu diesem eigenen Leistungsdruck auch noch der der Eltern hinzukommt – die völlige Katastrophe. In den höheren Klassen höre ich immer wieder, dass die Freizeit wahnsinnig zurückstecken muss, man Hobbys einschränkt oder aufgibt – einfach, weil man nicht mehr hinterherkommt. Ich sehe in den Augen der Schüler die Panik, die Versagensangst, das Gefühl, die Grenze der Leistungsfähigkeit erreicht zu haben, und empfinde meine Worte, dass es vielen in höheren Klassenstufen so ergeht, selbst nicht als Trost, obwohl ich aus tiefstem Herzen nachfühlen kann, wie meine Schüler sich fühlen.

Und immer, wenn ich nach einer Stunde, die mehr ein Aufbaugespräch als tatsächliche Nachhilfe war, meine Schüler alleine zurücklasse, frage ich mich: Muss das so sein? Müssen wir wirklich in so einer verkorksten Welt leben? Wieso tun wir solche Grausamkeiten eigentlich Menschen an, die noch im Begriff sind, erwachsen zu werden?

Wut macht sich in mir breit, wenn ich dann an die Aussagen denke, die mir Schüler erzählen. Oft entziehen sich die Lehrkräfte in solchen Situationen der Verantwortung. Wenn ihre Klasse halt nur einen Schnitt um die 3,75 hat, dann ist es halt so. Der Lehrer hat doch alles Wichtige vermittelt, die Schüler sind schuld, wenn am Ende nur so ein schlechtes Resultat bei der Klassenarbeit oder Klausur rauskommt. Und ich finde, das ist der falsche Weg. Selbst der Bildungsplan, der die letzten zehn Jahre galt, sagt aus, dass es nicht mehr darum geht, nur noch Wissen zu vermitteln, sondern auch darum, was am Ende bei den Schülern rauskommt, wie sie dieses Wissen umsetzen können. Aber so vielen Lehrern ist das völlig egal. (An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass es definitiv auch die andere Art von Lehrer gibt, aber die einfach viel zu selten vorkommt!) Und das macht mich wütend. Denn auch das sorgt dafür, dass sich die Schüler allein gelassen fühlen mit ihren Ängsten, Problemen und Zweifel.

Viele Lehrer vergessen einfach, wie es ist, Schüler zu sein. Und man kann es ihnen noch nicht einmal verübeln, denn bis man irgendwann Lehrer ist, ist man lange Zeit vom Schülerdasein entfernt, außer man wird durch Nebenjobs oder Ähnliches weiterhin mit der Schülersicht konfrontiert. Aber im Normalfall ist ein Lehrer nun einmal fünf Jahre an der Universität, in der er mit ganz anderen Dingen konfrontiert wird, auf einem ganz anderen Niveau lernt, selbst reift und vergisst, wie es einmal in der Schule war. Vieles wird selbstverständlich und umso wichtiger ist der Schritt, sich als Lehrer dann wieder in seine Schüler hineinzuversetzen – aber nicht nur, um so zu hinterfragen, wie sie mit dem Lehrstoff klar kommen, sondern auch, wie sie sich generell in der Institution Schule fühlen müssen. Denn solche Lehrer – und da spreche ich aus meiner persönlichen Erfahrung und auch von dem, was ich von meinen Geschwistern und Schülern mitbekommen habe – sorgen unter anderem auch dafür, dass es in vielen Fällen gar nicht zu der versteckten Panik, den Ängsten und den Zweifel, die man in Schüleraugen sehen kann, kommen muss.

Abschließend möchte ich nur sagen: Ja, es ist ein verdammt langer Text. Und ja, ich habe sicherlich nicht alles beleuchtet. Aber ihr glaubt gar nicht, wie erdrückend solche Erfahrungen sein können, wie hilflos ich mich fühle, dass ich vielen, die mir so etwas berichten, nicht wirklich helfen kann, weil ich meist nur eine kurze Zeit in der Woche für sie da bin. Ich hoffe dennoch, dass dieser Beitrag nicht gänzlich zerpflückt wird und man seinen Horizont auch wieder ein bisschen für die Schülersicht erweitert, statt ständig unsere Leistungsgesellschaft zu verteidigen.

In diesem Sinne!

Bis die Tage,

Jess


Die Rechte des Bildes liegen nicht bei mir. Ich habe es auf http://www.landwirt.com/ez/ezimagecatalogue/catalogue/variations/big_19824.jpg gefunden (Aufruf am 11.12.2015).

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