Wie ein Moment dein ganzes Leben verändert.

„Ich fange jetzt als Nachhilfelehrerin an und habe im Hit Einkaufszentrum Schrammel gekündigt. Das war gar nicht so einfach, ich gehe mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge. Aber ich freue mich wahnsinnig auf meine neue Tätigkeit als Nachhilfelehrerin und habe jetzt auch schon drei Schüler in Aussicht, welche ich ab Dezember betreuen darf. :)“

Am 01.12.2013 habe ich meinen ersten Vertrag als Nachhilfelehrerin unterschrieben. Als ich damals diese Zeilen tippte, wusste ich nicht, was in den nächsten drei Jahren auf mich zukommen wird. Ich war schon damals Studentin und hatte einen Nebenjob, der mich jedes Wochenende kostete, was mich ziemlich nervte. Und auf einmal wurde ich Nachhilfelehrerin.

Ich kann mich noch gut an mein Vorstellungsgespräch erinnern. Eigentlich hatte ich erwartet, in einem dieser kühlen Nachhilferäumlichkeiten zu landen und ein relativ professionelles Gespräch zu führen. Empfangen wurde ich von meiner neuen Chefin allerdings in ihren Wohnräumen und durfte auf einer Couch bei gedimmten Licht Platz nehmen. Wir klärten, was wir am Telefon noch nicht besprochen hatten, wir besprachen privatere Themen, und 90 Minuten später war ich eingestellt und mit meiner Chefin bereits per Du. Dieses Verhältnis besteht bis heute noch. Und es ebnete mir den Weg für so vieles.

Vor drei Jahren wagte ich mich also an meine ersten Stunden als Nachhilfelehrerin. In meinen Studienfächern Deutsch und Geschichte war ich sicher, Französisch und Englisch gingen zum damaligen Zeitpunkt dank Überschneidungen mit Geschichte auch noch ganz gut – nur bei Mathematik hatte ich Kopfschmerzen. Mein Abitur war immerhin zu diesem Zeitpunkt schon fast zwei Jahre her und wenn ich ehrlich bin, habe ich damals nicht alles zu 100% gewissenhaft gelernt, auch wenn ich im Schnitt immer auf eine sehr gute Zwei, ab und an in der Kursstufe auch auf die Eins kam. Und doch war es genau dieses Fach, welches so gefragt war – Mathematik. Also sah ich mich irgendwann mit der Tatsache konfrontiert, Mathematik zu unterrichten. Auch in der Kursstufe. Und das bereitete mir ein bisschen Sorge.

Mein erster Schüler aus der Kursstufe war ein Fachhochschüler, der sein Fachabitur in Mathematik mit einer guten Drei abschließen wollte. Mit jeder Stunde, die ich ihm gab, fand ich mich immer besser in die Themen ein – und lernte dazu. Obwohl es mir anfangs vor diesem Unterricht graute, hatte ich wirklich Spaß an der Sache. Er machte seinen Abschluss mit der gewünschten Note und ich war erst einmal „arbeitslos“, weil ich nur noch zwei Schüler hatte. Und eine davon lief noch nicht einmal über meine Chefin, sondern privat, da sie nicht im Einzugsgebiet des Lernkreises wohnte. Erst als meine Chefin mich an einen weiteren Lernkreis vermittelte, hatte ich schlagartig sehr viel Arbeit und teilweise zehn bis fünfzehn Wochenstunden, weil ich eine sehr zeitintensive Abschlussschülerin über meine zweite Chefin vermittelt bekam.

