Nichts verpasst.

„Gibt es etwas Neues?“

Diese Frage ist wohl die Frage, welche mir am häufigsten von meiner Familie gestellt wird – sei es bei Familienfeiern, bei denen man sich sieht oder bei den wenigen Telefonaten, die ich mit ihnen führe. Meine Antwort ist ein völlig routinierter Satz: „Nein, eigentlich nicht.“ Ich habe erst angefangen, diesen zu überdenken, als ich mitbekommen habe, dass manch einer der Meinung ist, dass sich in meinem Leben und Umfeld eh nichts mehr ändert und man ja gar nichts verpasse.

 

Es ist wie früher. Es ändert sich nichts. Alles ist beim Alten. Man hat nichts verpasst.

Im ersten Moment musste ich über diese Aussage lachen. Klar. Natürlich. Es ändert sich überhaupt nichts bei mir, alles beim Alten. Im zweiten Moment hielt ich inne und dachte nach: Eigentlich war es nach außen hin genau das, was ich zeigte. Keine Veränderung. Alles beim Alten. Warum also mein Lachen?

Es mag sein, dass sich nach außen hin – bis auf meine Haarfarbe – nicht sonderlich viel bei mir verändert hat, vor allem, wenn ich das letzte Jahr genauer betrachte. Ich bin immer noch Studentin. Ja. Ich bin immer noch Nachhilfelehrerin. Ja. Aber hey, es hat sich doch etwas verändert! Ich bin nicht mehr die Studentin im Grundstudium, die generell keinen Plan hat und auch nicht wirklich hilfreich für andere ist. Ich bin in meinem letzten Studienjahr angelangt! Ich stehe kurz vor meinem Abschluss, den ich erst innerhalb dieses Jahres vorziehen wollte und dann doch nach hinten gelegt habe, weil ich einmal in meinem Leben eingesehen habe, dass man die Weltherrschaft auch in zwei Tagen an sich reißen kann! Als Mensch habe ich mich an der Universität extrem weiterentwickelt. Ich bin nicht mehr das zurückgezogene, leicht emo-mäßig angehauchte Mädel, welches unsicher mit neuen Situationen und neuen Menschengruppen umgeht, sondern suche diese Herausforderung, mag es, mich in neuen Gruppen wiederzufinden.

 

Ich bin mein eigener Chef. Unabhängig. Selbstverantwortlich.

Des Weiteren bin ich zwar immer noch Nachhilfelehrerin, aber ich bin mein eigener Chef. Ich bin nicht mehr abhängig von anderen, die mir meine Schüler und Termine organisieren und meinen Lohn zahlen, sondern trage die volle Verantwortung – für alles. Diese zwei Punkte, die mir in den Sinn kamen, sind sicherlich nicht alles, was sich innerhalb von zwölf Monaten verändert hat. Das sind nicht die einzigen Dinge, die man verpassen hätte können, wenn man sich denn dafür interessiert hätte. Ich bin gewiss nicht mehr die Jess, die ich noch im August 2015 war.

Ich sitze hier und habe meine Blogbeiträge bis vor zwölf Monaten zurückverfolgt. Mit jedem Beitrag, den ich gelesen habe, wurde mir klar, dass ich Recht mit meiner Einschätzung habe: Es mag sein, dass man nach außen hin nicht viel verpasst, aber in meinem Inneren habe ich mich verändert. Sogar sehr. Noch vor einem Jahr trat ich auf der Stelle, war völlig demotiviert und ja – ich gebe es offen und ehrlich zu – auch ausgepowert, weil mein Leben lediglich aus Studium, Arbeit, Selbstzweifel, Frust und Versagensangst bestand. Und ich habe mich lange in diesem Loch befunden, auch wenn ich es nach Außen hin nicht gezeigt habe. Aber all diejenigen, die sich nur ansatzweise für mich und mein Leben interessiert haben, haben diese Zeit miterlebt – und auch gemerkt, wie sehr ich darunter gelitten habe. Gleichzeitig durften sie aber auch miterleben, wie ich mich gefangen habe, mich aus diesem Loch befreit habe, wie ich den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt habe, obwohl ich mich ein ganzes Jahrzehnt lang gegen die Selbstständigkeit an sich ausgesprochen habe. Und es ist noch so vieles mehr passiert.

Ich bin in diesem Jahr erwachsen geworden. Ich habe die rosarote naive Weltsichtbrille endlich abgelegt und unter so viele Altlasten, die ich mit mir herumschleppe, Schlussstriche gezogen. Ich habe eingesehen, dass ich die Einzige bin, die mir effektiv helfen und mein Leben auf die richtige Bahn lenken kann, auf welcher ich zufrieden und glücklich bin. Ich verliere in Drucksituationen wie der Prüfungsphase nicht mehr haltlos den Kopf, rede mir nicht mehr ein, dass ich es nicht schaffe, sondern bin mir sicher, dass ich eine gute Leistung abliefere, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben meine Leistung richtig einschätzen kann und sie nicht anzweifle. Ich nehme mir Zeit für mich und denke über viele weitere Veränderungen in meinem Leben nach, sogar welche, die groß sind, die man nach außen hin sieht, die für mich in meinem Leben einen weiteren wichtigen Schritt bedeuten. Aber neben diesen äußeren Veränderungen gibt es so viele innere, die man sehen kann, wenn man sie denn sehen möchte.

Und genau das ist der Punkt. Wir verändern uns alle. Ständig und Immer. Machen Fortschritte und Rückschritte. Stehen manchmal auf der Stelle, aber es geht dennoch immer weiter. Zu behaupten, man würde im Leben anderer nichts verpassen, ist einfach nur absolut vermessen und unqualifiziert, wenn man sich nicht mehr wirklich für den anderen interessiert – oder interessieren mag, weil man sich gerade selbst im Mittelpunkt des Universums sieht.

Ich bin nicht mehr die naive Jess. Ich bin nicht mehr die, die ich vor fünf Jahren war. Ich bin nicht mehr die, die ich letzten Sommer war. Ich habe so viele Fortschritte gemacht. Für mich. Ich sehe sie, diejenigen, die sich für mich interessieren, sehen sie.
Und wenn du sie nicht sehen möchtest, dann ist das dein Problem. Denn im Gegensatz zu dir bin ICH nicht blind für diese Veränderungen.

Bis die Tage,

Jess

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