Sonntagsmelancholie [Sonntagsgedanken »9«]

Die Antwort auf die Frage „Wie geht es dir?“ ist in den meisten Fällen eine Lüge. Das ist nichts Neues, es stört die wenigsten Menschen. Oft weiß man, dass es der anderen Person nicht gut geht, aber man akzeptiert diese Antwort. Überlässt es der Gegenseite, einen anzusprechen, wenn sie reden möchte.

Wenn man mir diese Frage stellt, kann ich sie eigentlich sehr oft ehrlich beantworten. Mir geht es gut. Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Auf dem Weg zum Ziel und doch irgendwie schon angekommen. Ich weiß, wer ich bin, wo ich hingehöre, was meine Stärken sind, wie viel ich wert bin. Nach außen hin scheint alles perfekt zu sein und auch tief in mir ist es auf unperfekte Weise für die jetzige Situation perfekt. Und doch bin ich melancholisch. Bevorzugt an Sonntagen, die ich oft in meinem Arbeitszimmer verbringe und spät abends noch am Schreibtisch sitze. So wie heute.

Vor einem Jahr sah mein Leben irgendwie noch ganz anders aus. Ich dachte, ich sei angekommen, hätte meine Mitte gefunden. Und doch war ich unzufrieden, traurig, enttäuscht, wütend. Aufgrund einiger Menschen. Es hat mich zerfressen. Tagtäglich habe ich mich damit gequält, dass mir einige Leute doch wichtiger waren, als ich es je für sie sein würde. Heute weiß ich, dass ich oft nur Mittel zum Zweck oder ein Lückenfüller war. Dass ich damals, obwohl ich immer stark darauf achtete, wen ich etwas näher an mich heranließ, ein Händchen dafür hatte, die Personen auszusuchen, die mir am Ende nur wehtun. Dass all das Menschen waren, denen ich nach lebensverändernden Ereignissen doch nicht wichtig genug war.

Damals habe ich oft die Schuld bei mir gesucht. Mich mit Fragen wie „Warum? Hast du etwas falsch gemacht? Hast du zu viel verlangt? Du wolltest doch ein guter Freund sein, wieso bist du jetzt nicht gut genug?“ gequält. Heute weiß ich, dass ich an vielem nicht schuld war. Dass es nicht passen wollte, konnte. Wie zwei Puzzleteile, die auf den ersten Blick zusammengehören, auf den zweiten Blick aber doch ein falsches Bild ergeben.

Ich habe lange gebraucht, um das zu akzeptieren. Nur ein radikaler Schnitt, ein Abbruch der Kontakte hat es mir ermöglicht, darüber hinwegzukommen, mich selbst nicht weiter zu quälen. Und das hat nur bestätigt, was ich längst vermutete: Ich fehlte keinem. Keine Nachricht. Kein Anruf. Nichts.

Der Trubel in der Uni, bei der Arbeit, Zuhause und bei meiner Familie lenkte mich ab. Half dabei, mich nicht Tag und Nacht auf die quälenden Gedanken zu konzentrieren. Und nach und nach passierte das, was ich mir jahrelang gewünscht hatte: Die Wunden heilten. Die Narben verblassten. Es kamen andere Menschen, die mir ein Pflaster auf diese Wunden klebten. Vielleicht nur für eine kurze Zeit, aber es war schön. Ganz ohne Unzufrieden- und Traurigkeit, ganz ohne Enttäuschung und Wut.

Dennoch sind diese Wunden und die damit verbundenen Narben ein Teil von mir, den ich nicht auslöschen kann – und auch möchte. All das hat passieren müssen, damit ich zu der Person werde, die ich heute bin. Ich sehe mir diese Narben an und danke ihr für die Lektionen, die ich durch sie lernen konnte. Der radikale Schnitt war notwendig. Aber ab und zu, an Sonntagabenden wie diesen, überkommt mich die Melancholie. Die Sehnsucht nach den Momenten des Glücks, in denen ich von einem Ohr zum anderen strahlte. In denen sich mein Herz mit Wärme füllte. In denen ich herzhaft lachen, aber auch weinen konnte. Tiefgründig. Ohne Misstrauen. Und auf einmal ist da die „Was wäre, wenn?“ Frage, die im Raum steht und mich fordernd anblickt. Ich weiß, was gewesen wäre, wenn ich diesen Schritt nicht gegangen wäre. Ich weiß, was passieren würde, wenn ich diesem Teil meines Lebens wieder Platz einräumen würde. Ganz rational gesehen weiß ich, dass die Melancholie, die mich überfällt, völliger Blödsinn ist. Und doch kann ich nicht leugnen, dass meinem Herzen etwas fehlt. Nur ein kleiner Teil. Aber trotzdem nicht unwichtig.

Früher wollte ich diesen Teil retten, habe mich dafür aufgeopfert, so oft gezweifelt, getrauert. Heute weiß ich, dass es diesen Teil gibt und er irgendwann ausgefüllt wird. Mit viel Liebe, Wärme, Strahlen. Aber es bestimmt nicht mehr meinen Alltag, nach dieser Erfüllung zu streben, sondern hat nur noch etwas Platz in der Sonntagsmelancholie.

Bis die Tage,

Jess

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