Geschwisterliebe [Sonntagsgedanken »11«]

Jess, ich kann dich endlich verstehen. Ich weiß nun, warum du damals immer so genervt warst, als wir unbedingt mit dir und deiner besten Freundin spielen wollten. Das kann schon ganz schön nerven!

Bei diesem Kommentar meines Bruders musste ich schon ganz schön schmunzeln. Es ist manchmal erstaunlich, wie ähnlich wir Dinge empfinden, wie ähnlich unsere Weltanschauung ist und in welchen Punkten wir oftmals aneinander geraten. Aber Fakt ist: Geschwisterliebe ist etwas Wunderbares. Ganz gleich, ob sie ab und zu in Geschwisterhass umschlägt.

Wenn man sich im Leben eins nicht aussuchen kann, dann ist es die Familie. Vor allem die Geschwister. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als mir eröffnet wurde, dass ich große Schwester werde – mit sieben Jahren zum ersten Mal. Ich war völlig aus dem Häuschen und gab mein bestes, die allerbeste große Schwester zu sein, die die Welt je gesehen hat. Zumindest am Anfang. Nach sieben Jahren Einzelprinzessin (und zwar in der gesamten Familie, da ich in meiner Generation das erste Kind war) gab es auf einmal einen schreienden Zwerg. Das klingt an sich wunderschön und ich habe mir damals immer schon ein Geschwisterchen gewünscht, aaaaaaaber: Es blieb ja nicht bei einem. Ein Jahr später folgte meine Schwester und ich war auf einmal mit der Tatsache konfrontiert, dass ich jetzt die „Große“ war, die nicht mehr so viel Aufmerksamkeit bekommt, wie es zuvor der Fall war.

Nach anfänglicher Euphorie war ich also ganz schnell genervt von meinen jüngeren Geschwistern – wie es sich für eine große Schwester so gehört. Die Situationen, auf die mein Bruder im Eingangszitat anspielt, ereigneten sich keine drei Jahre später: Meine beste Freundin war in den Sommerferien ziemlich oft zu Besuch. Wir wollten eigentlich unsere Ruhe, die gemeinsame Zeit genießen, Dinge machen, die uns beiden gefielen, aber da waren ja zwei kleine Zwerge, die uns ständig verfolgten und „mitspielen“ wollten. Auf Beschwerden bei meinen Eltern folgte nur die Aussage „Ach, die beiden, die wollen doch nur spielen! Jetzt lass sie doch!“. Genervt sein und Geschwisterhass waren also vorprogrammiert.

Dieser hielt sich auch ziemlich lange. Ich kam in die Pubertät und mit ihr kam auch die Eifersucht und der Neid auf meine jüngeren Geschwister, welche deutlich mehr Aufmerksamkeit als ich bekamen – einfach, weil sie jünger waren. Aus heutiger Sicht ist das eine ziemlich einfache Erklärung und ich finde mein Verhalten von damals wirklich dämlich – aber damals war das einfach ein kleiner Weltuntergang für mich. Es wurden Stimmen laut, dass das Verhältnis zwischen uns wohl nie großartig werden würde, weil der Altersunterschied einfach zu groß sei.

Bis der Jüngste auf die Welt kam. Es kann ganz schön schockierend sein, mit 14 noch einmal große Schwester zu werden. Als meine Mutter mir diese Nachricht überbrachte, habe ich ihr im ersten Schockmoment auch an den Kopf geworfen, dass das locker mein Kind sein könnte und bin wütend in mein Zimmer abgerauscht. Aber irgendwie hat das alles verändert. Auf einmal waren wir nicht mehr die Große und die zwei Kleinen, sondern die Große, die Mittleren und der Kleinste. Auf einmal war da nicht nur eine, die sich bemühte, das beste große Geschwisterchen zu sein, sondern drei. Das schweißte uns alle zusammen. Der Altersunterschied, die Eifersucht, der Neid, irgendwie war auf einmal alles vergessen.

Als ich 15 war und wir das erste Mal umzogen waren wir alle ein Herz und eine Seele. Die gemeinsame Zeit nahm zu. Wir verbrachten Stunden mit gemeinsamen Spielen. Kämpften gemeinsam mit Grundschularbeitsblättern und dämlichen Zahlen, die es zu schreiben galt. Wir lachten und hatten Bauchschmerzen davon, wir weinten und schlugen Zimmertüren hintereinander zu.

Zwei Jahre später, mit dem nächsten Umzug und der Trennung meiner Eltern, festigte sich das Ganze noch viel mehr. Mein Bruder kam zur mir auf das Gymnasium und ich war stolz, endlich auch so eine große Schwester zu sein, die im Blick haben kann, ob bei ihm auch alles gut läuft. In meinem letzten Jahr an der Schule stieß auch meine Schwester hinzu. Zu dritt gingen wir morgens total verschlafen aus dem Haus und kamen ab und zu auch gemeinsam wieder nach Hause. Während der stressigen Kursstufenphase waren wir vier unzertrennlich und das Mario Kart spielen und dabei Nimm2 naschen mein wunderbarer Ausgleich zu den ständigen Lernphasen. Die Lautstärke der Drei nervte mich nicht mehr, während ich lernte, sondern war meine „musikalische“ Begleitung, die mir fehlte, sobald ich ausgezogen war.

Und heute? Heute sind wir alle älter geworden. Wir diskutieren nicht mehr darüber, wer am unfairsten bei Mario Kart spielt (oder zumindest nicht mehr so häufig..), sondern über Schulaufgaben, Lehrer, Noten und Zukunftspläne. Wir unterstützen uns gegenseitig und schreiben auch mal zu dritt über die 130km Entfernung, die uns trennt, gemeinsam an einer GFS, während der Kleinste (der irgendwie immer größer und schwerer wird) uns immer wieder mal dabei unterbricht. Ich versuche nicht nur, möglichst die beste große Schwester zu sein, sondern habe nun jüngere Geschwister, die auch auf mich aufpassen und mir sagen, dass ich kürzer treten muss, wenn ich es mit dem Arbeiten übertreibe.  Aber entgegen aller Erwartungen ist uns eines immer geblieben: Die Geschwisterliebe.

Egal wie viele Kilometer uns trennen, wir sind füreinander da. Wir teilen unser Leben, lachen gemeinsam, freuen uns gemeinsam, leiden gemeinsam. Und diese besondere Verbindung, die zwischen uns herrscht, ist das größte Geschenk. Denn auch diese ist nicht selbstverständlich, ich weiß, dass es zwischen Geschwistern auch ganz anders laufen kann, dass man nicht miteinander kämpft, sondern gegeneinander, und ich bin so unendlich dankbar dafür, dass es meine Geschwister gibt und dass sie genauso sind, wie sie sind.

Auch wenn sie mich oft genug in den Wahnsinn treiben! (Aber ich bin da wohl nicht besser und mache das ebenfalls.. :D )

Bis die Tage,

Jess

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