Perhaps there’s something there that wasn’t there before.

24. November 2007

Samstagabend. Es ist 18.30 Uhr. Seit einer halben Stunde sitze ich auf der eiskalten Holzbank am Bahnhof. Für November ist es in Offenburg ungewöhnlich kalt, denn normalerweise sind die wirklich richtig kalten Tage hier selten. Wir hatten uns eigentlich für 18 Uhr verabredet, aber er kommt zu spät. Klassisch verfahren. Aber ich bin ihm deshalb nicht böse, denn er hat gleich Bescheid gesagt, sich entschuldigt und ich habe etwas, was ich ihm im Spaß vorhalten kann. Zu spät beim ersten Date. Ich muss grinsen, als ich daran denke, denn irgendwie ist das heute mein erstes richtiges Date, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Wer hätte gedacht, dass mir jemand so unerwartet und so überraschend ans Herz wachsen kann? Dass es jemanden gibt, der meine Mauern mit Leichtigkeit überwindet und all das, was ich dahinter verberge, ernst nimmt? Dass es jemanden gibt, der nicht gleich das Weite sucht, weil das, was ich mit mir herumschleppe, so anstrengend ist? Ich hätte das nicht gedacht. Nie. Doch auf einmal war er da und irgendwie hatten wir es geschafft, ein Jahr lang im selben Chatraum zu sein, ohne uns wirklich ins Auge zu fallen. Und kaum wurde unser Kontakt enger und inniger, kamen bereits die ersten Gerüchte auf, wurden wir beide gefragt, ob etwas zwischen uns laufen würde, ob wir ein Paar seien und all diesen Kram. Ja, es waren Gefühle im Spiel. Aber wir waren beide so vernünftig, weiteres erst dann zu entscheiden, wenn wir uns gesehen hatten und es auch im Realen so gut funktioniert wie im Chat, am Telefon, per Skype.

In diesem Moment sehe ich ein Auto mit Pforzheimer Kennzeichen vorbeifahren. Einen Twingo. Die Debatte, ob der nun gelb oder grün ist, wird uns noch einige Jahre begleiten und wenn ich ehrlich bin habe ich vergessen, was nun im Fahrzeugschein als Farbe stand. Das Auto parkt, er steigt aus und kommt auf mich zu. Überquert die große Kreuzung am Bahnhof und wendet den Blick nicht von mir ab. Ich stehe auf und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Er kommt auf mich zu, umarmt mich, wir sehen uns in die Augen – und er küsst mich. Einfach so. Ohne weitere Worte. Ein schüchterner, liebevoller Kuss. Und dennoch steckt darin etwas, was ich nie zuvor gefühlt habe: Das Gefühl, angekommen zu sein.

Wir laufen Richtung Stadtmitte, weil wir eigentlich noch etwas essen wollten, bevor wir ins Kino gehen. Diesen Plan verwerfen wir allerdings recht schnell, denn uns ist beiden nicht nach essen – uns ist nach Händchen halten. Reden. Blicke austauschen. Küssen. Wieder reden. Die gemeinsame, kurze Zeit auskosten, jede einzelne Sekunde davon. Wir kehren zum Auto zurück und müssen dabei wieder über die zweispurige Straße am Bahnhof. Ich bin vorsichtig, denn ich weiß, wie schnell manche an dieser Stelle um die Ecke fliegen. Mit den Worten Komm, nimm meine Hand, ich bring dich sicher über die Straße greift er nach meiner Hand. Eine Situation, die sich in den nächsten Jahren oft wiederholen und uns beide an diesen wundervollen Abend erinnern wird.

Wir fahren zum Kino und verbringen die Zeit bis zum Filmstart vor dem Kino im Auto. Irgendwie lief nichts spannendes, weshalb wir uns für Ratatouille entschieden hatten. Aber der Film startet ohne uns – bis heute haben wir ihn nicht komplett gesehen. Wir parken in einer Seitenstraße, um den Kinobesuchern aus dem Weg zu gehen, und verbringen die Zeit zu zweit. Ein erstes Ich liebe dich. Kitschig, wie ich war, von mir auch auf Russisch, obwohl ich außer Flüchen in der Gegenwart von anderen kein einziges russisches Wort herausbekomme. Und auch wenn wir es nicht ansprechen, auch wenn wir uns nicht die Fragen wie Willst du mit mir gehen? oder Sind wir nun ein Paar? stellen, wissen wir beide, dass es so ist. Dass dieses Unbeschreibliche, was wir beide fühlen, nicht nur über den Chat, das Telefon oder Skype funktioniert. Dass wir beide nun WIR sind.

