Du? Du arbeitest doch eh nicht viel! [#excerptsofworkadaylife »1«]

Egal welchen Beruf wir haben, wir kennen sie alle: Diese Tage, an denen wir abends am Esszimmertisch sitzen und Geschichten zu erzählen haben. Es sind die unterschiedlichsten Momente unseres Arbeitslebens: Die lustigen, die schönen, die anstrengenden, die traurigen, die nervenaufreibenden, die unvergesslichen. Diese Momente möchte ich mit euch in dieser neuen Kolumne meines Blogs mit euch teilen.

Den ersten Post dieser Reihe widme ich einem Klischee, mit welchem wohl viele Dienstleister zu kämpfen haben, die nach Terminvereinbarung arbeiten: Die Tatsache, dass ein Großteil unserer Kunden denkt, man würde den ganzen Tag Däumchen drehend auf ihren Termin warten und hätte auch sonst absolut nichts zu tun. Normalerweise fällt das bei mir nicht extrem ins Gewicht, denn das größte Hin und Her, was Termine angeht, bringe ich meistens in der ersten Schulwoche hinter mich. Auffällig wird diese Einstellung erst wieder, wenn wir uns in einer stressigen Phase wie im Juni befinden: Alle Schüler schreiben zig Arbeiten und wollen am liebsten dreimal die Woche Nachhilfe. Schön. Nur vergessen viele dabei, dass ich eben auch noch andere Schüler habe, hauptberuflich immer noch Studentin bin und eben nicht immer dann kann, wenn es ihnen gerade am besten in den Kram passt.

Mittlerweile sehe ich diesen Aspekt etwas gelassener – die Erfahrung lehrt einen, dass Aufregen in den seltensten Fällen etwas bringt – und rege mich möglichst wenig darüber auf. Dennoch fällt es mir beispielsweise nach einem Tag mit vier Stunden Uni, zwei Stunden Autofahrt, Stau und vier Nachhilfestunden echt schwer, die langen Gesichter zu ignorieren, wenn ich zum x-ten Mal erwähne, dass ich mittwochs keine Zeit für Nachhilfe habe. Ich weiß, meine Schüler meinen das sicherlich nicht böse, aber ich habe oft das Gefühl, dass es an Verständnis für die andere Seite fehlt und sie schlicht und ergreifend nicht zuhören, wenn ich solche Informationen preisgebe. Und dies gibt es definitiv nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen Dienstleistern.

Neben meinen Schülern, die gelegentlich vergessen, dass ich auch noch andere Dinge zu erledigen habe als mit ihnen um gute Noten zu kämpfen gibt es noch eine andere Sparte an Menschen, die teilweise relativ wenig Verständnis für einen Beruf wie meinen zeigen: Die „Du? Du arbeitest doch eh nicht viel!„-Fraktion. Ja, ich habe keinen regulären nine-to-five Job. Ja, ich bin ziemlich flexibel und verlasse das Haus oft erst um 13.30 Uhr. Aber verdammt noch einmal NEIN, ich mache nicht den Rest des Tages nichts!

Vieles, was meine Arbeit angeht, muss ich im Voraus vorbereiten oder im Anschluss nacharbeiten. Es kommt oft genug vor, dass ich vor der Nachhilfe mindestens eine Stunde im Arbeitszimmer verbringe, mir überlege, was ich in welcher Stunde mit welchem Schüler mache, Übungsblätter kopiere, Übersichten schreibe, drucke, drucke und noch einmal drucke. Oder ich kümmere mich schlicht um meine Buchhaltung und darum, dass ich nicht irgendwann verzweifelt vor einem Haufen Papierkram sitze und nicht weiß, wo ich denn überhaupt anfangen soll. Im Schnitt macht das sicherlich einen durchschnittlichen Arbeitstag von 5 Stunden aus. Klar, dass ist kein regulärer Vollzeitjob, aber hey – ich bin hauptberuflich immer noch Studentin und komme da auch auf genug Stunden, die ich pro Tag in meine Seminare investiere. Es ist einfach nur wahnsinnig frustrierend, sich anhören zu dürfen, dass man eh nicht viel arbeite, wenn man sich oft genug abends denkt, dass der Wecker extra früh klingeln muss, um alles bewältigen zu können. Manchmal ist es auch verletzend, wenn bei solchen Diskussion der Eindruck entsteht, dass ich gefälligst mehr zu arbeiten hätte, weil ich ja viel zu wenig arbeite. Wie schwer fällt es da noch zu lächeln und möglichst lässig noch mit irgendeinem weiteren dummen Klischee zu kontern, um sich aus der Affäre zu ziehen.

Ich möchte mit diesem Beitrag nicht nur teilen, was mir immer wieder in meinem Arbeitsalltag über den Weg läuft, sondern auch ein bisschen wach rütteln: Wenn ihr das nächste Mal die Augen verdreht, wenn einer eurer Dienstleister nicht innerhalb der nächsten 24 Stunden einen Termin für euch frei hat, denkt einfach daran, dass es immer zwei Seiten einer Medaille gibt und ihr nicht wisst, dass die- oder derjenige in der Zeit treibt, in welcher sie oder er nicht bei euch ist.

Und nein: Ich bin nicht todunglücklich mit meiner Situation. Manchmal häuft sich das hier Beschriebene und hey – Übertreibung macht manchmal auch anschaulich. ;)

Bis die Tage,

Jess

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