Monatsrückblick #9: März, April und Mai 2017

Drei Monatsrückblicke in einen Post zu packen ist gar nicht so einfach. Nicht, weil es mir zu viel Text ist, sondern weil ich irgendwie das Gefühl habe, viele kleinen Details der letzten drei Monate vergessen zu haben. Also habe ich tatsächlich Twitter als meine Grundlage genommen – meine Tweets, die immer wieder meine Gedanken über die Monate hinweg festgehalten haben. Eigentlich hatte ich zu Beginn des Jahres ein Tagebuch als Grundlage für solche Posts, aber das steht weiterhin unberührt im Regal. Es fällt mir immer noch schwer, hinter meine eigenen Gedanken zu kommen, die Arbeit, die Uni und alle anderen Verpflichtungen bei Seite zu schieben und das zu erkennen, was hinter all dem steckt. Aber ich taste mich ran – unter anderem mit diesem Beitrag.


Anfang März war meine Welt eigentlich noch in Ordnung. Mein Alltag bestand aus viel Arbeit, denn zum damaligen Zeitpunkt hatte ich noch vier Abschlussschüler, die mit meiner Hilfe irgendwie durch die Prüfung kommen mussten. Dazu war im März die elende Zeit zwischen den Fasnachts- und Osterferien gekommen, in der generell gaaaanz viele Klassenarbeiten geschrieben werden mussten, sodass sich meine freien Tage in diesem Monat echt in Grenzen hielten. Vor allem auch aufgrund der Tatsache, dass meine Schüler sich zu Meistern der Prokrastination entwickelten und ich den Mist permanent ausbaden durfte. Ja, ich bin selbst kein Held, was effektive Einteilung der Arbeit angeht, ja, ich habe oft genug die Nacht durchmachen müssen, um einen Abgabetermin einzuhalten, ja, ich erledige Dinge auch auf den letzten Drücker, aber verdammt noch mal – ich mache es am Ende doch SELBST, ohne die Hilfe von anderen. Und das ist etwas, was mich im März extrem nervte und sich bis heute nicht wirklich geändert hat. Auch tanzten mir im März einige Eltern echt auf der Nase rum, sodass ich zum ersten Mal androhen musste, die Nachhilfe einzustellen. Schwupps, funktionierte wieder alles wie gewohnt, man hielt sich an Regeln und Absprachen und respektierte meine Arbeit. Irgendwie weiß ich an dieser Stelle nicht, ob ich traurig oder wütend darüber sein soll, dass man diese Wertschätzung erst erfährt, wenn man androht, dass man seine Arbeit nicht weiter ausübt.

Neben der Arbeit machte mir mein zickiges Auto zu schaffen, welches sich am Anfang des Monats als undicht entpuppte (von dem fehlenden Dichtring an der neu eingebauten Benzinpumpe hatte ich ja bereits berichtet). Allerdings ließ es mich nicht im Stich, als ich nach Frankfurt musste, um die liebe miiiezekatze abzuholen, also haben wir uns diesbezüglich ein klein wenig versöhnt.

Mitte März dann der Einschnitt. Der Todesfall. Die Zeit stand für eine Weile still und ich versteckte meine Gedanken und Gefühle hinter großen Mauern, hinter Arbeit und Ablenkung. Die Ablenkung gestaltete ich vielfältig: Zum einen beschäftigte ich mich vormittags vor der Arbeit mit der Renovierung des Dachgeschosses, um so den Schulungsraum für den Crashkurs noch rechtzeitig fertig zu bekommen. Durch diese Anstrengung den Tag über – die Konzentration beim Renovieren, die Konzentration bei der Nachhilfe, die hauptsächlich aus Mathestunden bestand – träumte ich irgendwann nur noch davon, wie ich beim Laminat verlegen Matheaufgaben löste. Klingt witzig, ließ mich aber oft schweißgebadet aufwachen.
Zum anderen entdeckte ich das Kino wieder für mich. La La Land und Die Schöne und das Biest bieten mir genug Ablenkung, denn sie verzauberten mich unter anderem durch die Musik auf eine Art und Weise, die kaum zu beschreiben ist. Ich glaube auch, dass diese beiden Filme meine Lieblingsfilme dieses Jahr sind und bleiben werden.

