Wenn das Zimmer Bände spricht. [#excerptsofworkadaylife »2«]

Als Nachhilfelehrerin, die nicht in einem Institut arbeitet, sondern Schülerinnen und Schülern den Luxus bietet, zu ihnen nach Hause zu kommen, erhält man auch exklusive Einblicke in das Leben von anderen. Und nein, damit meine ich nicht, dass ich gerne nach Hause zu anderen Menschen gehe und sie ausspähe (dafür gibt es genug andere Dienste!), sondern dass ich Einblicke in das Leben meiner Schüler erhalte, die beispielsweise ein Lehrer nicht hat.

Unter anderem nehme ich nicht nur den Schüler an sich wahr, sondern auch das, was um ihn herum geschieht. Explizit meine ich damit, dass gerade die Zimmer bzw. die Lernmöglichkeiten der Schüler oftmals Bände sprechen und sie ungewollt in Kategorien einteilen, die ziemlich oft zutreffend sind.

Man glaube es kaum, aber es ist tatsächlich klischeehaft: Die Zimmer der Mädels sind meistens wunderbar aufgeräumt und organisiert. Und genauso lernen sie dann auch – sie haben ihre Termine im Überblick, die Arbeitsblätter werden sofort gelocht und eingeordnet, in den Schubladen verweilen Post-Its, mit denen man das allerwichtigste markiert und für jedes Thema werden Zusammenfassungsblätter geschrieben, die gelernt werden. Herrlich! Ich gebe es zu, ich selbst bin genau dieses klischeehafte Mädchen, welches in Unordnung nicht wirklich arbeiten kann und finde, dass dies tatsächlich das stressfreiste Lernen ist, auch wenn es oft viel Zeit erfordert.

Dann gibt es die Zimmer, die mal wunderbar aufgeräumt sind und mal im absoluten Chaos versinken. Es ist erstaunlich, dass gerade diese Schüler (da sind mir tatsächlich schon von beiden Geschlechtern welche begegnet) auch genauso lernen: Manchmal haben sie einen Überblick über alles, denken wochenlang im Voraus und sind Up-to-date und dann gibt es wieder Wochen, an denen ich eine Überstunde nach der anderen bei ihnen verbringe, weil einfach gar nichts klappt und alles auf den letzten Drücker geschieht. Puuuh. Das ist anstrengend! Denn genauso wie ich nie weiß, ob ich in Ordnung oder in Chaos mit dem Schüler zusammenarbeite, weiß ich auch nie, wie viel Arbeit die Stunde für mich bedeutet. Denn ja, auch mein Anteil an Arbeitsleistung variiert von Stunde zu Stunde und Schüler zu Schüler, je nachdem, wie gut die Vorbereitung ist, wie organisiert der Schüler ist und wie viel Vorbereitungszeit während der Stunde dafür drauf geht, erst einmal alle Unterlagen zusammenzusuchen und sich einen Überblick zu verschaffen.

Und letztlich gibt es auch die wahren Chaoten-Zimmer, welche ebenso klischeehaft sind wie die sauberen Mädchenzimmer. Hauptsächlich bei den Jungs vorzufinden, aber natürlich nicht nur. Bei diesen Schülern kann ich mich darauf einstellen, dass das Schulzeugs meistens genauso unordentlich sortiert wie das Zimmer aufgeräumt ist und mit fünf bis zehn Minuten Sammelzeit für alles muss definitiv gerechnet werden. Auch die Stunde an sich und das Aufarbeiten von Lücken ist meistens genauso ein Wirrwarr wie das Zimmer, aber am Ende schafft man es doch ans Ziel, genauso wie man das Gesuchte irgendwann auch im Chaos wiederfindet.

Ich finde es beeindruckend, wie der Arbeitsplatz die verschiedenen Charaktere meiner Schüler widerspiegelt und wie viel man über sie erfahren kann, wenn man den Blick nur kurz durch ihre vier Wände streifen lässt. Es bietet eine weitere Möglichkeit, sich besser auf die Schüler einzulassen und gemeinsam an das gewünschte Ziel zu kommen.

Und es ist jedes Mal interessant, welche Art von Zimmer ich als nächstes betrete.

Bis die Tage,

Jess

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