Ich war undiszipliniert. Und das war gut so.

Seit meinem letzten Beitrag sind knapp zwei Monate vergangen. März. April. Aus Semesterferien wurde Semesterstart, aus Semesterstart das Ende der ersten Semesterwoche. Aus „in den Osterferien nehme ich mir ein paar Tage für mich und für das, was ich die ganze Zeit vor mir her schiebe“ wurde „ich hatte ein paar Tage frei, die ich mit allen möglichen Dingen verbracht habe, die mir gut tun, nur nicht mit Zeit für mich selbst“.

Ich weiß, dass es den Ausspruch „Zeit haben“ eigentlich nicht gibt. Ich weiß, dass man sich Zeit nehmen muss – für alles. Für das Studium, den Beruf, die Freunde, die Familie, die Liebe, für sich. Nur kommt das für sich viel zu oft an letzter Stelle – nicht nur bei mir. Und alles, was unter dieses „für sich“ fällt – also auch dieser Blog – kam einfach zu kurz. Und ich weiß auch, dass das meine Schuld ist.

Scheiße. Ich war so undiszipliniert!

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz in den vergangenen zwei Monaten gedacht habe. Man kann es sich gar nicht vorstellen, aber aus dem typischen Semesterferienloch wurde etwas, was ich selbst erst schleichend festgestellt habe: Ich habe nachgelassen. Statt meine Tage von morgens bis abends im Groben durchzuorganisieren, habe ich viele Vormittage damit verbracht, länger zu schlafen, die Zeit Zuhause mit Nichtstun zu verschwenden und meine Katzen dabei zu beobachten, wie sie sich gegenseitig verkloppen oder mit ihnen zu schmusen. Und ich habe das gebraucht.

Niemand kann im Leben ständig nur funktionieren und unerbittlich eiserne Disziplin verlangen. So viel ich von meiner Planerei und Organisation im Wintersemester ablegen musste, so viel wollte ich in den Semesterferien gar nicht mehr aufnehmen. Ich habe vor mich hin gelebt, in den Tag hinein, die einzige Weitsicht, die ich hatte, bezog sich auf meine Nachhilfetermine und gewisse Dinge rund um mein Unternehmen. Vom Rest wollte ich nichts wissen.

Undiszipliniert. Und glücklich.

Vermisst habe ich es nicht, dass nicht jeder Tag durchgetaktet war. Wahrscheinlich sehen viele in meinen Tagen dennoch einen Plan, eine Art Disziplin, eine Ordnung – denn nein, mein Leben und ich, wir sind nicht im absoluten Chaos versunken. Ich wollte nur nicht mehr die Weltherrschaft von heute auf morgen, sondern habe mich damit arrangiert, dass die Herrschaft über eine Stadt doch momentan auch ausreicht. Oder über ein Dörfchen. Wie auch immer. Tief in meinem Herzen wünsche ich mir unzählige Dinge, will mich selbst auf so vielen Ebenen verwirklichen. Aber ich bin eben auch nur ein Mensch mit 24 Stunden, mit endlichen Kräften. Und statt zu bedauern, was ich (im Moment) nicht umsetzen kann, habe ich meine Kraft gebündelt für das, was ich momentan umsetzen muss, um voranzukommen. Ich bin ein paar Schritte zurückgegangen, um mir die Lage etwas genauer anzuschauen. Und: Ich habe einen anderen Weg eingeschlagen, der mich wahrscheinlich zum gleichen Ziel führen wird. Nur ist der weniger gefährlich, sorgt wohl weniger dafür, dass ich  mich selbst auf dem Weg zum Ziel verliere.

Glücklich. Und teilweise sehnsüchtig.

Natürlich habe ich oft daran gedacht, wie viel ich vor einem Jahr noch gemeistert habe. Ich habe relativ viele Beiträge hier veröffentlicht, viel gearbeitet, die Uni wieder als meine zweite Heimat entdeckt. Natürlich habe ich mich nach dieser Energie gesehnt. Aber etwas in mir wusste, dass ich mich nicht zu dieser Disziplin zurückzwingen konnte. Sie war damals von sich aus entstanden und ich musste entweder in kleinen Schritten wieder darauf hinarbeiten oder abwarten, bis ich wieder bereit war, meinen Kalender so zu nutzen, wie ich es früher tat, alles festzuhalten, was es zu tun gibt, zu planen.

Jeder Schritt ein kleines Stück zu mir zurück.

Anfang April war ich erstmals wieder mit dem Planen auf lange Sicht konfrontiert. Semesterbeginn. Ein kompletter Mitwochnachmittag weniger, um zu arbeiten. Der Tag, an dem ich meine meisten Schüler hatte. Ich musste mich in gewisser Weise aus meiner Komfortzone bewegen und das war der letzte Antrieb, den ich gebraucht hatte, um wieder disziplinierter mit meinem Leben und mir selbst umzugehen, die richtigen Prioritäten zu setzen. Seit letzter Woche gehe ich wieder zur Uni. Seit letzter Woche bin ich einige Aufgaben los, die mich belastet haben. Seit letzter Woche habe ich Entlastung bei meinen Schülern, weil ich endlich Arbeit abgebe. Seit letzter Woche stehe ich so früh auf, dass ich meine Morgenmuffeltasse wohl entsorgen muss und gehe wieder ins Fitnessstudio, auch wenn ich keine Lust habe. Seit letzter Woche fülle ich meine Kalender wieder, damit mein Kopf leerer wird. Seit letzter Woche habe ich endlich wieder Ideen für Beiträge hier.

Ich war undiszipliniert. Und das war gut so. Jetzt kehre ich Schritt für Schritt wieder zu mir selbst zurück. 

Bis die Tage,

Jess

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