Meine Schwester eröffnete mir übrigens nach dem Kinobesuch von Die Schöne und das Biest, dass sie die animierte Version nicht kenne. Ebenso andere Filme, die ich über alles liebe und über die ich seit Jahren sage, dass ich sie unbedingt auf DVD kaufen muss, um sie eines Tages meinen Kindern zeigen zu können. Nunja.. ich fange wohl lieber mit meinen Geschwistern an.

Beim Lesen meiner Tweets ist mir übrigens dieser hier aufgefallen, den ich besonders mag:

„Es ist so süß, wenn du mit der Katze schimpfst & dabei auf Russisch fluchst.“
„Wieso?“
„Naja. Sie hört ja schon nicht, wenn du Deutsch redest.“

 


Der April begann mit vielen Wutanfällen beim Renovieren. Ich hatte ja schon geflucht, als ich in der eigenen Wohnung Laminat verlegen durfte, weil ich dachte, dass der Boden hier an einigen Stellen uneben sei – aber das Dachgeschoss hat das definitiv getoppt. Ich war gerade alleine, mit der ersten Bahn in einem Zimmer seit 45 Minuten beschäftigt und von der Woche völlig gerädert, und dann meinte dieser scheiß Boden, mich ärgern zu müssen. Wie es dann funktioniert hat? Ich habe die Platten angebrüllt, dass ich sie gleich aus dem Fenster werfe, wenn es jetzt nicht sofort funktioniert, bin kurz ein Radler holen gegangen, habe das im einen Zug geleert und mich dann wieder an die Arbeit gemacht. Und siehe da: Es funktionierte. Meine Erkenntnis lautet also: Verlege nie nüchtern einen Boden. Nie.
Neben dem Boden habe ich mich auch an Steckdosen und Lichtschalter gewagt. Hat auch wunderbar funktioniert. Meine Erkenntnis an dieser Stelle: Lang nicht todesmutig an eine Steckdose, die eventuell doch nicht an der Sicherung des Raumes hängt, in dem du gerade werkelst, sondern überprüfe, ob tatsächlich der Strom weg ist. Das Kribbeln war ein komisches Gefühl, aber im Kopf war ich nach dem leichten Stromschlag echt wunderbar klar.

Direkt nach den Renovierungsarbeiten folgte mein Crashkurs in Mathe und Deutsch zur Abiturvorbereitung. Gerade in der Woche, in denen ich die drei Sternchenthemen behandelte, merkte ich, wie viel Spaß es mir macht, das Wissen, welches ich über Literatur habe, weiterzugeben, mit Hintergrundinformationen die Köpfe der Schüler zum Rauchen zu bringen und gleichzeitig für neue Erkenntnisse zu sorgen. Ich merkte aber auch, wie sehr mir die hitzigen Deutschstunden der Kursstufe und die langen Seminartage mit spannenden Diskussionen in der Uni fehlen. Mein Herz hängt an der deutschen Sprache, am Spiel mit der Sprache und viel zu selten habe ich die Möglichkeit, dieser Liebe nachzugehen.