Es begann alles mit der Abkürzung hgl, deren Bedeutung wir bis heute nur wenigen verraten haben. Als er mich zuhause ablieferte und gehen ließ, obwohl wir beide uns nicht trennen wollten, wussten wir nicht, wohin das führen sollte. Wir wussten nur, dass es nicht leicht sein würde. Über 100 Kilometer trennten uns. Für mich als Schüler und ihn als Azubi nicht einfach eine Strecke, die man jedes Wochenende meistert. Der Altersunterschied, der für uns keine Rolle spielte, unsere Umgebung aber in Angst und Schrecken versetzte. Und die zig Zweifler, die uns keine Chance gaben, obwohl sie zu unseren engsten Vertrauten zählten. Wir waren beide nicht naiv und versuchten, die rosarote Brille möglichst beiseite zu legen, weshalb es von uns nie ein „Love for ever and ever“ oder Ähnliches gab. WIR zu sein bedeutet zu kämpfen – für einander, miteinander, im Zweifelsfall gegen den Rest der Welt.

Die Nacht zum 24. Juni 2017

Freitagabend, 23. Juni 2017. Genervt werfe ich die Tür unseres Hauses ins Schloss, denn dank stressiger Woche hat sich mein Feierabend unerwartet nach hinten verschoben. Dabei sollte heute doch ausnahmsweise einfach alles klappen. Ich hatte für 21.30 Uhr Kinokarten für Wonder Woman gekauft und da mein Magen bedrohlich laut knurrt, sollte ich zuvor noch etwas kochen, was momentan für mich einfach nur eine ätzende Angelegenheit ist, da ich zwar regelmäßig Hunger, allerdings nie groß Lust auf etwas habe. Ich betrete die Wohnung und werde von motzigem Katzenmaunzen empfangen – Amy hat wohl immer noch Hunger, obwohl sie definitiv etwas zu essen bekommen hat. Aber es ist ein abendliches Ritual und nachdem ich ihr erklärt habe, dass es nichts mehr gibt, drückt sie sich an mich, während Mia vom Balkon angeschossen kommt und sich ihre Streicheleinheiten abholt. Hey meine Schätze rufe ich durch die Wohnung und gebe meinem dritten Schatz einen Kuss zur Begrüßung. Ein Ritual, das so wichtig ist wie der Gute Nacht Kuss oder der Ich gehe aus dem Haus Kuss, den ich meist nur ansatzweise im Schlaf mitbekomme. Da seine Tante und Cousine spontan vorbei schauen, spare ich mir das Kochen und wir beschließen, nach dem Film noch zwei Pizzen zu holen.

20.50 Uhr steigen wir wieder in einen Wagen ein. Kein Twingo mehr, sondern ein BMW, der kurz nach dem Kauf von einer Freundin liebevoll als Familienkutsche bezeichnet wurde. Etwas gehetzt kommen wir am Kino an, da wir etwas zu spät los sind, keinen Parkplatz gefunden haben und im Parkhaus die engste Parklücke im gesamten Parkhaus anvisiert haben – aber ich bin ja erprobt, in Heidelbergern Parkhäusern lernt man eine Menge. In dem Kinosaal waren wir bisher noch nicht, da ich es aber nicht wirklich mag, wenn Leute hinter uns sitzen, habe ich wie immer Plätze in der letzten Reihe reserviert. Schlechte Entscheidung. Kleiner, flacher Saal, kleine Leinwand, mieser Ton und das Fluchtlicht blendete permanent von hinten. Als wir kurz vor Zwölf den Saal wieder verlassen, motzen wir fast über die gleichen Dinge, stacheln uns gegenseitig an, meckern etwas über den Film und dennoch bin ich froh, dass wir das ins Kino gehen wieder für uns entdeckt haben, wie in der ersten Zeit unserer Beziehung. Manchmal ist es einfach nur schön, nach einer anstrengenden Woche mit wenig Schlaf freitagabends aus dem Kino zu kommen und einfach etwas Belangloses zu haben, über das man gemeinsam ein bisschen meckern kann. Ich fahre zu unserem Stammlokal, wo in der Seitenstraße bei den Parkplätzen, auf welchen wir immer parken, das reinste Chaos ausgebrochen ist, da relativ viele Autos in der schmalen Seitenstraße stehen und genau zu dieser Uhrzeit auch noch ein LKW um die Ecke kommt, der den Penny beliefern möchte, welcher sich in dem Gebäude an dieser Straße befindet. Da wir mittlerweile ein eingespieltes Team sind, werden die Aufgaben geteilt: Der Eine geht zur Bank und holt Geld, der Andere bestellt, sodass die Pizzen recht schnell fertig werden. Ein super Plan, bis wir feststellen, dass die Bank zu hat und den wir uns eigentlich hätten sparen können, wenn wir beide zuvor in unsere Geldbeutel geblickt hätten. Auf die Pizzen wartend stehen wir an genau dieser einen Stelle, an der wir seit Jahren stehen. Mittlerweile ist es der 24ste, grinsend bemerke ich das, wir halten Händchen und küssen uns immer wieder – Dinge, die in der Öffentlichkeit nur selten passieren. Nicht, weil sie uns im Laufe der Jahre abhanden gekommen sind, sondern weil wir beide einfach nicht dieses klettenmäßige Aneinanderhängen brauchen, um zu wissen, dass wir zueinander gehören.

