Über Prioritäten. [Sonntagsgedanken »13«]

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Prioritäten. Wir sprechen andauernd über sie. Tagtäglich setzen wir sie neu. Immer wieder sind wir davon überzeugt, unsere Prioritäten im Griff zu haben. Mit unserer Setzung richtig zu liegen. Wir planen, organisieren, kritzeln unsere Terminkalender voll und verzieren sie mit süßen Stempelchen und Washi-Tapes und gaukeln uns ständig vor, unser Leben im Griff zu haben.

Ich nicht. Ich habe meine Prioritäten nicht im Griff.

So viele behaupten von sich, dass sie alles im Griff haben. Meine Kinder sind oberste Priorität. Mein Lebensstandard ist oberste Priorität. Meine Freunde sind oberste Priorität.

Immer wieder frage ich mich, wie Menschen es schaffen, ihre Prioritäten derart im Griff zu haben. Ich möchte nicht sagen, dass ich keinerlei Prioritäten hätte – aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich im Alltag die EINE Priorität hätte. Ehrlich gesagt denke ich eher, dass sich so viele Dinge um den ersten Platz auf dieser verdammten Liste streiten und ich nur hilflos zuschauen kann.

Priorität 1: Ich bin Studentin. Ich brauche meinen Abschluss.

Vor zwei, drei Jahren hätte ich diesen Satz wohl als meine oberste Priorität angesehen. Nach meinem Praxissemester gab es für mich nichts wichtigeres, als mein Studium möglichst schnell abzuschließen. Nein – dies wird nun kein Beitrag darüber, dass die Zeit an der Uni völlig belanglos sei und es nicht schlimm ist, statt zehn Semester einfach 20 Semester zu studieren – aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es das Wichtigste in meinem Leben sei. Denn…

Priorität 1: Ich bin Unternehmerin. Und verdammt nochmal, ich bin es scheiße gern.

Wir hören es oft genug: Wer einmal Geld verdient, kommt davon nicht mehr los. Ja. Auch ich. Ich habe mich vor Jahren das erste Mal über mein eigenes Gehalt von süßen 400€ gefreut wie ein kleines Kind an Weihnachten. 400€ waren für mich eine Menge Geld. Sind sie auch heute noch. Aber: Ich habe Blut geleckt. Auch wenn ich nie daran gedacht hätte, liebe ich es, mein Unternehmen zu haben. Ich liebe meinen Job. Ich liebe es, mein eigener Chef zu sein. Ich liebe es, Wissen an andere weiterzugeben. Ich liebe es, dabei selbst ständig neue Dinge zu lernen. Aber ja, ich liebe es auch, wenn am Ende des Monats ein schöner Betrag auf meinem Konto steht. Und je mehr Zeit ich dieser Priorität zugestehe, umso schöner ist dieser Betrag am Ende. Jeden Monat erarbeite ich mir auf’s Neue so viel, mit jedem Jahr wächst mein Lebensstandard, meine Ansprüche, verändern sich meine Ziele – und irgendwie mag ich nicht zurückstecken. Mag ich nicht reduzieren. Ich will mehr! Immer weiter über mich hinauswachsen. Aber…

Priorität 1: Ich bin Familienmensch. Durch und durch.

Dieses „Mehr“ kostet. Es kostet Zeit. Denn während der Zeit, in der ich mit meinen Schülern mit Mathe, Französisch und Englisch kämpfe, kann ich genauso gut mit anderen kämpfen. Menschen, die mir wichtig sind. Meiner Familie. Meinen Liebsten. Der Gewissenskonflikt ist manchmal groß, wenn ich am Anfang der Woche überlege, ob ich tatsächlich noch einen Termin auf den Freitagnachmittag quetsche, obwohl ich früher zu meinen Liebsten fahren wollte. Der Seufzer laut, wenn ich abends um 20 Uhr das Haus betrete, noch kochen und dies und das erledigen muss, obwohl doch eigentlich Zeit für Privates sein sollte. Aber ..

Priorität 1: Ich bin Ich. Und ich brauche Zeit. Für mich.