Tja. Auf den Crashkurs folgte die nächste Katastrophe. Ich wollte mich zum Staatsexamen im Herbst anmelden, was in Geschichte wunderbar geklappt hätte und in der Germanistik aber fast völlig schief gegangen wäre, denn ich hatte die Frist für die Zwischenprüfung nicht auf dem Schirm, da ich sie in Geschichte relativ früh bestanden hatte und sie in dem Onlineportal, in welchem ich in der Germanistik meine Leistungen überprüfe, nicht aufgeführt ist. In der ersten Woche nach dieser Nachricht dachte ich, dass ich mich nach einer Alternative umschauen müsste, weil ich mein Studium in der Germanistik nicht abschließen durfte. In der zweiten Woche schöpfte ich nach einem Gespräch mit einem anderen Studienberater wieder Hoffnung, da er aufgrund des privaten Chaos in den letzten zwei Jahren verstand, weshalb ich diese Frist aus den Augen verloren habe und anerkannte, dass ich trotz allem mein Studium so gut wie fertig hatte und ansonsten alle erforderlichen Leistungen erbracht hatte. Härtefallantrag. Noch eine Woche warten, noch eine Woche Panik schieben – und dann war der Antrag durch. Ich darf mein Examen also doch machen. Zwar nicht im Herbst, denn die Anmeldungsfrist dafür war zu diesem Zeitpunkt schon wieder vorbei, aber im Frühjahr. Und aus dieser Erfahrung habe ich definitiv gelernt, dass man sich in der Uni auf nichts verlassen darf – nicht auf Onlineportale, die die eigene Leistung überprüfen, nicht auf Systeme, die eigentlich bei den zuständigen Personen Alarm schlagen müssten, dass da eine Frist übersehen wurde, nicht auf Studienberater, die in dir aufgrund einer „Null-Bock-Einstellung“ innerhalb von fünf Minuten die größte Panikattacke deines Lebens auslösen und sich dann einen Scheiß für dich interessieren. Ich liebe mein Studium, ja und ich bin dankbar für alles, was ich an der Universität lernen durfte. Aber ganz ehrlich: Es gibt genug Dozenten, die ich meiden und in schlechter Erinnerung behalten werde, weil sie menschlich einfach ein Eisklotz sind.

Es ist ärgerlich, dass sich mein Examen nun deshalb ins nächste Jahr verschoben hat. Aber manchmal läuft das Leben einfach nicht nach Plan, manchmal wird man mit Rückschlägen konfrontiert, manchmal muss man für drei Wochen durch die Hölle gehen, um sich vor Augen zu führen, was man verloren hätte, wenn man diesen Weg nicht gegangen wäre. Mein Studium war für mich immer nur Mittel zum Zweck – ich arbeite nicht gerne wissenschaftlich – aber ich bin froh, dass mir dieses Mittel nicht genommen wurde.


Der Mai begann mit der Erleichterung, was mein Studium angeht. Auch führte ich zu diesem Zeitpunkt ein langes Gespräch mit meinem absoluten Lieblingsdozenten am Germanistischen Seminar, welcher genau das hat, was vielen fehlt: Nicht nur fachliche, sondern auch menschliche Kompetenz. Ich konnte mein Herz etwas erleichtern, ich konnte mit ihm über fachliche Dinge sprechen, er gab mir Tipps für das Staatsexamen, er gab mir sogar Tipps für meine Zulassungsarbeit, da er ebenfalls Germanistik und Geschichte studiert hatte und an dem Thema, welches mir vorschwebte, einen idealen interdisziplinären Anknüpfungspunkt sah. Und er machte mir das schönste Kompliment in den fünf Jahren an der Uni: Ich habe den Eindruck, dass Sie in Ihrem Leben angekommen sind und Ihren Weg meistern werden. 

Nach dieser Achterbahnfahrt wegen meines Studiums begann im Mai wieder der Arbeitswahnsinn. Die Prokrastination meiner letzten Abschlussschülerin sorgte nämlich dafür, dass sie kurz vor den Prüfungen in Panik ausbrach und ich daher nicht nur am Nachmittag, sondern auch vormittags arbeitete, um sie irgendwie durch die Prüfungen zu bringen. Gleichzeitig wurde ich in diesem Monat auch damit konfrontiert, wie hilflos man sich als Lehrkraft fühlt, wenn man private Probleme bei einem Schüler sieht, aber bereits alles macht, was in seiner Macht steht, um dem Schüler zu helfen – es aber einfach nicht genug ist. Das macht mich einerseits traurig und wütend. Andererseits lehrt es mich aber auch, solche Dinge nicht zu sehr an mich heranzulassen, nicht daran zu verzweifeln und einen vernünftigen Weg für den Schüler und für mich zu finden, damit umzugehen. Denn ich bin der Typ Mensch, der solche Dinge viel zu schnell an sich heran lässt und berufliches viel zu oft mit nach Hause nimmt. Leider leben wir in einer Gesellschaft, in der solche Extremfälle recht häufig vorkommen und gerade wenn man in im Beruf mit diesen Situationen konfrontiert wird, sollte man lernen, Abstand nehmen zu können.

