Goodbye 2015!

Ein letztes Mal den Wecker stellen. Ein letztes Mal unter die Dusche hüpfen. Ein letztes Mal die Ereignisse des vergangenen Jahres betrachten. Ein letztes Mal die Wangen mit einem sanften Rot bedecken, die Augen durch ein bisschen glitzernden Lidschatten zum Strahlen bringen. Ein letztes Mal in sieben Tagen hübsch machen, um den allerletzten Tag eines turbulenten Jahres gemeinsam mit den Liebsten zu feiern. Ein letztes Mal in schicke Klamotten schlüpfen, um das neue Jahr auch in angemessener Kleidung zu empfangen.

Die Silvesternacht ist für mich immer irgendwie etwas ganz Besonderes. Auch wenn es nur ein ganz gewöhnlicher Tag ist, habe ich jedes Mal am 31. Dezember das Gefühl, dass sich ein Kapitel in meinem Leben schließt, dass ich viele Schritte weitergekommen bin. Lange Zeit habe ich immer vom idealen Silvester geträumt, selbst die unterschiedlichsten Arten probiert, in das neue Jahr hineinzurutschen. Und zum ersten Mal war die Silvesternacht einfach perfekt. Ein perfekter Abschluss für ein Jahr, in dem ich über mich selbst hinausgewachsen bin. Ein perfekter Beginn für ein Jahr, welches mich auf meinem Lebensweg so entscheidend weiterbringen wird. Ein perfekter Abend mit den Menschen, die mein unperfektes Leben auf ihre ganz eigene Weise perfekt machen.

Ich habe Silvester schon auf so viele unterschiedliche Weisen verbracht. Ich kann mich noch gut an 2007 erinnern: Meine Eltern waren mit meinen Geschwistern bei Freunden und ich habe es mir – weil ich mich eh von der gesamten Welt distanzierte und meine Ruhe haben wollte – alleine im Arbeitszimmer meiner Großeltern, dem einzigen Ort, an welchem ich zur damaligen Zeit Internetzugang hatte, vor dem Computer gemütlich gemacht und die halbe Nacht mit Leuten geschrieben, die sich genauso einsam und verlassen fühlten wie ich. Damals war ich zufrieden, ich musste mich von niemanden losreißen, musste keine gute Miene zum bösen Spiel machen. Auch wenn ich keinen Unterschied zwischen 2007 und 2008 merkte, war es irgendwie gut.

2008 begleitete ich meine Familie zu den Freunden meiner Eltern und hatte aus irgendeiner unergründlichen Idee heraus den Entschluss gefasst, bis Mitternacht das Buch zu beenden, welches ich zu diesem Zeitpunkt las: Harry Potter und der Orden des Phönix. 400 Seiten in vier Stunden! Ich habe es tatsächlich geschafft, mir dann das Feuerwerk angesehen und mich wieder in meinen Sessel eingekuschelt, bis wir wieder gefahren sind. Die Flucht von der Realität in die Fantasiewelt, die ich damals so liebte, war für mich der ideale Ausklang eines Jahres, welches ich eh nur hinter mir lassen wollte.

2009 bis 2012 verbrachte ich mit Freunden. Manchmal in einer milden Dezembernacht, manchmal durchgefroren irgendwo um die Stadt herum, manchmal im kuscheligen Wohnzimmer bei blödem Silvesterprogramm und viel zu viel Essen. Manchmal mit wenig Alkohol, manchmal mit etwas mehr. Aber immer mit wahnsinnig viel Gelächter und wahnwitzigen Ideen, wie Grillen bei -5 Grad Celsius auf einem Balkon. 2012 schlief ich bei einem solchen Abend tatsächlich auch von 21.30 Uhr bis 23.30 Uhr, weil ich an Silvester arbeiten musste und fix und fertig war. 2013 verschlief ich komplett, weil sich unsere Silvesterpläne durch unvorhersehbare Ereignisse in Luft aufgelöst hatten.

2014 war ich selbst zum ersten Mal Gastgeber, in der eigenen Wohnung, am eigenen, großen Esszimmertisch mit viel Raclettezeugs und noch mehr Alkohol im Kühlschrank. Leider ohne Feuerwerk, denn das lag nicht in meinem Aufgabenbereich und wurde vergessen. Es war ein schöner Abend mit viel Gelächter, viel Zufriedenheit. Aber auch viel Verbitterung, Zweifeln und Ängsten, die das neue Jahr betrafen. Der Abend war schön, der Übergang ins neue Jahr ein paar kurze Zusprüche, ein Telefonat mit meinen Eltern. Vor einem Jahr dachte ich, dass ich Silvester immer so verbringen wollen würde.

Bis gestern.

