Offener Brief: An die Löwin, die du nie warst.

Jetzt bin ich ’ne Löwin, die sich selbst beschützt.

Ich werde älter. Ich werde reifer. Ich lasse Dinge hinter mir, die mich lange Zeit verletzt haben. Sorge dafür, dass Wunden heilen und zu Narben werden, obwohl sie lange Zeit offen standen, immer wieder dafür sorgten, dass ich ausblutete.

Aber manche Wunden, manche Wunden platzen auf. Immer und immer wieder.

Und für eine hast du gesorgt. Du, die mich eigentlich hätte schützen sollen. Müssen. Wie eine Löwin, die ihr Junges um jeden Preis schützt.

Diese Wunde ist eine der tiefsten, die ich je erlitten habe. Sie hat mich geprägt, wie es kaum eine andere getan hat. Und doch wandelt sie sich – mit jedem Mal, bei welchem du sie wieder aufreißt, wandeln sich die Gefühle, die dabei entstehen. Zu Beginn war es tiefste Verzweiflung. Trauer. Unverständnis. Ungläubigkeit. Hoffnungslosigkeit. Ich wollte nur, dass du die Löwin bist, für die ich dich lange Zeit gehalten habe, dass du für mich kämpfst, weil ich noch nicht bereit dafür war. Aber du hast nur an dich gedacht. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Kampf erinnern, den ich alleine und ohne Unterstützung bestreiten musste. Es war der Kampf gegen dich. Statt mich zu schützen wolltest du meine Welt endgültig zerstören. Mir sämtliches Vertrauen nehmen. Und es ist dir gelungen. Damals. Ich hatte keine Löwin mehr, die mich schützte. Aber ich war auch nicht in der Lage, mich selbst zu schützen.

Bis sich all die Verzweiflung, Trauer, Unverständnis und Ungläubigkeit in Wut verwandelte. Wut darüber, dass du mich im Stich gelassen hast. Wut darüber, dass ich jetzt schon kämpfen musste, ohne zu wissen, wie das funktioniert. Du hast mir das nie beigebracht. Diese Wut war aber gleichzeitig mein Antrieb. Mein größtes Schutzschild. Meine stärkste Waffe. Ich habe gelernt, dass ich kämpfen muss. Für mich. Für sie. Gegen dich, weil du nicht für uns kämpfen wolltest. Und diese Erfahrung war schmerzhaft. Sie hat mich ein Stück meiner selbst gekostet. Und dir war es egal. Alle waren beeindruckt, wie wunderbar ich diesen Kampf meisterte. Ich lächelte stolz, während ich nachts vor Verzweiflung in Tränen ausbrach, weil mich dieser Kampf meine letzten Kräfte kostete, mir so viele Wunden zufügte und mir gleichzeitig sämtliche Zeit nahm, mich um diese Wunden zu kümmern, dafür zu sorgen, dass sie sich schließen, weil Tag für Tag eine neue Wunde hinzukam. Meine Wut verwandelte sich in Hass. Mein Kampf wurde immer ironischer, sarkastischer, zynischer. Ich lernte, ihn nicht nur zu überleben, sondern zu gewinnen. Du gingst. Ich ging. Und während du nichts aus allem gelernt hast, habe ich mich zu einer Löwin entwickelt, die sich selbst beschützt. Weil du mich nicht beschützen wolltest. Mich auch jetzt nicht beschützt. Und auch nie beschützen wirst.

Die Zeit verging. Mein Hass verwandelte sich in Gleichgültigkeit. Aus den Augen, aus dem Sinn. Den Job, den du nie übernehmen wolltest, habe ich übernommen. Für sie. Und ich werde ihn immer übernehmen. Für sie. Für mich. Ich bin stark geworden, weil ich stark sein musste. Und ich zeige diese Stärke, wenn ich mich in deinem Gebiet aufhalte, weil ich unterbewusst jederzeit mit einem neuen Kampf rechne. Die Gleichgültigkeit, die mich umgibt, kann sich binnen weniger Sekunden wieder in diese Wut verwandeln, die mich daran erinnert, wie hart dieser Kampf war. Die mich daran erinnert, für wen ich kämpfe. Und über ein Jahrzehnt später weiß ich, dass du nie eine Löwin sein wirst. Ich habe oft an dich appelliert, in der Hoffnung, dass du diese Seite irgendwann an dir entdeckst. Nicht für mich. Diese Chance hast du vertan. Aber für sie.

Dir ist das nie gelungen. Ich war für sie die Löwin. Und auch sie haben sich zu prächtigen Löwen entwickelt, die ebenso kämpfen können. Es ist zu traurig, dass ich stets an eine Löwin glaubte, die du nie warst und wohl nie sein wolltest. Nicht für sie. Nicht für mich. Nicht für uns.

Aber du weißt, was aus uns geworden ist. Denn auch wenn du nie eine Löwin warst und für uns gekämpft hast, schickst du uns jetzt für dich in den Kampf. Vor allem mich. Zu dumm nur, dass ich das genau weiß. Dass ich dein blödes Spielchen nicht mitspiele und für so viele kämpfe – aber nicht mehr für dich. Vielleicht dachtest du, dass ich für dich kämpfe. Allerdings hast du vergessen, dass ich nur für die kämpfe, die auch für mich kämpfen – und dazu zählst du nicht.

Denn all das, all das richtet sich an die Löwin, die du nie warst.

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