Workaholic

Ich liebe Diskussionen. Diskussionen, die hängen bleiben. Die die eigene Weltanschauung verändern. Die auch noch Wochen danach zum Nachdenken anregen. Grundsatzdiskussionen, die unterschiedliche Blickwinkel an den Tag bringen, bei denen man am Esszimmertisch sitzt, hitzig diskutiert und vor lauter Worten das Essen vergisst, welches langsam, aber sicher kalt wird.

Erst vor kurzem habe ich eine solche Diskussion geführt. Es ging darum, wie viel man arbeitet, wie gerade Frauen es schaffen, die Arbeit, den Haushalt und alles andere unter einen Hut zu bekommen, ohne daran zu verzweifeln. Weshalb manche von ihnen in ihrer Arbeit aufgehen, andere wiederum brav das Hausfrauchen spielen, um bloß nicht arbeiten zu müssen und wiederum andere vollkommen damit überfordert sind acht Stunden Arbeit und den Haushalt unter einen Hut zu bekommen. Aber auch darum, woher das Pflichtgefühl gegenüber dieser Aufgaben kommt. Denn für mich ist es selbstverständlich, allen Verpflichtungen nachzukommen. Irgendwie, nicht immer perfekt, aber doch so, dass vor allem ich zufrieden damit bin.

„Du hattest eigentlich nie eine große Auswahl. Prägend für dich waren deine Eltern, dein Vater, der ständig arbeitet; deine Mutter, die nie arbeitete und immer noch nicht wirklich arbeiten will, sondern viel lieber das einfache Leben genießt. Zwei Ansichten, die gegensätzlicher nicht hätten sein können. Und du hast dich dazu entschieden, den Weg deines Vaters einzuschlagen, du kleiner Workaholic.“

Und ja, es stimmt. Ich hatte die Wahl, eine Frau zu werden, die absolut klischeehaft in die Rolle der Mutter und Hausfrau und damit in ein völlig veraltetes Frauenbild passt, oder den anderen Weg einzuschlagen, für den ich mich letztlich entschieden habe. Aber wenn ich ehrlich bin – ich hätte mich bis zu diesem Gespräch nie als Workaholic bezeichnet, denn ich empfand es nie so. Und auch jetzt begegne ich diesem Begriff mit Skepsis.

Dennoch – es ist so. Nicht im extremen Ausmaß, sodass ich ohne Arbeit gar nicht mehr leben kann, aber die Tendenzen sind da. Ich weiß nicht, wie oft es mir am Monatsende schon passiert ist, dass ich meine Stunden zusammengezählt und abgerechnet habe und mich darüber wundern musste, weshalb es so viele sind – denn für mich war es eigentlich ein „schwacher“ Monat. Wie oft ich mich – obwohl ich eigentlich müde, lustlos und genervt von mir selbst war – ins Arbeitszimmer gesetzt habe und Ruhe für meine getriebene Seele in der Arbeit gefunden habe. Wie viele Phasen es gab, in denen mein Leben aus schlafen, essen, duschen und arbeiten bestand. Zwar endeten diese immer wieder nach spätestens vier Wochen, aber gerade danach befand ich mich meistens in einem Loch, in welchem ich nicht viel mit mir anzufangen wusste und nach neuer Arbeit suchte – sei es, indem ich das Arbeitszimmer ausmistete, meine Planung und Organisation überarbeitete oder nach einem neuen Projekt suchte, welches die gewonnene Zeit füllte.

Aber ich bin damit nicht unglücklich. Ja, natürlich jammere ich ein bisschen vor mich hin, wenn ich wieder eine Woche mit 25 Stunden ohne Vorbereitungs- und Fahrtzeit habe und aus diesen 25 reinen Nachhilfestunden auch noch 30 werden. Denn es ist nicht mein normales Pensum, es ist leicht nervig, wenn ich relativ früh am Vormittag das Haus verlasse und abends erst wieder spät nach Hause komme, vor allem wenn ich in solchen Phasen auch noch viel für die Uni zu erledigen habe. Aber es gehört für mich dazu. Es ist selbstverständlich für mich, viel zu arbeiten, und nebenbei noch den Haushalt zu schmeißen und Zeit für meine Liebsten zu finden.

Vielleicht habe ich mich daran gewöhnt, ein Workaholic zu sein, ohne selbst zu merken, dass ich einer bin. Vielleicht sehe ich es aber auch einfach nicht so eng wie meine Umwelt. Mir ist es auch schon einige Male passiert, dass mir gesagt wurde, dass man bei meiner Tagesplanung durchdrehen würde und es allein durch meine Erzählungen nach Stress und viel Arbeit klingt. Aber ich empfinde das nicht so. Bin ich abgestumpft? Oder habe ich einfach nur den Blick für ein gesundes Maß verloren? Und wieso soll etwas ungesund sein, wenn ich selbst mich doch im Grunde ganz wohl damit fühle?

Das Einzige, was ich bei all dem vernachlässige, bin meistens ich selbst. Das hat aber nicht unbedingt damit zu tun, dass ich zu viel arbeite, sondern vielmehr damit, dass ich mich aktuell nicht wirklich mit mir, meinen Gedanken und Gefühlen auseinandersetzen will. Alles, was meinen Kopf beschäftigt, hält mich davon ab, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Das Problem kenne ich, auch weiß ich, dass es nicht gut ist, nicht auf sich selbst und seine Gefühle zu hören. Aber genauso, wie ich es gerade durch meine Pflichten unterdrücke, kann ich mir auch wieder Raum dafür geben. Mir passiert das nicht unbewusst, ich kontrolliere es und weiß, wann ich wieder mehr Raum für mich als für meine Arbeit brauche, denn in solchen Phasen biete ich beispielsweise keine Samstage als Nachhilfetage an oder lasse den Haushalt einfach mal Haushalt sein.

Vielleicht ist es also gar nicht so schlimm, das Wort „Workaholic“ an den Kopf geknallt zu bekommen. Zumindest, wenn es nicht ganz so ernst gemeint ist.


Während meiner Recherchen zu diesem Post bin ich auf diesen Artikel der Zeit gestoßen, welcher vor einem Jahr veröffentlicht wurde. Ich finde es sehr interessant, wie vielfältig diese Sucht sein kann und das sich durchaus der ein oder andere in den Erzählungen wiederfindet – auch ich. Aber beim Lesen habe ich auch festgestellt, dass ich die Bezeichnung Workaholic durchaus mit einem Schmunzeln auf mich beziehen kann, denn auch wenn es Phasen gibt, in denen sich die Symptome häufen, so gibt es auch Tage wie heute, an denen mich meine Arbeit absolut nicht interessiert und links liegen gelassen wird.

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