Selbst. Und ständig. [#excerptsofworkadaylife »3«]

Wir schreiben heute den 18.10.2016 und die Arbeit hat mich wieder voll eingenommen. Jeder Schuljahresbeginn ist für mich – obwohl ich aktuell aus dem Schulsystem draußen bin – immer wieder etwas besonderes, denn dann heißt es sammeln, bedenken, auswürfeln: Ein Terminplan muss erstellt werden. Und das wichtigste dabei: Alle sollten zufrieden sein. Auch ich.

Die Rückkehr in den Arbeitsalltag hat mir wieder vor Augen geführt, dass die Selbstständigkeit vor allem eines bedeutet: Man arbeitet selbst. Und das ständig. Die vergangenen fünf Wochen sind an mir vorbei gezogen, ohne dass ich es wirklich merken konnte, denn ich war tatsächlich ständig am arbeiten.

Selbst. Und ständig. Aber ist das auch gut so?

Selbstständige Arbeit verbinden viele mit Arbeit Rund um die Uhr. Je besser dein Service, je besser deine Dienstleistung, je besser deine Erreichbarkeit, umso schneller gelingt es dir, dir einen guten Namen zu machen und Kunden für dich zu gewinnen, auf die du dich verlassen kannst.

Ich dachte vor einem Jahr genauso und war neben meiner recht flexiblen Terminvergabe so gut wie rund um die Uhr per WhatsApp für meine Schüler, aber auch für die Eltern zu erreichen.

Damit habe ich vor ein paar Monaten aufgehört.

Wenn es um die ständige Erreichbarkeit geht, kann ich mich gut an eine Situation erinnern: Ich war an einem Wochenende bei meiner Familie, wir saßen sonntags am Mittagstisch, aßen gerade etwas und ständig vibrierte mein Handy. Normalerweise erreichen mich gerade an Wochenenden eher weniger Nachrichten, weshalb ich es selten lautlos stelle. Dementsprechend genervt waren wir von der ständigen Störung, weil wir eigentlich nur in Ruhe etwas essen wollten. Mein Vater fragte mich, wer mir denn die ganze Zeit schreibe, weil eigentlich alle Personen, die mich derartig über das Handy terrorisieren, mit mir am Tisch saßen. Leicht genervt gab ich „Meine Schüler“ von mir. „Sie schreiben dir am Wochenende? – Ja. – Und du antwortest darauf? – Ja.“ Er schüttelte den Kopf und ließ das Thema auf sich beruhen. Aber ich merkte ihm an, dass er sich ein „Selber schuld“ verkniff.

Schon lange vor dieser Situation hatte es mich immer mehr genervt, dass meine ständige Erreichbarkeit wie selbstverständlich vorausgesetzt wurde. In manch einem Blogpost habe ich mich darüber ausgelassen, dass man unter anderem davon ausging, dass ich abends um 22 Uhr noch meine Termine plane und über Nachhilfe diskutiere. Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, wie ich diesen Umstand ändern kann, ohne damit einen falschen Eindruck zu erwecken – denn prinzipiell helfe ich gerne und bin für meine Schüler auch zwischendurch da, sofern es nicht in stundenlanger Arbeit ausartet, und wollte diesen Eindruck eigentlich nicht zerstören.

Selbstständigkeit heißt zwar, selbst zu arbeiten. Aber eben doch nicht ständig. 

Öffnungszeiten von Geschäften sind für uns selbstverständlich. Wir nehmen es im Großen und Ganzen ohne zu Murren hin, dass die Läden generell sonntags geschlossen haben und nur in wenigen unter der Woche der Einkauf auch noch nach 20 Uhr möglich ist. Bei Dienstleistern ist das irgendwie anders. Wir erwarten top Service, top Leistung – und das rund um die Uhr. Das kann nicht funktionieren, irgendetwas leidet darunter. Und sei es nur der Dienstleister selbst, der auf einmal kein Wochenende mehr hat.

Deshalb habe ich mich dazu entschieden, nicht ständig zu arbeiten. Zumindest nicht offiziell. Ich muss nicht ständig erreichbar sein, um gute, qualitativ hochwertige Arbeit abzuliefern und meine Schüler optimal zu betreuen. Und aus diesem Grund habe ich meine Erreichbarkeit eingeschränkt. Montag bis Freitag von 10.00 Uhr bis 19.00 Uhr. Ich arbeite in dieser Zeit ständig – sei es, indem ich in der Uni bin, im Büro am Schreibtisch sitze, Anfragen bearbeite oder von einer Nachhilfestunde zur nächsten düse. Und das reicht aus. Das ist eine 45 Stunden Woche. Und damit ich mich selbst auch wirklich daran halte und nicht doch ständig und immer auf alles reagiere, habe ich Privates vom Geschäftlichen getrennt, auch wenn das bedeutet, dass ich nun auf zwei Geräten WhatsApp mit unterschiedlichen Nummern installiert habe. Auch wenn das bedeutet, dass ich jeden Abend einen Blick auf mein Bürotelefon werfen muss, statt alles kompakt auf meinem privaten Handy zu haben.

Gleichzeitig bedeuten diese „Bürozeiten/Sprechzeiten/wie auch immer man sie nennen mag“ aber nicht, dass ich nur in dieser Zeit arbeite. Denn ja – man arbeitet als Selbstständiger ständig und selbst. Aber auch das sollte man mit Maß und Ziel angehen.

Bis die Tage,

Jess

2 thoughts on “Selbst. Und ständig. [#excerptsofworkadaylife »3«]

  1. Ich bin vollzeit selbstständig und habe das ganz ähnlich gelernt. Ich muss nicht mehr nach 20 Uhr Mails checken (gerade wenn man weiß, dass definitiv nichts dringendes kommt) und auch nicht ständig das Handy und er Hand haben und sämtliche Plattformen checken.
    Im Urlaub schalte ich beruflichen sogar total ab und begnüge mich mit einer Abwesenheitsnotiz. Solche kleinen Pausen tun einfach gut und sorgen dafür, dass man nicht ausbrennt. So sehr man seine Arbeit liebt, es gibt auch immer wieder Menschen die sich recht unverschämt aufführen. Und solchen nimmt man damit ein wenig den Wind aus den Segeln.

  2. Von diesen unverschämten Menschen kann glaube ich jeder Selbstständige ein Lied singen. Ich frage mich nur, was eigentlich in den Köpfen vob ihnen vorgeht. Mir würde z.B. nie in den Sinn kommen, jemanden aus geschäftlichen Gründen nach 20 Uhr noch direkt zu kontaktieren (also per Telefon oder WhatsApp). Das finde ich wirklich total unhöflich.

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