Aus Liebe zum Wort

Ich kann mich noch gut an eine meiner ersten Vorlesungen als Student im ersten Semester erinnern. Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, Erklärung des Wortes „Philologie“. Die Liebe zum Wort.

Völlig fasziniert habe ich den überfüllten Hörsaal am Ende der Vorlesung verlassen und den ganzen Tag darüber nachgedacht. Alles, was ich gerne in meiner Freizeit mache – dieser Blog hier, das Verschlingen unzähliger Bücher, das Lesen unzähliger Blogposts anderer – geschieht aus diesem einen Grund: Aus der Liebe zum Wort. Und diese Liebe hat einen so tief verwurzelten Ursprung, dass sie mir nie genommen werden kann.

Ich habe schon einige Male erwähnt, dass ich Bücher und das geschriebene Wort liebe. Als ich mit acht Jahren das erste Mal mein eigenes Buch inden Händen hielt, war dies für mich der allergrößte Schatz. Ich weiß noch genau, wie ich an diesem einen herrlichen Sommerferientag mit meiner Großmutter mit dem Bus in die Stadt gefahren bin, um mich dann auf einmal in einer völlig fremden Welt wiederzufinden: Die Buchhandlung. Schon damals war ich fasziniert von den hohen Bücherregalen, der Vielfalt, den unterschiedlichen Designs. Damals hatte ich ein klares Ziel vor Augen: Die Harry Potter Ecke. Schnell war klar, dass dies mein allererstes Buch werden sollte.

Dennoch bin ich an dieser Stelle wohl nicht das klassische Bücherwürmchen geworden. So stolz ich zwar im ersten Moment  war, so frustriert war ich im zweiten. Ich brauchte MONATE, um mich durch die ersten 50 Seiten zu kämpfen. Meine Großmutter fragte irgendwann schon nicht mehr nach, ob ich denn weitergekommen sei. Ich weiß nicht, wann es Klick machte, aber auf einmal verschlang ich dieses Buch im Nu, innerhalb von einer Woche war es ausgelesen. Und danach war ich ein völlig anderer Mensch. Die anderen, bis dahin veröffentlichten Bände folgten, aber mir reichte es nicht, die Geschichte einmal gelesen zu haben – ich wollte jedes Detail kennen, jedes Wort in mir aufsaugen. Manche konnten Szenen bestimmter Filme auswendig aufsagen, ich konnte aus den Harry Potter Büchern zitieren. Ich weiß nicht, wie oft ich diese Werke gelesen habe, fünfzehn Mal, zwanzig Mal. Die Liebe zum Wort ermöglichte esmir, in eine andere Welt abzutauchen. Andere Dinge zu hinterfragen. Mitzufiebern. Mich zu erfreuen. Charaktere zu lieben und Charaktere zu hassen. Bald folgten viele andere Kinder- und Jugendbücher, jeder Gang in die Stadtbibliothek war fast wie Weihnachten. Ich konnte Stunden darin verbringen.

Natürlich wurde ich älter und veränderte mich. So viele Stadien habe ich bis heute durchlebt, was ich vor 10 Jahren noch heiß und innig liebte, ist heute für mich kaum zu verstehen. Aber eine Liebe, die blieb: Die Liebe zum Buch, zum geschriebenen Wort. Eine Konstante im Leben. Wie tief sich diese Liebe verankert hatte, wurde mir allerdings erst klar, als mein Deutschlehrer in der Kursstufe in den ersten zwei Wochen die Anmerkung machte, dass ich mich in meinem weiteren Leben unbedingt mit der Sprache auseinandersetzen sollte. Ich hatte zuvor nie darüber nachgedacht, aber auf einmal ergab so vieles einen Sinn, als wäre das die einzige logische Schlussfolgerung. Die Frage, was ich künftig mit meinem Leben anfangen wollte, war beantwortet. Der berühmte rote Faden, von welchem alle Deutschlehrer immer sprechen, war auf einmal da. Selbst in meinen Deutschseminaren, die manchmal doch recht trockene Literatur behandeln, muss ich an diesen Moment denken, schmunzeln und sehe den Lehrstoff auf einmal aus einem anderen Blickwinkel.

Worte sind mächtige Waffen. Sie waren es schon immer und werden es immer bleiben. Früh merkte ich, dass man Menschen mit ihnen in kürzester Zeit um den Finger wickeln kann, wenn man weiß, wie man mit ihnen umgehen muss. Und gleichzeitig können sie so vernichtend sein. Wenn man Worte geschickt einsetzt, kann man alles erreichen. Man muss nur wissen, wie.

Heute.. heute öffne ich dieses eine, völlig abgegriffene Buch, welches bereits die eine oder andere lose Seite hat, welches seit über 15 Jahren in meinem Besitz ist. Ich streiche grinsend über meine kindliche Handschrift, mit derich meinen Namen, meinen Wohnort und meine Adresse eingetragen habe. Lese die ersten Zeilen, die mir vor langer Zeit eine neue Welt eröffneten. Es stimmt, man kann ein Buch nie zweimal gleich lesen – heute steckt hinter diesen Zeilen nicht nur die Geschichte des Zauberlehrlings, sondern auch mein roter Faden im Leben.

Manchmal wird einem erst Jahre später bewusst, dass manche Dinge von Anfang an einen Sinn ergeben haben. Dass ein einziger Tag das ganze Leben prägen und es auf den Kopf stellen kann. Dass hinter anfänglichen Schwierigkeiten etwas Großes steckt.

Aus Liebe zum Buch. Aus Liebe zum Wort.

 

Aus Liebe zum Buch

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