Als wir endlich nach Hause kommen, steht auf einmal auf unserem Esszimmertisch ein riesiges Geschenk. Da ich in den Tagen zuvor ziemlich unzuverlässig und auch nicht wirklich zurechnungsfähig war, zweifele ich kurzzeitig an mir, ob ich denn nicht irgendetwas vergessen hätte, doch mein Hunger besiegt die Neugier, weshalb ich das Paket erst einmal unbeachtet auf dem Tisch stehen lasse. Natürlich stellt er sich genauso ahnungslos wie ich – wie sollte es auch anders sein.

Nach dem Essen entscheide ich mich, das Paket auszupacken. Er lässt mir den Vortritt. Ich entferne das Geschenkpapier und ein Karton von Monde des fleurs kommt zum Vorschein. Monate zuvor war ich mal auf diese Seite gestoßen und wusste, dass sie extrem teuere Infinityrosen anbieten. Das war vielleicht der erste Moment, in dem ich etwas ahnte. Vorsichtig öffne ich das Paket und finde darin die Rose.

Aber… du bist doch wahnsinnig! Die sind sauteuer!
Na und? Ich dachte mir, ich schenke dir so eine Rose. Dann kannst du endlich den eingestaubten Rosenstrauß aus deinem Arbeitszimmer entsorgen.
Bist du wahnsinnig? Das ist der erste Strauß, den du mir je geschenkt hast. Und klar staubt der etwas ein. Aber ich werde irgendwann ja auch nicht einfach meinen Brautstrauß entsorgen, nur weil er etwas eingestaubt ist!

Ich packe die Rose vorsichtig aus und bin hin und weg von ihrer Schönheit. Ich wusste, dass sie einige Jahre halten sollte. Es ist eine Rose wie in Die Schöne und das Biest und das allein treibt mir schon Tränchen in die Augen, denn das Herz des kleinen Mädchens, was tief in mir verborgen ist, hängt an diesen alten Disneyfilmen und seit der Realverfilmung mit Emma Watson fiebere ich dem Veröffentlichungsdatum der Bluray entgegen, um in Kindheitserinnerungen schwelgen zu können. Und auf einmal habe ich selbst so eine Rose, die ich nur anblicken muss, um all diese schönen Erinnerungen und Gefühle, die ich mit diesem Film verbinde, wieder aufleben zu lassen.

Als die Rose endlich ausgepackt auf dem Tisch steht, entdecke ich eine kleine Ringschatulle neben der Rose. Vorsichtig hebe ich das Glas an, nehme die Schatulle in die Hand, öffne sie und sehe darin einen Ring, der mir entgegenfunkelt. Während ich nur etwas vor mich hinstottere, geht er vor mir auf die Knie.

Willst du mich heiraten?


Ich habe Ja gesagt.  Als ich meiner Großmutter von dem Antrag erzählte, sagte sie nur Was hättest du denn sonst sagen sollen! und ja, so ist es.

Lange Zeit habe ich mich hier auf dem Blog, auf Facebook, auf Instagram und auf Twitter bedeckt gehalten, was meine Beziehung oder gar meinen Beziehungsstatus angeht. Denn zwischen all dem Trubel, zwischen all denjenigen, die gekommen und gegangen sind, war das WIR immer meine Konstante. Unsere Konstante. Und die war und ist mir heilig, denn über die vielen Jahre hinweg haben wir für uns mehr kämpfen müssen, als für alles andere im Leben. Wir sind nicht perfekt, wer uns erlebt denkt bevorzugt, dass es zwischen uns kriselt(e), denn wir leben gerade Streitigkeiten in der Öffentlichkeit aus, obwohl wir uns mit Zärtlichkeiten nach Außen hin bedeckt halten. Aber das sind WIR.

Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass wir uns einst im Internet begegneten und 2007 den Mut hatten, zu unseren Gefühlen zu stehen, für uns zu kämpfen, obwohl wir von Zweiflern und Leuten umgeben waren, die uns Steine in den Weg warfen. Dass wir dabei nicht naiv waren und die rosarote Brille schnell ablegten, dass wir keine Versprechungen wie auf Ewig und für immer in die Welt setzten. Denn damals, vor über neun Jahren, wussten wir nicht, was uns erwartet und wohin das alles führen würde. Aber heute weiß ich: Wir haben all diese Steine aus dem Weg geräumt und sie dazu genutzt, uns unser Leben aufzubauen. Mit einer Liebe, die nicht perfekt ist – sondern echt. Tag für Tag. Mit all unseren Macken und Eigenarten. Wir lachen gemeinsam, wir weinen gemeinsam, wir lieben uns, wir streiten uns, wir versöhnen uns, wir ziehen uns auf, wir treiben uns an, wir unterstützen uns, wir sind für einander da. All das macht uns aus, seit wir WIR sind.

Diese Frage, dieser Ring, das ist in der Idealvorstellung die Liebe auf Ewig und für immer.

Und ich weiß, dass ich dieses Wagnis nur mit dieser einen Person an meiner Seite eingehen möchte.

Denn ich weiß, dass wir unsterblich sind.