Ich habe mich lange vor der Entscheidung gedrückt, wie ich Silvester 2015 verbringen soll. Meine innere Zerissenheit, die ich sonst nur von den Weihnachtsfeiertagen her kannte (die erstaunlicherweise echt entspannt abliefen!), machte mich fertig. So aufschlussreich das Jahr 2015 für mich auch gewesen sein mag, so sehr es mich weitergebracht hat, es hat mich sehr weit weg von dem Menschen und den Wünschen gebracht, die ich noch am 01.01.2015 hegte. Und mir war klar, dass die Zeit, die mich seit fünf Jahren begleitet hatte, vorbei war. Ich wollte Silvester allerdings nicht alleine auf der Couch verbringen, bei dem Versuch, mir einzureden, dass all das Gute, was mir 2015 widerfahren ist, das Schlechte, die Sehnsüchte, die mich seit Jahren zerfressen, übertreffen und ich irgendwann auch das erhalte, wonach ich mich an Tagen wie Silvester am meisten sehne. Also habe ich mich für etwas entschieden, worüber ich sechs Jahre lang nicht nachgedacht hatte: Silvester bei meiner Familie zu verbringen.

Woher dieser Wunsch kam – ich weiß es nicht. Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich irgendwann ein Gespräch mit meiner Schwester im Kopf hatte, welches ich irgendwann mal mit ihr an Silvester kurz nach Mitternacht geführt habe, weil mein Vater noch eifrig dabei war, Geld in die Luft zu schießen. Und ich erinnerte mich auch an diesen Stich im Herzen, dass ich mich danach sehnte, diesen Abend mit ihnen zu verbringen. Zu ihnen zu fahren, obwohl ich in dieser Woche insgesamt dreimal zu ihnen fahren „muss“, war trotz der Fahrerei und all der Zeit, die mir dabei verloren geht, eine der besten Entscheidungen, die ich 2015 getroffen habe. Wir kamen an, die Silvestervorbereitungen waren schon im Gange, aber es war herrlich entspannt. Meine Schwester und ich trieben alle anderen mit dem Vorhaben, ihr noch die wunderschönsten Engelslocken zu zaubern, in den Wahnsinn und ich verärgerte meine Brüder, indem ich völlig umsonst ein ewig langes Update auf den Fernseher im Wohnzimmer aufspielte, obwohl das totale Zeitverschwendung war. Das gemeinsame Essen – natürlich total klischeehaft Raclette – war herrlich und zum ersten Mal trank ich mit meinem Bruder einen Schnaps, nur um dabei zu erkennen, dass er so langsam erwachsen und ich uralt werde. Wir kämpften gemeinsam gegen das Nach-dem-Essen-ist-es-Zeit-schlafen-zu-gehen-Loch an und bemühten uns nach Kräften, meinen Vater um kurz vor Zwölf noch rechtzeitig zu wecken, vom lieb gemeinten „Papi, Zeit aufzustehen, es ist schon 2 Uhr!“ bis hin zum Kochtopfdeckelaneinanderschlagen. Das gegenseitige in den Wahnsinn treiben, um noch rechtzeitig nach draußen zu kommen und alles aufzustellen, bevor die Uhr das neue Jahr einläutete, beherrschen mein jüngster Bruder und ich übrigens am besten. Punkt 00.02 Uhr stießen wir an, mit Champagner in der Hand, strahlenden Augen, einem Lächeln auf den Lippen. Die Männer übernahmen das Feuerwerk und zum ersten Mal machte ich an Silvester wunderschöne Videos und zwei wahnsinnig coole Schnappschüsse. Als die letzten Funken des Feuerwerks verblassten, verspürte ich dieses eine Gefühl, welches ich so lange Zeit vermisst habe: Der perfekte Moment. Der perfekte Abschluss, der perfekte Neubeginn. Ich war so unendlich glücklich, als ich durch die Reihen blickte, jeden noch schnell sein Champagnerglas leeren sah. Und ich bin es immer noch, wenn ich an diesen Moment zurückdenke.

Manchmal muss man nicht nach dem perfekten Moment streben. Manchmal kommt er einfach, überrascht einen, zeigt einem, dass alles, was man bis zu diesem Moment gemacht hat, das Richtige war. Jeder Fehler, jede gute Entscheidung, jeder Schlussstrich, jeder Augenblick.

Und in diesem Sinne: „.. and a happy new year!“

Bis die Tage,

Jess

PS: Unser Silvesterabend endete übrigens mit schönem Beisammensein und unzähligen Tequila-Gläsern auf irgendwelche blödsinnigen Dinge. Die Kombination aus Alkohol, Müdigkeit und Kopfschmerzen vom Lachen sorgte dafür, dass die 20 Treppenstufen zu den Schlafzimmern ein wirklich anstrengender Weg waren! Aber wir haben sie alle unbeschadet meistern können!

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