Ich will so viel – und doch will ich nichts.

Dienstagabend, 0.13 Uhr. Oder doch schon eher Dienstagnacht? Ich weiß es nicht. Momentan habe ich das Gefühl, dass mein Leben, mein Rhythmus, meine Planung, mein Halt irgendwie nicht ganz so funktionieren, wie sie sollten. Die Nächte, die ich in den letzten zwei Monaten vor ein Uhr nachts im Bett lag, kann ich wohl an einer Hand abzählen. Für die Nächte, in denen ich vor drei Uhr keine Ruhe fand und völlig fertig, übermüdet und antriebslos und irgendwie auch genervt um sieben Uhr den Wecker ausgestellt habe, nur um noch bis um neun Uhr schlafen zu können, reichen beide Hände nicht mehr aus. Und nein – es ist nicht mit einem „Stell deinen Schlafrhythmus her, indem du einfach um sieben Uhr aufstehst und abends wieder früh ins Bett gehst“ getan, denn viel zu oft falle ich eigentlich müde ins Bett und kann nicht schlafen.

So kenne ich mich nicht. Schlaf war für mich immer das Allerheiligste. Mein Rückzug. Meine Flucht. Und sei es nur für ein paar Stunden. Umso belastender ist es für mich, nicht wie gewohnt in den Schlaf zu finden, durchzuschlafen, morgens fit und energiegeladen aufzustehen. Ich versuche, all meinen Verpflichtungen trotzdem nachzugehen, mich dabei noch zum Sport zu motivieren und generell nicht alles negativ zu sehen. Aber es fällt mir schwer und treibt mich in den Wahnsinn. Lässt mir nachts die Tränen kommen, wenn es wieder ganz besonders schlimm ist und ich meinen Körper nur abgrundtief für die Schlaflosigkeit hasse.

Woher es kommt? Ich kann es nicht sicher sagen, aber ich denke: Ich will zu viel – und doch will nichts.

Ich will zu viel, weil ich selbst zu viel von mir verlange. Eigentlich könnte ich zufrieden mit dem sein, was ich mir aufgebaut habe – mein Unternehmen, das läuft, das mir ein schönes Leben ermöglicht und mir Luxus bietet, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt meines Lebens nicht gerechnet hätte. Mein Studium, das fast abgeschlossen ist. Mein Privatleben, mit dem ich zufrieden und glücklich bin. Und dennoch: Ich will mehr.
Ich kann nicht auf der Stelle stehen bleiben, denn seit ich denken kann war ich ein Mensch, der Herausforderungen gebraucht hat. Meine größte Motivation war immer, wenn mir jemand sagte, dass ich etwas nicht schaffe. Du wirst bei deinem Schulwechsel ein bis zwei Noten nach unten rutschen. Ich verbesserte mich in jedem Fach um ein bis zwei Noten nach oben. Innerhalb eines halben Jahres. Dass Sie in Ihrer mündlichen Abiturprüfung 15 Punkte schaffen, ist eher unwahrscheinlich, auch wenn Sie mit 13 eingereicht wurden. Ich schaffte die 15 Punkte. Das Unternehmen ist eine viel zu große Belastung neben dem Studium. Lass es lieber. Ich kämpfte dafür und schaffte etwas, was ich mir selbst nie erträumt hätte.

Und doch stehe ich aktuell auf der Stelle. Denn: Ich will so viel – und doch will ich nichts.
Das Warnsignal bezüglich meines Studiums hat mich in Panik versetzt. Für einen Moment dachte ich, dass ich fünf Jahre meines Lebens völlig sinnlos verschwendet hätte. Und seither will ich nur eins – nicht mehr so viel, um mich um das zu kümmern, was ich habe. Für mich als Mensch, der von Herausforderungen lebt, sich immer wieder an seine Grenzen treibt, ist das irgendwie eine leichte Horrorvorstellung. Denn ich habe im Hinterkopf so viele Ideen, so vieles, das ich umsetzen möchte, so vieles, um das ich mich kümmern möchte – aber ich will es doch nicht. Aus Angst, dass in dem gewohnten Konstrukt etwas schief geht. Aus Feigheit, denn die Grenze, an die ich mich so gerne treibe, möchte ich gar nicht mehr sehen. Aber auch: Aus Zweifel.

Es sind nicht unbedingt meine eigenen Zweifel, die mich davon abhalten, wieder einen Schritt nach vorne zu gehen, statt das Gewohnte zu genießen. Es sind die Zweifel meines Umfeldes, die gewaltig an mir nagen. Denn für viele bin ich nichts weiter als die Person, die im Oktober seit fünf Jahren studiert. Weshalb denn überhaupt? Ist ein Studium denn nicht nach drei Jahren vorbei? Wann bist du denn endlich fertig? 
Und ich kann mir noch so oft sagen, dass das blödes Geschwätz ist, dass die, die das behaupten, keine Ahnung von meinem Studiengang haben. Dass es richtig ist, dass man als Lehramtsstudent 10 Semester studiert. Dass es richtig ist, dass man als Lehramtsstudent, der auch noch das Latinum nachholen musste, sogar 12 Semester Studienzeit hat. Dass ich – obwohl ich studiere – arbeite, je nach Auftragslage Teil- oder Vollzeit, auch wenn das keiner sehen möchte, da es ja „nur“ ein Nebenjob ist. Dass ich in meinem Leben, in meiner Entwicklung so viel weiter gekommen bin.

Die Zweifel hemmen mich. Nagen an mir. Sorgen dafür, dass ich mich selbst hinterfrage, dass ich mir denke, ob sie nicht doch richtig sind. Und auch dafür, dass ich zwar so vieles will – aber dennoch nichts möchte, außer meine Ruhe und ein bisschen Anerkennung für das, was ich leiste.

Denn ich bin so vieles mehr als ein blöder Student in den letzten Zügen seines Studiums.