Neben all dem Trubel sollte ich mir Zeit für mich nehmen. Ja. Sollte. Man sieht wunderschön anhand meines Blogs, wie selten mir das aktuell gelingt. Ich möchte so viel tun! Für mich. Meine Seele. Ich will viele Bücher lesen, über so vieles informiert sein. Ich will mich beim Sport zwei Stunden lang zu meiner Lieblingsmusik auspowern. Ich will am Schreibtisch sitzen und an Blogposts arbeiten, statt sie nur in Gedanken niederzuschreiben. Ich will Gedanken niederschreiben, die ich vielleicht nie mit der Welt teilen werde, was mir aber dennoch genauso wichtig ist. Ich will auf der Couch rumgammeln und mir all die wunderbaren Serien anschauen, die ich schon so lange anschmachte. Ich will die Zeit vergessen und die letzten Sonnenstrahlen auf dem Balkon genießen, in eine Decke eingekuschelt und dabei die Katzenkinder streicheln. Aber ..

Priorität 1: Ich bin Hausfrau. Und will perfekt sein.

Ich stelle so vieles, was nur für mich wäre, hinten an. Ich habe einen Haushalt zu schmeißen und bin scheiße perfektionistisch. Bevor ich mich um mich selbst kümmern kann, muss es um mich herum angenehm sein. Krümmel auf dem Boden nerven mich, der Wäschekorb verhöhnt mich, die Bügelwäsche steht drohend im Schrank. Und doch bleibt vieles liegen, denn..

Priorität 1: Ich bin ein guter Freund. Und da.

Neben meiner Familie will ich auch für die da sein, die mir wichtig sind. Ein offenes Ohr für sie haben. Gemeinsam mit ihnen lachen und die Zeit genießen. Einen Kaffee trinken oder über interessante Themen diskutieren. Ihnen zeigen, wie wichtig mir sie sind. Ihnen helfen. Gemeinsam mit ihnen dafür sorgen, dass wir eines Tages über wunderbare Erinnerungen lachen können.

Und nun?

Ja. Man kann sich seine Zeit einteilen. Man kann sich Prioritäten selber setzen. Aber was macht man, wenn so vieles an oberster Stelle steht? Ich habe bewusst jeden Abschnitt mit Priorität 1 versehen. Das war kein Tippfehler von mir. Denn: Alles ist mir wichtig. Nichts steht über dem anderen. Sechs Bereiche sind mir wichtig. Sechs Bereiche, die sich in so viele Unterbereiche aufsplitten, dass eine einfache MindMap zur Veranschaulichung nicht ausreichen würde. Wie also soll das funktionieren?

Diese Sprüche über Prioritätensetzung verhöhnen mich. Ja, man teilt sich seine Zeit selbst ein. Ja, man nimmt sich Zeit, man hat sie nicht. Aber hey – wir haben doch alle nur 24 Stunden, oder? Niemand, keine einzige Person konnte mir bis jetzt sagen, wie mein Masterplan aussehen könnte. Und irgendwie fühle ich mich selbst völlig ratlos. Denn auch wenn ich versuche, mich so gut es geht um all meine Prioritäten, die mir am wichtigsten erscheinen, zu kümmern, weiß ich, dass ich Dinge schleifen lasse. Mal hier, mal da. Nie so, dass es im kompletten Desaster endet, aber so, dass es mich unzufrieden stimmt.

Ich bin ratlos. Tolle Prioritäten. Scheiß Prioritäten.

Bis die Tage,

Jess

2 thoughts on “Über Prioritäten. [Sonntagsgedanken »13«]

  1. Hallo Jess,
    ich bin durch „trusted blogs“ auf Deine Seite aufmerksam gemacht worden.
    Du klingst, für mich jedenfalls, nicht nach 24 Jahren Lebenszeit – so ernsthaft in dieser oberflächlichen Zeit.
    Seit ca. einem Monat versuche ich mich im Bloggen, um meine Bücher in die Welt zu bringen. Hoffentlich erfolgreicher als 2008, da bin ich grandios gescheitert – im Scheitern bin ich sehr erfolgreich – durch die neuen Medien (Ich stamme aus dem vorigen Jahrhundert).
    Eine Vernetzung soll ja Wunder bewirken, deshalb meine Frage, ob ich Dich auf meiner Seite verlinken darf?

    LG Armin

  2. Hallo Armin,

    wow, ich glaube, ich sollte auch mal wieder bei „trusted blogs“ vorbeischauen.
    Darf ich fragen, ob es eher als Kompliment oder als Kritik gemeint ist, dass ich so ernsthaft klinge? Ich höre bzw. lese das relativ oft und weiß selten, ob das nun gut oder schlecht sein soll.
    Ich schaue nachher auf jeden Fall mal auf deinem Blog vorbei. Gerne darfst du mich verlinken – ich freue mich über jeden Austausch und jede Vernetzung!

    Liebste Grüße,
    Jess

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