Um mich von der Arbeit abzulenken, habe ich im Mai wieder angefangen, Bücher zu verschlingen, auch wenn mich die Auswahl, die ich getroffen hatte, nicht sonderlich begeisterte. Neben den Büchern habe ich Grey’s Anatomy für mich entdeckt – irgendwie erinnert diese Serie mich vom Mitfiebern und -fühlen stark an How I met your mother. Ich weiß, dass beide Serien Fiktionen sind, aber die Weisheiten, die teilweise nur in zwei Sätzen stecken, wühlen mich emotional doch ziemlich auf. So kommt es nicht selten vor, dass ich nachts um 12 mit Tränen in den Augen dasitze und mich davon abhalten muss, gleich die nächste Folge anzuschauen. Irgendwann muss ich unbedingt ein Notizbuch mit all diesen Weisheiten füllen.

Im Mai endete nach dreieinhalb Jahren mein Angestelltenverhältnis als Nachhilfelehrerin, weil meine letzte Schülerin, die ich noch über ein anderes Unternehmen betreute, ihren Abschluss machte und meine (Ex-)Chefin sich dazu entschieden hatte, nicht mehr in der Nachhilfebranche tätig zu sein. Es war eine spannende Zeit, die mich letztlich in die Selbstständigkeit führte, und ich bin meinem Ich von 2013 so dankbar dafür, dass es sich dazu entschied, den sicheren 450€-Job bei meinem alten Arbeitgeber aufzugeben und dafür in die von den gehaltenen Stunden abhängige und teilweise auch sehr unbeständige Nachhilfebranche zu wechseln, auch wenn das in den ersten Monaten finanziell ein Rückschritt für mich bedeutete. Heute, dreieinhalb Jahre später, weiß ich, dass ich mit meinem alten Job nie so viel für meinen eigentlichen Beruf hätte lernen können, dass ich nie so flexibel gewesen wäre, dass mir vielleicht einiges an Kopfzerbrechen erspart geblieben wäre – aber auch, dass es richtig war, diesen Schritt zu gehen. Dass es wichtig ist, den Mut für Veränderungen aufzubringen, Dinge zu wagen, manchmal unvernünftig zu sein und dadurch über sich hinauszuwachsen.

Ansonsten war es mir stark nach Veränderungen. Also hieß es ganz spontan Schnipp, Schnapp, Haare ab und ich trennte mich nach fast zehn Jahren endgültig von meiner langen Mähne. Sie reichen mir jetzt noch bis zur Schulter, der typische „Heute-habe-ich-keine-Lust-zum-Stylen-Dut“ funktioniert nicht mehr so, wie ich es gerne hätte, aber ich bin zufrieden damit. Und sie wachsen im Zweifelsfall ja immer noch nach.

Im Kino habe ich mir in diesem Monat The Boss Baby, Abgang mit Stil und Fluch der Karibik angeschaut. Trotz diverser Streaming-Dienste ist es schön, aus dem Haus zu kommen und im Kinosaal zu sitzen, auch wenn man diesen in manchen Vorstellungen ganz für sich hat.

Mein Highlight im Kino war dabei ein kleiner Junge, der bei The Boss Baby fünf Reihen vor uns saß. Als der Eisverkäufer uns viel Spaß beim Film wünschte, rief er ihm zuckersüß „Ebenfalls!“ zu. Es war so herzlich und höflich, gleichzeitig aber so unangebracht, einem Kinomitarbeiter Spaß beim Film zu wünschen. Aber es gibt Hoffnung, dass die Generation nach uns nicht völlig verloren ist.


Drei Monate in über 2000 Zeichen. Aber es tat gut, die Dinge mit einer gewissen Distanz zu betrachten.

Bis die Tage,

Jess