So fremd. So vertraut. [Sonntagsgedanken »12«]

Alle zwei Wochen komme ich mal mehr oder weniger ausgelaugt nach Hause. Eigentlich ist es unvorstellbar, aber obwohl ich vor vier Jahren Zuhause ausgezogen bin, hat sich die Tradition, dass ich alle zwei Wochen zu meiner Familie fahre, doch halten können. Trotz eines stressigen Lebens, trotz Prüfungen, trotz der Tatsache, dass auch meine Geschwister immer älter werden und nicht jedes Wochenende Zuhause verbringen.

Eine lange Zeit habe ich bei dieser Rückkehr auf der Couch im Wohnzimmer geschlafen, weil mein Zimmer relativ schnell von meiner Schwester bezogen wurde. Mittlerweile nächtige ich in ihrem alten Zimmer, allerdings in meinem alten Bett, mit meinem alten Fernseher in der Ecke. Es fühlt sich vertraut an. Und gleichzeitig so fremd. Das Knarren des Bettes hat mich früher Abend für Abend in den Schlaf begleitet. Meine Decken waren wunderbar kuschelig und der absolute Rückzugsort für mich. Die rot gestreifte Bettwäsche habe ich heiß und innig geliebt.

Und heute? Ich will nicht leugnen, dass ich gerne bei meiner Familie bin. Aber gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich immer wieder froh bin, nach Hause zu kommen. In mein Zuhause. Die Wohnung, in der nicht nur in vier Wänden mein Geist steckt, sondern in jedem Raum. In welcher nicht nur das Bett, sondern jede Ecke ein Rückzugsort ist. In welcher mich Liebe erwartet, die nur mir gilt. Ich war immer glücklich in meinem Jugendzimmer, weil ich es nach und nach ganz nach meinen Vorstellungen eingerichtet habe. Weil ich Stunden darin verbracht habe und mich nie an einer Ecke satt gesehen habe.

Aber heute – mit der Distanz zu meinem alten Zimmer und meinem alten Ich – weiß ich, dass das nicht mehr meins ist und auch gar nicht mehr meins sein kann. Dinge, die für mich in meinem damaligen Reich selbstverständlich waren, sind mir heute völlig fremd. Ich bin nicht mehr der kleine Teenager, welcher sich auf sein Bett kuschelt und im gedämpften Licht unzählige Seiten auswendig lernt, mit Eifer stundenlang in einem Chat rumhängt oder leicht lieblos den ein oder anderen Blogbeitrag verfasst. Auf meinem Nachtisch finden sich heute nicht mehr meine Schulunterlagen oder mein Laptop, sondern lediglich mein Wecker und mein Kindle.

Anfangs habe ich meinen Rückhzugsort wahnsinnig vermisst, denn ich habe vieles bei meinem Auszug hinter mir gelassen. Ich habe radikal aussortiert und bin mit wenigen Kartons ausgezogen, welche nur meine größten Schätze beinhalteten. Oft habe ich mich gefragt, ob es richtig war, einen solch radikalen Schnitt durchzuführen, tatsächlich Dieses und Jenes wegzuwerfen. Heute weiß ich, dass ich mit all diesen vergangenen Dingen in meinem jetzigen Leben nicht viel anfangen könnte.

Das Bett, welches alle zwei Wochen mein kleiner Rückzugsort ist, ist eines der wenigen großen Dinge, die geblieben sind. Und irgendwie strahlt es auch meinen damaligen Geist aus. Es ist schön, ab und an in die Vergangenheit geführt zu werden, aber umso schöner ist es, sonntagabends meine Wohnung zu betreten und zu sehen, was mich und mein Leben ausmacht.

Bis die Tage,

Jess

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