Dennoch war es das große Glück, dass ich bei meiner ersten Chefin gelandet bin, denn genau diese Schülerin – die ich vor knapp drei Jahren das erste Mal privat unterrichtete – war die erste Schülerin meines Unternehmens. Und sie ist auch der Grund, weshalb ich so rasant so viele weitere Schüler übernehmen konnte. Als sie mir im Juli 2015 sagte, dass sie im kommenden Schuljahr nicht mehr nach Bedarf, sondern möglichst wöchentlich mindestens eine Stunde nehmen wollte, war mir sofort bewusst, dass dies nicht ohne offizielle Abwicklung funktionieren könnte. Es ist etwas anderes, jemanden wöchentlich zwei, drei Stunden zu unterstützen, als vielleicht alle zwei Monate mal für ein, zwei Stunden. Das ließ sich nicht mehr ohne Geldfluss regeln und den Staat bescheißen wollte ich auch nicht, weshalb ich mich mit meiner Steuerberaterin in Verbindung setzte, die mir riet, offiziell ein Nachhilfeunternehmen zu gründen. Und auf einmal war ich nicht nur Nachhilfelehrerin, sondern Gründerin und Geschäftsführerin. Und das innerhalb von anderthalb Jahren. Wie ich mich mit dieser unverhofften Selbstständigkeit fühlte, habe ich bereits in diesem Beitrag ausgiebig erklärt.

Auch dass ich im Laufe des Jahres bereits Chefin war, habe ich erwähnt, da ich Anfang des Jahres merkte, dass ich alleine die Nachfrage nicht mehr bedienen kann. Da das Nachhilfegeben allerdings nicht jedem liegt, trennten sich die Wege von meiner Mitarbeiterin und mir wieder, sodass ich zu Schuljahresbeginn sämtliche Schüler wieder alleine übernommen habe. Das war soweit auch in Ordnung, weil es nicht so viele waren und ich mit dem Arbeitspensum zurechtkam. Nur hat sich eben dies in den letzten zwei Monaten fast verdoppelt, sodass ich wieder vor dem Problem stand, dass ich die Nachfrage nicht mehr alleine bedienen konnte. Ich entschied mich also, es noch einmal mit einem Mitarbeiter zu probieren und machte mich auf die Suche. Mit Erfolg.

Seit dem 01.12.2016, also auf den Tag genau drei Jahre, nachdem ich selbst als Nachhilfelehrerin angefangen habe, bin ich wieder Chefin. Und gleichzeitig Gründerin und Geschäftsführerin. Und Nachhilfelehrerin. Und Studentin. Ich hätte vor drei Jahren nie gedacht, dass es jemals soweit kommen würde, da ich eigentlich immer davon ausging, maximal zwei Tätigkeiten nachzugehen – nämlich dem Student sein und irgendeinem Nebenjob, der es mir ermöglicht, mein Leben zu finanzieren. Aber – ich bin stolz darauf. Stolz auf das, was sich aus dem entwickelt, was eigentlich nie geplant war. Stolz auf die Ideen, die in meinem Kopf rumspuken und das Unternehmen 2017 weiterbringen sollen. Aber vor allem bin ich stolz auf mich. Denn auch wenn ich es selten so empfinde – es gehört einiges dazu, das alles unter einen Hut zu bekommen und mit der Verantwortung, die ich dadurch teilweise übernehme, umzugehen.

Nach drei Jahren in diesem Job ist mir eins klarer denn je: Ich mache ihn gerne. Ich helfe immer noch wahnsinnig gerne anderen bei Problemen und noch lieber gebe ich mein Wissen weiter. Am liebsten mag ich es, diesen berühmten Moment der Erleuchtung bei meinen Schülern zu sehen, wenn ich ihnen – teilweise nur mit klitzekleinen Hilfestellungen oder Hinweisen – den Weg dazu ebne, selbst auf die Lösung des Problems zu kommen. Auch wenn es mir manchmal schwer fällt, mich zu motivieren, das Haus zu verlassen und einen Tag mit fünf Stunden Nachhilfe am Stück hinter mich zu bringen, mich das teilweise ziemlich schlaucht und ich ab und an auch über die Leute schimpfe, die vergessen, dass ich auch irgendwann einmal Feierabend oder Wochenende haben möchte, liebe ich meinen Job trotzdem. Und ich bin froh, vor über drei Jahren den Entschluss gefasst zu haben, meinen sicheren Job als Kassiererin aufzugeben und dafür einen Job als Nachhilfelehrerin mit variierender Stundenanzahl pro Monat anzunehmen. Denn ohne dieses Wagnis wäre ich jetzt nicht hier, in dieser Situation, die mich so ausfüllt.

Bis die Tage,

Jess

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