Auf einmal ist alles anders.

Der 25. Januar. Eigentlich ein ganz normaler Tag. Ein ganz normaler Mittwoch. Und doch ist es nicht so.

Normalerweise würde ich heute irgendwie versuchen, meinen Großvater zu erreichen. Denn er hat heute Geburtstag. Seit ich denken kann gehört dieser Termin immer zu den ersten, die ich Jahr für Jahr in meinen Kalender eintrage. Und eigentlich war auch der Samstag nach dem 25. Januar immer belegt. Zum Feiern. Um gemeinsam Zeit zu verbringen. Zu lachen.

Aber auf einmal ist alles anders. Seit fünf Jahren ist alles anders.

Denn: Mein Großvater ist ein Pflegefall. Seit einem Unfall, den er vor fünf Jahren hatte, ist er halbseitig gelähmt und ans Bett gefesselt. Hat abgebaut. Körperlich wie geistig. Und es zerreißt mich, ihn so zu sehen.

Vor fünf Jahren habe ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht, wie es sein wird, wenn meine engsten Bezugspersonen langsam, aber sicher alt werden. Ich habe eine sehr junge Familie, schließlich kam ich auf die Welt, als meine Eltern gerade einmal 18 Jahre alt waren. Alles erschien mir so weit weg. Es war noch genug Zeit, sich darauf vorzubereiten. Sich langsam mit dem Gedanken anzufreunden. Zu überlegen, wie man reagiert, wenn so etwas einmal eintritt. Und auf einmal ist alles anders.

Von einen Tag auf den anderen können wir keine Geburtstage mehr mit ihm feiern. Wenn wir eine Feier haben, dann ist er nicht da. Wir werden alle älter, größer, erwachsener, und er kann all das nicht miterleben. Er sieht uns nur selten im Jahr, denn sowohl ich als auch meine Familie wohnen 100 Kilometer von ihm entfernt. Und jedes Mal, wenn wir ihn sehen, haben wir uns verändert. Sind erwachsener geworden. Beschreiten weiter unseren Lebensweg. Immer, wenn wir ihm davon erzählen, merken wir, dass es belastet. Ihn, weil er all das nicht mehr aktiv miterleben kann. Uns, weil wir ihn so leiden sehen, wenn wir von unserem Leben berichten.

Immer ist da dieses schlechte Gewissen. Ich weiß, dass ich im Gegensatz zu meinen Geschwistern eher die Möglichkeit habe, ihn zu besuchen, denn ich bin mobil, die 100 Kilometer, die uns trennen, sind für mich fast alltägliche Wegstrecke. Aber: Es fällt mir schwer, ihn zu besuchen. Es fällt mir schwer, ihn so gebrochen zu sehen. Es fällt mir schwer, dieses neue Bild mit dem Bild zu vereinen, welches sich aus meinen Kindertagen in meinem Kopf eingebrannt hat. Es fällt mir schwer, ihn so zu sehen, hilflos mit ansehen zu müssen, dass er nichts mehr aus seinem Leben machen kann. Dass all seine Träume und auch sein Wille, etwas zu verändern, erloschen sind. Dass meine Erzählungen ihm schmerzlich bewusst machen, was er alles verloren hat. Und es macht mich traurig. Er wird sich nie ein Bild davon machen können, wie ich – als seine erste Enkelin, die endlich groß ist – lebe. Er wird nie meine Wohnung besichtigen können. Er wird nie auf meiner Hochzeit sein können.

Ich weiß nicht, wie es ist, wenn sich von einen Tag auf den anderen alles ändert und so vieles vorbei ist. Ich sehe nur die andere Seite, die, die hilflos zusehen muss. Und seit fünf Jahren freue ich mich nicht mehr auf den 25. Januar oder den Samstag danach. Seit fünf Jahren plagen mich die Gewissensbisse, die Traurigkeit, die Hilflosigkeit, wenn ich an meinen Großvater denke. Und je älter ich werde, umso mehr weiß ich: Das ist nur der Anfang. Denn ich werde höchstwahrscheinlich bei noch viel mehr Menschen miterleben müssen, wie sich ihr Leben verändert. Und sei es nur, wenn sie alt werden und das Bild, welches dabei entsteht, nicht mehr mit dem Bild übereinstimmt, welches sich in Kindertagen eingebrannt hat.

Und wenn ich ehrlich bin: Auch nach fünf Jahren mit dieser Erfahrung bin ich nicht bereit dafür.

 

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