Vermisst du es? Vermisst du mich?

Ein weiteres Wochenende. Eine weitere Fahrt über die Autobahn Richtung Süden. Ein weiterer Blick auf deinen ehemaligen Wohnort.

Vermisst du es? Vermisst du mich?

Die Zeit mit dir erscheint mir so unendlich weit entfernt. War sie Teil eines anderen Lebens? Wahrscheinlich. Denn ich habe mich verändert. Du hast dich verändert. Lange Zeit haben wir uns auf einem gemeinsamen Weg befunden, mit Ritualen, die uns so vertraut waren, die uns glücklich machten. Kleine Dinge, vor allem aber ganz viel gemeinsame Zeit. Hätte man uns damals erzählt, wie es eines Tages endet, hätten wir wohl lauthals losgelacht. Aber vielleicht war das einfach zu naiv, zu leichtgläubig, zu weltfremd.

Denn jeder gemeinsame Weg endet irgendwann an dieser einen, alles entscheidenden Gabelung. Der eine Weg führt uns wieder zusammen. Der andere trennt uns – auf Ewig. Wir haben uns für die zweite Option entschieden. Oder vielleicht gehe ich auch so weit zu sagen, dass du dich für die zweite Option entschieden hast, während ich die erste auswählte, und vergeblich an dem Punkt wartete, der uns wieder zusammenführen sollte. Und irgendwann aufgab, weil ich das Warten leid war und es mich zerrissen hat. So zerrissen, dass ich für all das nur noch Sarkasmus übrig habe. Der sich noch nicht einmal gegen dich richtet, sondern gegen dieses Leid. Gegen mich selbst. So oft fragte ich mich damals, ob ich den falschen Weg eingeschlagen hatte. Aber mittlerweile weiß ich, wohin welcher Weg führte. Dass diese Illusion des Zusammenführens eben nichts weiter als das war – eine Illusion. Denn ich habe mich verändert. Du hast dich verändert.

Ich weiß, dass zu allem – aber vor allem zu solchen Entscheidungen – immer zwei Personen gehören. Zu jedem Streit. Zu jeder Trennung, egal welcher Art. Ich weiß, dass ich einige Dinge anders hätte machen können, dass ich vielleicht an vielen Punkten zu verbohrt war, zu viele Anforderungen gestellt habe. An dich. Aber auch an mich. Ich habe an „Das Perfekte“ geglaubt und mich von Bildern blenden lassen, die mich seit meiner Kindheit begleiten. Ich weiß mittlerweile so vieles. Aber weißt du es? Hast du dir je Gedanken über all das gemacht, oder bist du einfach deinen Weg gegangen, ohne je zurückzublicken? Blickst du heute noch je zurück, so wie ich es immer wieder mache, ohne es wirklich zu wollen?

Vermisst du es? Vermisst du mich?

Du bist gegangen. Du hast alles hinter dir gelassen. Neuanfang. Es gibt keine Ecken, die dich an die gemeinsame Zeit erinnern könnten. Sie sind hier, bei mir. Ich fahre an deinem Wohnort vorbei und erinnere  mich – an gemeinsame Abende. An so viel Gelächter. An so viele positive Tränen. An so viele kuriose Begegnungen an diesem Ort. Ich lächle, weil diese gemeinsamen Erinnerungen schön waren. Gleichzeitig kann ich nicht vermeiden, dass mir einen Moment später die Frage durch den Kopf geht, ob es dir genauso geht. Denkst du je daran? Hat das alles je Platz in deinen Gedanken? Gibt es auch bei dir diese Momente, die in der einen Sekunde mit einem glückseligen Lächeln und in der anderen Sekunde mit dem Stich des Verlustes verbunden sind? Und will ich tatsächlich Antworten auf all diese Fragen?

Vermisst du es? Vermisst du mich?

An lauen Sommerabenden stehe ich vor unserem alten Lieblingsrestaurant und beobachte die vorbeifahrenden Autos, während ich auf das Essen warte. Ich schaue an die Wand und sehe vor mir, wie du dich daran gelehnt hast. Fast höre ich das Lachen, welches den Straßenlärm manchmal übertönte. Ich erinnere mich daran, wie schnell die Wartezeit verging, als wir gemeinsam warteten, diskutierten, lachten und ernsthafte Gespräche über unsere Zukunft und unsere Vergangenheit führten, uns groß fühlten, die Weltherrschaft ergreifen wollten. Ich denke daran, wie wir den ein oder anderen großen Schritt im Leben genau so gefeiert haben – mit unserer kleinen Runde, mit unserer geliebten Routine. Mit ganz viel Zeit füreinander, die einfach so verflog. Die jetzt nicht mehr gegeben ist. Nach und nach verschwinden all unsere Plätzchen. Ich fahre an dieser einen Bank fast tagtäglich vorbei, und mittlerweile ist sie kein Rückzugsort mehr. Auf einmal stehen dort, wo wir immer den Blick über die Stadt genossen haben, Häuser. Neu, unverbraucht. Ohne alte Lasten, der einzige Hinweis auf früheres ist der Grund, auf dem sie stehen. Wie ein Bild für das, was wir einst hatten.

Vermisst du es? Vermisst du mich?

Aber es heißt so schön – die Zeit heilt alle Wunden. Und vielleicht ist eine der größten Wunden, die die Zeit einem zufügen kann, die Tatsache, dass wir erwachsen werden, dass wir nicht mehr planlos die Weltherrschaft an uns reißen und uns wie große Philosophen fühlen wollen. Aber so wie uns die Zeit diese Wunde zufügte, so heilte sie diese auch wieder – aber diese Wunde hinterlässt Spuren. Und jetzt weiß ich – es waren nicht wir, die die Entscheidungen getroffen haben, welche Wege für uns die richtigen sind. Es war die Zeit, die uns älter werden ließ  – und uns voneinander entfernte. Und wie auch die Zeit ist das, was wir hatten, nicht wieder zurückzubringen. Denn wir können weder die Zeit zurückdrehen noch all das löschen, was diese Erfahrung mit uns gemacht hat. Ich zumindest nicht. Ich will es auch nicht.

Denn ich muss ehrlich sein: Mittlerweile vermisse ich es nicht. Mittlerweile vermisse ich dich nicht. 

Und damit geht es mir gut, denn der süße Schmerz ist verschwunden.

 

Kommentar verfassen